Polen in Berlin

Berlin, die westlichste Stadt Polens

Die Polen in Berlin, obwohl nach den Türken zweitgrößte Minderheit, fallen meist nicht auf. Und doch gehören sie seit Jahrhunderten zum Stadtbild dazu

Polen in Berlin
Foto: Maria Kossak

Du Polackensau!“, brüllte mir Christian ins Gesicht und sah dabei fast genauso erschrocken aus wie ich, obwohl er einen Kopf größer war und ein Iron-Maiden-T-Shirt trug. Wir waren elf, lungerten auf dem Schulhof herum und Christian war eigentlich mein Kumpel, vermutlich wollte er irgendeine Grenze überschreiten. Hat er. Das war aber schon das Schlimmste, was ich an Diskriminierung in Berlin erlebt habe. Abgesehen von blöden Scherzen, die man sich auch nach 30 Jahren germanischer Sozialisation von Kollegen in der Redaktion anhören muss, wenn es ums Thema Klauen geht.

Trotz aller Klischees und Vorurteile: Die Polen gelten als Vorzeigemigranten. Vermutlich weil sie nicht auffallen, bis auf die paar obdachlosen Schnorrer vorm Kaiser’s an der Warschauer Straße lösen sie sich ganz gut im Stadtbild auf. Meist wohnt der Berliner Pole in den äußeren Bezirken des ehemaligen West-Berlins, in Spandau, Reinickendorf oder im südlichen Neukölln. Er lernt brav die Sprache, geht tüchtig seinem Job nach und schickt seine Kinder auf die Schule, ohne dass sie kriminelle Laufbahnen einschlagen. Auch neigt er nicht dazu, nur unter seinesgleichen zu sein. Die beliebtesten ausländischen Frauen der Deutschen sind Polinnen, Mischehen sind sehr beliebt.

So geht Integration, wenn nicht sogar Assimilation – die Polen sind der Traum von Thilo Sarrazin! Sicher, es gibt auch saufende Schwarzarbeiter, Diebe, Hundepunks und illegale Prostituierte, aber auf der anderen Seite auch den polnischstämmigen Autor Paul Bokowski, die Journalistin und „Spiegel-Online“-Kolumnistin Margarete Stokowski oder die Künstlerin Alicja Kwade.
Etwa 50.000 Menschen mit polnischem Pass leben in Berlin, dazu mehr als noch einmal so viele mit polnischem Migrationshintergrund. Und anders als bei den Türken, der vor den Polen größten Minderheit, sind die Polen in verschiedenen Migrationswellen nach Berlin gekommen und dadurch als Community heterogener strukturiert.
Bereits im 19. Jahrhundert wanderten viele Polen aus ihrer geteilten Heimat nach Berlin aus, um Arbeit zu finden oder zu studieren, aus ähnlichen Beweggründen also wie heute auch. An die 100.000 polnische Bürger lebten einst in der preußischen Metropole und da sie sich damals schon gern mit den Deutschen paarten, erklärt es die Vielzahl der mit „-ski“, -cki“ oder „-sky“ endenden Nachnamen in der Region, die heute als urberlinerisch gelten: Borkowsky, Gotzkowsky, Rogacki, Kowalski.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ebbte die Lust auf Deutschland etwas ab, dafür gab es Gründe, aber wieder in den 1970er- und vor allem den frühen 1980er-Jahren flohen Künstler, Dissidenten und Akademiker in die Mauerstadt, die „Solidarność“-Migration, zu der auch meine Eltern gehörten. Und einige Jahre später strömten die Spätaussiedler, meist aus Schlesien, ins Land.
Seit Polens EU-Beitritt 2004 ziehen junge Menschen, Studenten, Andersdenkende und nicht selten auch Schwule und Lesben ins liberale, weltoffene und hippe Berlin. Diese junge Generation, die als Europäer und nicht als Migranten nach Berlin kam,  brachte neuen Schwung ins polnische Berlin.
Die Galerien Collectiva und Żak/Branicka entstanden, wichtige Künstler wie Sławomir Elsner und Katarzyna Kozyra bezogen hier Ateliers und es gründeten sich neben polnischen Lebensmittelläden auch angesagte kulinarische Hotspots wie das Tak Tak Deli in Mitte oder die Pierogarnia im Wedding.

Aus so vielen Einflüssen formt sich kein einheitlicher Block. Die polnische Diaspora, Polonia genannt, ist vielfältig. Das zeigte sich zuletzt nach den politischen Umbrüchen in Polen: Während sich als Reaktion auf das nationalpopulistische PiS-Regime um Jarosław Kaczyński auch in Berlin eine sehr aktive KOD-Gruppe (Komitee zur Verteidigung der Demokratie) bildete, gingen auf der Gegenseite die um die polnische Kirche am Südstern herum organisierten erzkonservativen Klubs der „Gazeta Polska“ auf die Straße und beschimpften die polnischen Berliner, die sich für freie Medien und unabhängige Gerichte stark machten. So spiegelt sich der nationale Konflikt Polens auch an der Spree wider.
Berlin ist die westlichste Stadt Polens, scherzt man manchmal in Warschau. Aber noch ist Polen nicht verloren und man kann ein vielfältiges Polen in Berlin entdecken oder einfach mal hinfahren. Bis zur Grenze sind es 80 Kilometer und in der nächstgrößeren Stadt ist man in zwei bis drei Stunden.

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare