Stadtleben und Kids in Berlin

Berlin: Hauptstadt der Darkrooms

Berlin ist die Stadt mit den meisten Darkrooms – ein Eldorado für Sex-Abenteurer. Jetzt entdecken auch immer mehr Heteros die Vorzüge der Dunkelräume. Wir wollten wissen, wie es dazu kam

Runde, braungebrannte Brüste überall. Bil­der aus Erotikmagazinen zieren die grauen Betonwände. Auf einem Tisch liegen drei weitere, noch unbenutzt aussehende Magazine. „Die Schwulen, die am letzten Wochenende zur Afterparty vom Hustlerball hergekommen sind, waren schon etwas erstaunt“, erzählt Isan Oral grinsend.

Oral macht den Dice Club in der Voltairestraße in Mitte. Seit Kurzem gibt es hier über den beiden Tanzflächen einen eigenen Dark­room. Es ist der erste in Berlin, der sich explizit auch an He­te­rosexuelle richtet. Ein Durchgang führt in den dunklen Raum. „Nicht erschrecken, ich nehme dich mal an die Hand und führe dich.“ Isan Oral hat die Wände abgetastet und in alle Ecken geschaut, aber er findet den Lichtschalter nicht. Es bleibt stock­dunkel. Auch der Schein unserer Handys lässt nicht so richtig erkennen, wie es hier eigentlich aussieht. Erst als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen, erahnt man drei kleine Kabinen, abgeteilt mit dünnen Holzplatten.

In Schienbeinhöhe liegen dünne Matten auf Paletten. „Die Vorhänge fehlen noch“, sagt Oral. Dann geht es weiter. Auf der linken Seite ist ein Durchgang zu ertasten, schnell mal stößt man mit der Schulter gegen die Wand. Dann stehen wir in einem großen dunklen Raum, nur durch kleine Löcher in der niedrigen Decke fallen dünne Lichtstrahlen. Vier vorsichtige Schritte geradeaus, dann rechts abbiegen, und wir stehen wieder in dem Eingangsraum voller Brüste und Frauen mit offenen Mündern.

Berlin, das kann man wohl so sagen, ist die Hauptstadt der Dark­rooms. Mehr als 30 kann man zählen, vermutlich sind es mehr. Sie heißen Greifbar, Ficken 3000, Stahlrohr oder Scheune. Hinzu kommen die Schwulen-Saunas, Sex-Kinos oder Cruising-Areas. Selbst mancher schwule Buchladen hat ein Separйe für schnellen Sex. Dass sich auch Heteros zum ungezwungenen Stelldichein im Dunkeln treffen, ist eine neue Entwicklung. Die erotischen Vergnügungsangebote gehören zu Berlins Top-Touristen-Attraktionen, denn wer will, kann sich sieben Tage die Woche quer durch die Stadt vögeln. In Leder, an Seilen, zu Technomusik oder unter Naturduschen. Im Billigflieger nach Berlin sitzt der schwule Sextourist neben dem partyhungrigen Raver, und manchmal kann man die beiden gar nicht voneinander unterscheiden.

In Beamtendeutsch heißen die Darkrooms schlicht Vergnügungsstätten oder beruhigte Gasträume. Schwarz bemalte Glühbirnen, viel­leicht der Schein eines Bildschirms, auf dem ein Porno läuft, rote Farbfolie vor den Lampen, mehr erhellt die Darkrooms meist nicht. Man muss sich den Raum und den Sexualpartner ertasten. So sollen Spannung und Erregung gesteigert werden. Man kennt das aus den Dunkelrestaurants – die Sinne werden wacher, man schmeckt mehr und riecht intensiver. Und im besten Fall bleibt im Dunkeln auch der Familienvater anonym, der natürlich gar nicht auf Männer steht. Oft sind die Dunkelräume verwinkelt. Trennwände bilden ein Labyrinth, durch das man sich den Weg erkunden muss, vorbei an möglichen Geschlechtspartnern. Vorbei an freien oder belegten Pritschen, manchmal an Liebesschaukeln, Slings oder Sprungböcken aus dem Turnunterricht.

In Mitte soll es sogar einen Dark­room geben, der einer Berglandschaft nachempfunden ist. Der Fantasie sind also keine Grenzen gesetzt, wichtig ist nur, dass die Materialien gut zu säubern sind, von dem, was so übrig bleibt. „Wir mögen es aber nicht so klinisch sauber“, sagt ein Darkroom-Gänger, der lieber nicht genannt werden will, „und die etwas helleren Dark­rooms sind meist auch nicht so beliebt.“ Scharfe Ecken und harte Kanten sind abgepolstert, wenn man sich gehen lässt, muss man Gefahrenquellen schon vorher eindämmen, da gilt in Dark­rooms das Gleiche wie auf Kindergeburtstagen. Auch Regeln gibt es in Darkrooms, zumindest eine Etikette. Wer am hell leuchtenden Handy noch schnell der Mutti zum Geburtstag gratuliert oder den Mit­arbeiter für den neuen Auftrag brieft, der macht sich eher unbeliebt. Wer sich vorher erkundigt, ob es ein Motto oder einen Dress­code gibt, ist auf der sicheren Seite. In Mickey-Mouse-Shorts unter Lederfetischisten liebt es sich viel­leicht etwas geniert. In einem Darkroom-Knigge im Internet findet man außerdem den Hinweis, keine Flip-Flops zu tragen – wohl wegen der Verletzungsgefahr.

