LIFESTYLE À LA HAUPTSTADT

Berlin, deine Trends: Zwischen Kiez und Laufsteg

Nicht in den Ateliers, sondern auf der Straße werden neue Styles und Looks kreiert – und dienen den Designern als Inspiration.Bild 1: fotolia.com © catwalkphotos
Nicht in den Ateliers, sondern auf der Straße werden neue Styles und Looks kreiert – und dienen den Designern als Inspiration.
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All eyes on me! Die Augen der Modeaffinen richten sich einmal mehr auf die Hauptstadt. Die Fashion Week ist da (oder besser: war da) und hinterlässt die Aussichten auf die Trends des Jahres. Dabei ist die Veranstaltung bestenfalls die Spitze des Eisbergs, wenn es um genau solche Trends geht. Die entstehen schließlich nur bedingt auf dem Laufsteg. Wobei der Eisberg-Vergleich an dieser Stelle, zugegeben, ein wenig hinkt: Denn die Orte, an denen sie tatsächlich ihre Ursprünge haben, liegen mitnichten unter der Oberfläche – die Szene-Kieze drängen ans Tageslicht und das völlig zurecht.

 

Vom Individualismus zum Main Stream: Wie ein Trend entsteht

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Foto: fotolia.com © william87

Beim Blick auf die Models, die in perfekt choreographierter Weise die Neuschöpfungen der Mode-Label präsentieren, muss es dem unbedarften Zuschauer so vorkommen, als wäre tatsächlich das Schaffen der Designer der maßgebende und treibende Faktor in Sachen Kleidung und Stil. Ein Trugschluss, wie sich bei einem tieferen Eindringen in die Materie herausstellt. Denn des Konsumenten neue Kleider sind eben nicht bloße Kopfgeburten der Modeschöpfer, auch wenn der Mythos des kreativ Schaffenden, der aus dem Nichts gänzlich neue Ideen hervorbringt, genau das vermitteln möchte.

In Teilen mag das sogar stimmen, aber es ist dann doch sehr viel wahrscheinlicher, dass auch die genialsten Designer ihre Inspirationsquellen haben. Und die finden sich wohl weniger in den Studios und Ateliers selbst als vielmehr dort, wo das Leben stattfindet – auf den Straßen. Was dort den Trendscouts ins Auge sticht und Gefallen findet, wandert in die Styleguides, in denen die Ideen für neue Schnitte, Stoffe und Farben gesammelt werden. Im Grunde genommen kommen die Designer erst an dieser Stelle ins Spiel. Deren neue Kollektionen landen mit einem Umweg über die großen Fashion Shows und die mediale Verbreitung letztlich wieder dort, wo alles seinen Anfang genommen hat. Auf den Straßen.

Der hier beschriebene Trend-Kreislauf vom individuellen Style bis zum Main Stream-tauglichen Look ist zwar sehr auf die Modewelt bezogen. Damit ist aber keineswegs gesagt, dass es in anderen Bereichen nicht in ähnlicher Weise funktioniert. Essen, Arbeiten, schlichtweg das Leben, all das funktioniert nach einem ähnlichen Muster gegenseitig bedingter Veränderung. Und Berlin ist ein Paradebeispiel dieser Veränderung.

Wo die Trends entstehen

Um das zu erleben, muss man theoretisch nicht einmal besonders tief in die Stadt eintauchen. Als Großstadt von internationalem Rang reiht sich Berlin in die Riege der Metropolen ein, die ihre Fähigkeit zum Trendsetten in wiederkehrender Form zelebrieren. Neben dem Glamour, der auf den Shows der Fashion Week und ähnlichen Events nur allzu offenbar wird, hat die Hauptstadt aber auch noch die Kieze, in denen die Ideen für das Scheinwerferlicht unter ganz anderen Bedingungen überhaupt erst das Licht der Welt erblicken.

It’s the fashion, stupid: Trends im Scheinwerferlicht

Nichtsdestotrotz sind es in der Wahrnehmung der meisten genau diese durchgestylten Veranstaltungen, die den Grundstein für einen neuen Trend legen. Nachvollziehbar, eigentlich, denn die Präsentation auf den Laufstegen ist schließlich der erste Auftritt vor einem größeren Publikum – oder vor irgendeinem Publikum.

