Graphic Novel

„Berlin. Flirrende Stadt“ von Jason Lutes

Licht und Dunkel: Jason Lutes schließt mit „Berlin. Flirrende Stadt“ seine grandiose Trilogie über Berlin am Ende der Weimarer Republik ab

(c) Jason Lutes/ Carlsen

Auf wenige Comics haben Fans so sehnsüchtig gewartet wie auf die Fortsetzungsbände von Jason Lutes „Berlin“-Trilogie. Als 2003 der erste Teil „Berlin. Steinerne Stadt“ in deutscher Übersetzung erschien, ging er durch die Decke. Kritik und Leserschaft waren begeistert von dieser vielstimmigen Erzählung aus den letzten Tagen der Weimarer Republik.

Im Zentrum stehen die junge Kunststudentin Marthe Müller und der Journalist Kurt Severing, die gemeinsam eine Stadt erleben, die von den Mai-Protesten 1929 durchgeschüttelt wird. Die vielen anderen Figuren stehen hier noch am Rand der Erzählung und erhalten erst im zweiten Band „Berlin. Bleierne Stadt“ tragende Bedeutung. Da ist der junge Jude David Schwartz, der zum Ziel des grassierenden ­Judenhasses wird. Die junge Hedonistin Anna begeistert Marthe mit ihrer Lebendigkeit und zieht sie damit bis in ihr Bett. Die Arbeiter­familie Braun zerbricht an den politischen Entwicklungen, weil sich der Familienvater gemeinsam mit Sohn Heinz auf die Seite der Nazis schlägt, während sich seine Frau Gudrun gemeinsam mit ihren Töchtern Silvia und Elga für die Kommunisten entscheidet. Lutes ­wollte „Menschen aus allen Lebensbereichen“ in seiner Trilogie haben, um zu verstehen, warum sie bestimmte Entscheidungen trafen. „Warum sie der NSDAP beitraten oder Kommunist wurden. Warum sie wählten zu reden, zu kämpfen oder davonzulaufen“, erklärt er im Interview mit dem „Tagesspiegel“.

Als wäre es eine Nebensache, erzählt Lutes im zweiten Band vom ansteckenden Kulturleben im krisengeschüttelten Berlin. Jazz, Lesbenkabarett und Kokain ließen die Stadt noch einmal hell aufleuchten, bevor sie im Dunkel der Nazidiktatur versank. Lutes hat zudem das Schicksal der linken Wochenzeitschrift „Die Weltwoche“ aufgegriffen und erzählt von den rechtsnationalen Kampagnen gegen ihre Macher. „Bleierne Stadt“ verweist nicht nur auf die Schießereien in der Stadt, sondern auch auf die Bleilettern, mit denen die Weltwoche gedruckt wird.

Endlich, 15 Jahre nach Band 1 und zehn Jahre nach Band 2, erscheint mit „Berlin. Flirrende Stadt“ der letzte Teil der Trilogie, in der die vielen offenen Enden der Erzählung zusammengeführt werden. Einmal mehr fängt Lutes in diesem Comic den atemlosen Rhythmus der Stadt ein. Das erbarmungslose Neben- und Übereinander der unterschied­lichen Welten, in denen die Menschen in Berlin Anfang der 30er-Jahre lebten, wird noch einmal zum Taktgeber dieser Geschichte.

Und wenn am Ende einige liebgewonnene Handlungsstränge ein jähes Ende finden, schwindet alle Hoffnung. Helden, die voller ­Erwartungen nach Berlin kamen, wenden sich enttäuscht ab. Es bleiben nur ­die Jüngsten, die mit der Stadt in eine jahrelange Finsternis ­stürzen werden. Wie es dazu kommen konnte und was den Einzelnen bewog, „zu reden, zu kämpfen oder davonzulaufen“, davon erzählt Jason Lutes in diesem grandiosen Opus ­Magnum der Menschlichkeit.

Berlin. Flirrende Stadt von Jason Lutes, Carlsen, 161 S., 14 €

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