Die Berlin Fashion Week

„Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin.“

Franz von Suppé
(umstrittener Urheber mit wahrer Aussage)

Im letzten Jahr stand die Berliner Fashion Week im Zeichen der Veränderung. Was sich dann zwischen dem 17. und 19. Januar in einer neuen Darreichungsform niedergeschlagen hat. Die EINE Show gibt es daher gar nicht mehr, vielmehr werden die Neuheiten über insgesamt vier Messen mit verschiedenen Schwerpunkten verteilt präsentiert. Entsprechend viel gab es neben der PREMIUM auf den anderen Plattformen (SEEK, BRIGHT und SHOW&ORDER) zu sehen, dazu griff das Programm mit dem Greenshowroom, der Ethical Fashion Show und der Fashion Tech zwei der großen zeitgenössischen Themen (nachhaltiger Lebenswandel und Digitalisierung/Technisierung auf).

Trailer zur Berlin Fashion Week 2017

Quelle: youtube.com

Was bleibt für ein modischer Eindruck für den bevorstehenden Herbst und Winter zurück? Die Frau trägt wieder Anzug, feminin interpretiert und nach dem Etablieren des Damen-Smoking durch Yves Saint Laurent (was immerhin schon in den 60er Jahren stattfand) ein neuerliches textiles Ausrufezeichen für die weibliche Aufbruchsstimmung.

Dem steht die Wiederkehr eines weniger alten Stils zumindest im ersten Moment ein wenig entgegen. Die Elemente der Neo Romantik – Rüschen, Spitze, Samt – fügen sich mit floralen Mustern aber dennoch zu einem Ausdruck starker Feminität zusammen. Hiermit greifen die Designer den Trend des Layerings auf – ein weiterer Gruß aus den 90ern. Allerdings nicht immer in der gewohnten Weise, das sonst übliche Übereinander der Stoff- und Kleidungsschichten kann zukünftig auch umgekehrt werden.

Farblich geht es wenigstens teilweise in ungewohnte, weil bislang gemiedene Gefilde – Pink und Rot (oder Bordeaux) können/dürfen jetzt doch miteinander, was bislang als No-Go galt. Vor allem Pink tritt dabei gerne als metallisch glänzendes Element auf, was zugleich ein Aufgreifen eines weiteren Trends ist. Glanz und Metallic, in verschiedenster Weise und mit verschiedensten Materialien auf und in die Textilien gebracht, bringen die 80er und 90er zurück in die Kleiderschränke.

Ethical Fashion Show

Ethical Fashion Show Berlin 2017

Quelle: youtube.com

Wie wichtig das Thema ökologisch und fair produzierte Mode inzwischen ist, lässt sich schon alleine am Ausstellerrekord feststellen, die Ethical Fashion Show und Greenshowroom in diesem Jahr verzeichnen konnten. Wiederkehrende Trends unter der „Green Fashion“ sind – wie kaum anders zu erwarten – Ressourceneffizienz und Kreisläufigkeit, dazu nähern sich die Kollektionen hinsichtlich Design und Performance immer mehr an die „konventionellen“ Modelinien an.

Gleichzeitig wird ethische Mode immer abwechslungsreicher, von der Vorstellung unförmiger und langweiliger Kleidung müssen sich Skeptiker zügig verabschieden – denn Öko-Mode geht selbstverständlich auch in schick. Von Mustern über Farben bis zu den Schnitten ist der ökologisch vertretbare Style zumindest optisch kaum bis gar nicht von dem zu unterscheiden, was die Mode-Welt ansonsten so zu bieten hat.

Fashion Tech

Die Zukunft der Mode wird aber nicht nur in zunehmendem Maße den sozial und ökologisch bewussten Labels gehören, sondern womöglich auch denjenigen, die die Verbindung von Kleidung und Technik in sinnvoller Weise herstellen können. Die Fashion Tech gibt zumindest einen Eindruck davon, wohin diese Verbindung führen könnte.

Ebenfalls im Zeichen nachhaltigerer Produktion stehen dabei die Versuche, ganze Kleidungsstücke per 3-D-Druck zu fertigen. Anders als Wearables, die sowieso kaum noch aus dem Alltag wegzudenken sind und schon deswegen jenseits ihrer Funktionalität zunehmend auch modische Accessoires werden, ist das jedoch noch kaum mehr als Experiment mit ungewissem Ausgang. Überhaupt geht es auf dieser Messe weniger darum, alltagstaugliche Mode zu schaffen, als vielmehr die Möglichkeiten aufzuzeigen, die in der Symbiose von Mode und Technik liegen können. Das gilt für intelligente Kleidung, die sich der Stimmungslage ihres Trägers anpasst genauso wie für Stoffe, die aus Bakterienzellulose gewonnen werden. Mode aus dem Labor sozusagen. Auch hier muss sich die Zukunftsfähigkeit erst noch erweisen.

 

More than fashion: Der Kiez als Trendsetter

Die Trends für den Alltag entstehen aber (bislang) eher selten unter Laborbedingungen, sie entstehen, wie eingangs erwähnt, auch nicht am Reißbrett und noch weniger auf den Laufstegen – sie entstehen auf der Straße. Findet auch die Fashion-Bloggerin Julia Dalia. Im Interview verrät die junge Berlinerin, dass sie ihre Inspiration hauptsächlich aus dem direkten Umfeld bezieht. Gleichzeitig trägt sie mit ihrem Wirken als Bloggerin – und inzwischen auch Persönlichkeit des öffentlichen Lebens – dazu bei, die neuen Trends auf den Weg zu bringen. Das Umfeld sind aber nicht nur die Menschen, die einen umgeben, dazu gehört auch die Lebenswelt, in der man sich bewegt. Und die fördert eben nicht nur modische Neuheiten zutage.

Bild 3: fotolia.com © ArTo
Zwischen hip und verträumt, immer mit ganz eigenen Ecken und Kanten – so präsentieren sich Berlins Kieze, wie etwa der Prenzlauer Berg.
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Berliner Lebensart: Das Kommen und Gehen der „Szene-Kieze“

„Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist abstoßend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen, wo man geht und steht – aber mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können!“

Anneliese Bödecker
(Berliner Verdienstordenträgerin mit Insider-Wissen)
Berlin ist vielleicht nicht unbedingt „the city that never sleeps“ (zumindest wäre es dann doch reichlich spät, den Titel noch in Anspruch nehmen zu wollen), aber man sagt immerhin – und das mit einiger Berechtigung, seit etwas mehr als 100 Jahren sogar – dass es dazu verdammt ist „immerfort zu werden und niemals zu sein“. Mit „man“ ist ziemlich konkret der Kunstkritiker Karl Scheffler, der schon 1910 diese immer noch aktuelle Charakterisierung niederschrieb. Als Fazit seiner Analyse, die er vielsagend mit „Berlin – ein Stadtschicksal“ überschrieben hat.

 Tatsächlich ist es kaum von der Hand zu weisen, dass Scheffler in gewisser Weise Recht behalten hat. Berlin verändert sich ständig und auch wenn es diesen „Zustand“ mit den meisten Großstädten der Welt teilt, hat es ihn doch zum Markenzeichen-Status erhoben. Was Karl Scheffler vermutlich nicht gefallen würde, weil es ihm schon damals nicht gefallen hat. Obwohl das Unfertige (vom BER vielleicht einmal abgesehen, aber das ist nun mal eine andere Geschichte) selbstverständlich kaum immer etwas Schlechtes sein muss. Immerhin steht es für Veränderung, für das Lebendige. Davon wiederum hat Berlin eine ganze Menge zu bieten.

  • Wedding etwa gehört zu den fast klassischen Fällen. Auch wenn die Veränderung zum „Szene-Kiez“ hier ein vergleichsweise schleichender Prozess ist. Was ebenfalls nicht schlimm ist, denn in Zeiten des immer schnelleren Lebenswandels ist etwas Entschleunigung vielleicht doch bisweilen der gesündere Ansatz. Wahrscheinlich auch, um all die Schätze (wieder-)zu entdecken, die sich über die einzelnen Kieze des Wedding verteilen.

Die liegen tatsächlich im gesamten Spektrum zwischen Tradition und Trend. Um es mit einem alkohollastigen Beispiel zu belegen: Im Brüsseler Kiez werden Freunde des vergleichsweise jungen Craft-Beer-Trends genauso fündig (in der Vagabund Brauerei nämlich) wie Anhänger des traditionellen-traditionsreichen Genusses (in der seit 1874 betriebenen Preußischen Spirituosen Manufaktur).

Textil-Affine hingegen dürften sich im Brunnenviertel wohl fühlen, nicht nur während des „Wedding Dress-Festival of Urban Fashion and Lifestyle“, das die Mode-Präsentationen ein wenig vom Main Stream ermöglicht. Das bedeutet in jedem Fall Innovation und die bringt das Brunnenviertel auch auf den Teller. Das Volta bietet internationale Küche, auf gehobenem Niveau, in entsprechend modernem Design. Grundsätzlich hat der Wedding also die besten Voraussetzungen, um ein wirklicher Szene-Kiez zu sein, nämlich die richtige Mischung aus neu und alteingesessen, aus authentisch und richtungsweisend.

  • Neukölln goes Hipster und das ist vielleicht für die meisten Nicht-Berliner eine Überraschung. Zu weit vorausgeeilt war dem Bezirk der Ruf eines Problem-Kiezes, der in Kriminalität und Arbeitslosigkeit versinkt. Ohne ein übermäßig rosiges Bild zeichnen zu wollen, aber seit ein paar Jahren stehen die Zeichen in Neukölln auf Aufbruch.

Es ist (noch) internationaler geworden, dazu braucht es nicht einmal einen Blick in die Speisenkarten der Gastro-Betriebe (auch wenn sich das wirklich lohnen könnte), die sich mittlerweile – siehe das Eins 44 – sowohl in der Kulinarik wie auch in der Kulisse auf ein durchaus gehobenes Niveau begeben. Wem der Sinn nach Abwechslung für den Gaumen steht, wird in den Neuköllner Restaurants und Bistros jedenfalls definitiv auf seine Kosten kommen.

Verlängerter Ausflug auf die Insel? Das liegt in Moabit in jedem Fall im Bereich des Möglichen.
Verlängerter Ausflug auf die Insel? Das liegt in Moabit in jedem Fall im Bereich des Möglichen.
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Allerdings ist der Gastro-Bereich längst nicht der einzige, der von der Anziehungskraft Neuköllns auf die internationale junge Garde profitiert – für kreative Köpfe, die einen Platz zur Selbstverwirklichung suchen, ist der Kiez eine beliebte Anlaufstelle geworden. So gestalten die Menschen nicht nur ihr eigenes Leben, sondern gestalten gleichzeitig das Gesicht Neuköllns um.

  • Der Problemkiez von einst wird zunehmend Anlaufstelle für junge, internationale Kreativköpfe.
    Der Problemkiez von einst wird zunehmend Anlaufstelle für junge, internationale Kreativköpfe.
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    Moabit ist in mancherlei Hinsicht ein ganz ähnlicher Fall wie Neukölln – ein Bezirk geprägt von den Vollzugsanstalten und dem Problem der Arbeitslosigkeit. Dabei gibt es hier so viel mehr, in der Stadt. Denn kaum anders präsentiert sich Moabit selbst und tut recht daran. Eine von Spree und Kanälen umgebene, durch Brücken mit dem Rest Berlins verbundene Insel-Stadt. Nicht wie Venedig, aber dafür mit ganz eigenem Charme.

Und mit allem, was es für ein gutes Leben braucht. Hier lässt sich, was in anderen Teilen Berlins zur schlichten Unmöglichkeit geworden ist, bezahlbarer Wohnraum finden, hier gibt es Kneipen und gutes Essen, hier gibt es mit der Arminius-Markthalle ein Highlight in jeder Hinsicht und es gibt mit der Kulturfabrik Moabit eine Institution, die seit rund einem Vierteljahrhundert der Künstlerszene als Zentrum gilt.

Das ist vielleicht nicht alles so hip wie in anderen Kiezen in Berlin, aber es ist doch ein authentisches Stück Berlin – und das kommt ja wohl nie aus der Mode.

Eat it oder leave it: Gastronomische Vielfalt

Der kurze Abstecher in die Kiez-Regionen Berlins macht es bereits deutlich – verhungern muss hier niemand. Nicht einmal mit dem allerausgefallensten Geschmack. Die Speisenkarte von Berlin ist groß und es ließe sich vortrefflich darüber streiten, welches der rund 4.560 Restaurants das Beste ist. Geschmäcker sind da Gottseidank verschieden, denn sie bescheren der Stadt letzten Endes die Vielfalt im Gastro-Bereich.

Da muss allerdings selbst eine noch so „kurze“ Vorauswahl der Top-Adressen wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirken und der eine oder andere persönliche Geheimtipp verloren gehen (schwacher Trost am Rande: Die wirklich guten Geheimtipps bleiben normalerweise selten lange so geheim – was auch nicht immer ein Vorteil für die Fans sein muss). Über den – aufstrebenden und/oder etablierten – Restaurants schweben auch immer größere Trends.

Hintergrund Grafik: fotolia.com © max_776
Hintergrund Grafik: fotolia.com © max_776

Wie zum Beispiel der sogenannte Migrations Food, was als neuer Trend verkauft, aber im Grunde genommen in einer multikulturellen Stadt wie Berlin schon lange der Standard ist – ein kulturspezifisches Essens-Angebot. Also afghanische, persische, ghanaische Küche und viele andere mehr, die sich vielleicht zunächst hauptsächlich an die Menschen aus den Ursprungsländern richtet, die es nach Berlin verschlagen hat, die aber eben auch für die restlichen Einwohner Berlins ein Zugewinn ist. Abgesehen davon, dass diese Form der deutlich individuelleren Gastronomie ein erfrischender Gegenpol zu großen Ketten darstellt.

Weiterhin im Trend bleiben wird auch das wachsende Bewusstsein der Gäste für das Essen selbst, also für die Produkte, deren Herkunft und Verarbeitung. Nachhaltigkeit, Regionalität und Gesundheit sind inzwischen ebenso bestimmend wie das exklusive Geschmackserlebnis und das „Drumherum“. Wenn die Gäste sensibler werden, haben die Gastronomen im Grunde genommen kaum eine Wahl, als dem Folge zu leisten. Das gilt für gehobene Restaurants ebenso wie für die Street Food Märkte und Food Trucks. Qualität geht dann doch gemeinsam mit der Liebe durch den Magen.

Berlin goes green: Das ökologische Gewissen der Stadt

Die Vorreiterrolle in Sachen ökologischer Lebenswandel hat Kreuzberg inzwischen abgetreten – aber die Möglichkeiten sind immer noch vorhanden.Foto: fotolia.com © DanBu.Berlin
Die Vorreiterrolle in Sachen ökologischer Lebenswandel hat Kreuzberg inzwischen abgetreten – aber die Möglichkeiten sind immer noch vorhanden.
Foto: fotolia.com © DanBu.Berlin

Nachhaltigkeit ist grundsätzlich ein gutes und wichtiges Thema für die Berliner. Was ja nicht zwingend selbstverständlich ist, wenn man in einer Großstadt lebt. Vielleicht gewinnen angesichts der überall vorhandenen urbanen Strukturen die verbliebenen grünen Oasen umso mehr an Bedeutung und Strahlkraft. Wobei es natürlich an der Realität vorbeiginge, die Stadt als betongegossenen Moloch hinzustellen, der jedwedem Grün den Platz und die Luft nimmt. Das Gegenteil ist der Fall, weite Teile der Industriestadt von früher sind nach wie vor grün, wenn nicht sogar waldig oder zumindest mit dem einen oder anderen Baum versehen (von denen es immerhin etwa 440.000 gibt).

Da das Grün also schon integraler Bestandteil der Stadt ist, wie sollte es sich also mit seinen Einwohnern anders verhalten? Richtig, tut es ja gar nicht. Im Gegenteil lassen sich überall über die Stadt verteilt Beweise dafür finden, wie ernst es den Berlinern mit ihrem ökologischen Gewissen ist. Und damit ist nicht die Vorliebe für die Gärten und Parks gemeint, jedenfalls nicht ausschließlich. Wobei es durchaus eine immer weiter verbreitete Liebe zu den urbanen Gärten und Mitmach-Parks gibt.

Aber selbst darüber hinaus findet das Thema Nachhaltigkeit Einzug in eine ganze Reihe Berliner Lebenswelten und so werden neue Wohnquartiere ganz im Zeichen des ökologisch-ökonomisch intelligenten Bauens und Wohnens errichtet, wie der EUREF-Campus. Was für die Wissenschaft recht ist, kann für die Hotellerie nur billig sein. Bio-Zertifizierungen sind selbst für etablierte Größen der Branche wie das Steigenberger oder das Maritim proArte ein erstrebenswertes Ziel, weil das Bewusstsein für Nachhaltigkeit von Kundenseite wohl geschätzt wird – denn es zeigt nicht nur das grundlegende Verständnisse für die Erfordernisse unserer Zeit, sondern auch eine besondere Sorge um das Wohl der Gäste.

Allerdings wird sich jeder früher oder später auch mal wieder eigenverantwortlich um sein Wohl kümmern müssen. Dass das beispielsweise in puncto Mode kaum mehr ein Problem darstellt, weil ökologisch produzierte Kleidung zu den wichtigeren Trends der Branche gehört – keine große Neuigkeit mehr. Ein ähnlich alter Hut ist das Prinzip Bio-Laden. Den ersten gab es in Kreuzberg schon 1978, ein flächendeckendes Angebot an Bio-Märkten, Boutiquen für Öko-Mode oder Studios für Naturkosmetik hat sich allerdings erst in den letzten Jahren entwickelt. Gewissermaßen als „Modell-Region“ kann der Prenzlauer Berg gelten. Vegane Supermärkte, dazu der mit 1.600 Quadratmetern Fläche größte Bio-Supermarkt Europas, Einkaufen ohne Verpackungsmüll – es scheint, Berlin ist für den Nachhaltigkeits-Trend mehr als gewappnet. Wahrscheinlich auch einer der Gründe dafür, dass die Internationale Grüne Woche in der Hauptstadt angesiedelt ist.

Digitale Gemeinschaft: Startups und Coworking

Apropos Ansiedeln. Das gilt nach wie vor auch für junge Unternehmen, die eine dynamische Arbeitsumgebung mit internationalem Flair suchen. Willkommen also in Berlin. Das gilt insbesondere für den digitalen Bereich. Die Zukunft hier könnte golden sein, denn im internationalen Vergleich ist die Stadt eine günstige Basis, dazu bietet sie ein multikulturelles Umfeld. Das Wort Schmelztiegel will einem einmal mehr in den Sinn kommen und in der Tat sind die Grundlagen hierfür vorhanden.

Dazu gehören erfolgreiche Gründer-Programme, die Tatsache, dass Berliner Gründer es so weit geschafft haben, selbst als Investoren agieren zu können und nicht zuletzt die bereits erwähnten Kosten – die selbst für Westeuropa immer noch zu den attraktivsten gehören. Hier kann im Idealfall mit vergleichsweise wenig Ressourcen ein Ziel erreicht werden.

Nebenprodukt der Berliner Digitalszene sind übrigens die Coworking-Räume. In der ganzen Stadt verteilt gibt es inzwischen über 100 sogenannte Coworking-Spaces, in denen sich Freiberufler und/oder kleinere Firmen die Räumlichkeiten teilen, ohne einander auf geschäftlicher Ebene in die Quere zu kommen. Wenngleich solche Zusammenkünfte selbstverständlich auch einen fruchtbaren Austausch fördern können. An erster Stelle steht aber auch hier das Ressourcen-Management. Wer ohnehin auf die Kosten achten muss, um sein junges Unternehmen oder seine Geschäftsidee nicht von Beginn an finanziell zu gefährden, findet auf diese Weise eine im Wortsinn günstige Gelegenheit, um sesshaft zu werden.

„Berlin, die größte kulturelle Extravaganz, die man sich vorstellen kann.“
David Bowie
(kurzzeitiger, aber überzeugter Wahl-Berliner)

Vermutlich hat Herbert Grönemeyer, für eine Ruhrpott-Größe irgendwie ja auch naheliegend, bei seinem „Bleibt alles anders“ nicht unbedingt Berlin im Sinn gehabt. Trotzdem kommt man nicht umhin zu bemerken, dass zumindest die Zeilen des Refrains das Zeug zum Motto für die Hauptstadt hätten. Tatsächlich bleibt hier alles anders, das Leben ist ein Hin- und Her zwischen Rückbesinnung auf das „ursprüngliche“ Berlin, auf die Tradition, das Authentische und dem Voranschreiten in Neues, der Hang zur Veränderung. Und irgendwo dazwischen entstehen sie, die neuen Trends, die neuen Styles, schlicht neue Lebenswelten.

Der permanente Zustand des In-Bewegung-seins mag manche überfordern (auch wenn es sie natürlich gibt, die Ruheoasen, in denen die Zeit still zu stehen scheint). Für Kreative mit Ideen und Schöpfungsdrang ist Berlin allerdings wie gemacht, die perfekte Brutstätte für den (interkulturellen) Austausch und ein Quell ständiger Inspiration. Bleibt eben wirklich alles anders, in Berlin. Und das ist auch gut so.

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