Wer sich für die Entstehung der Dunkelräume interessiert, muss etwas länger suchen. „Es gibt keine spezielle Literatur und kein Standardwerk zu Darkrooms“, heißt es bei der schwulen Buchhandlung Eisenherz in Kreuzberg.

Nur in Schwulen-Chroniken und älteren Artikeln lässt sich etwas zur Geschichte des halb öffentlichen Geschlechtsverkehrs finden. In den meterhohen Regalen des Schwulen Museums am Mehringdamm finden die Mitarbeiter auch Aufzeichnungen über Darkrooms. „Schon in den 20er und 30er Jahren galt Berlin als Hochburg für schwulen und lesbischen Sex“, erzählt Thomas, ein Mitarbeiter des Archivs, während er mit den Kollegen bei Kaffee und Blechkuchen zwischen Büchern und Heften sitzt. Schon früh seien exzessive Ballnächte veranstaltet worden, auf den Toiletten ging es hoch her. In einigen Badehäusern herrschte ebenfalls wildes Treiben. Alles natürlich
streng verboten
Um 1925, so steht es in dem Artikel „100 Jahre Sex“, der vor ein paar Jahren in der „Siegessäule“ erschien, eröffnete Ellis Bierbar, Treffpunkt für die Lederszene, für Stricherjungen und Künstler. Zwar noch ohne Darkroom, aber doch mit hohem Amusement-Faktor. Elli soll eine lesbische Zahn­ärztin gewesen sein, zu ihren Gäs­ten gehörte wohl auch der SA-Stabschef Ernst Röhm. Mit der Machtergreifung Hitlers wurden die Homosexuellenlokale erst mal geschlos­sen, Gesetze verschärft, Verordnungen erlassen und Schwu­le deportiert.

Eine repressive Grundhaltung gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe bleibt bis weit in die Nachkriegszeit hinein spürbar.

Sex unter volljährigen Männern stand in Westdeutschland bis 1969 unter Strafe. Endgültig abgeschafft wurde der Paragraph 175 erst 25 Jahre später. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in den 60er Jahren in Berliner Parks, in die ich um Mitternacht ging, um heimlich andere Schwule zu treffen, voller Angst von Baum zu Baum strich. Die Furcht vor Rockerbanden saß uns allen in den Gliedern, man hörte die schrecklichsten Geschichten“, wird Rosa von Praunheim 1979 im tip zitiert. Seine Filme begleiten die Entwicklung einer Schwulenbewegung, aus der heraus die sexuell aktive Subkultur entsteht. Bei seinen Aufenthalten in den USA Anfang der 70er lernt von Praunheim die ers­ten Dunkelräume kennen, die dann auch ihren Weg nach Europa fanden. Der erste Berliner Dark­room, damals sagte man oft auch Orgienraum, eröffnete 1975. Die Knolle diente also nicht nur als Schutzraum, sondern war auch Ausdruck eines neuen sexuellen Selbstbewusstseins der Homoszene.

Seit 1980 gibt es Tom’s Bar in der Motzstraße, Ecke Eisenacher Straße. „Das Tom’s war früher eher ein Fetischladen,“ erinnert sich der frühere Besucher und heutige Mitarbeiter Dieter Hesse. „Es war eingerichtet wie eine Scheune, überall lagen Strohballen rum. Heute ist das Tom’s eher stino. Für die jungen Leute, die sich noch nicht so richtig trauen.“ In Schöneberg entstanden nach und nach eine Menge schwuler Treffpunkte. 1986 eröffnet in der Potsdamer Straße der erste Dark­room für Lesben.

Mit dem Aufkommen von Aids ist dann plötzlich alles nicht mehr so lustig. Die Treffpunkte stehen mehr und mehr im öffentlichen Fokus und unter Generalverdacht. In München müssen in schwulen Saunen die Türen zu Einzelkabinen ausgehangen werden, Pornos dürfen nicht mehr gezeigt, Kondome nicht mehr verteilt werden und in öffentlichen Pissoirs bleibt das Licht an. „Damals kamen ganze Besucherströme aus Bayern nach Berlin“, erinnert sich Frank Redieß, der seit elf Jahren das Ficken 3000, eine Bar mit Darkroom in der Urbanstraße betreibt. Denn in Berlin entschied man sich dazu aufzuklären, statt zu verbieten. Hier sind Darkrooms geduldet, solange sie sich an den Jugend- und den Gesundheitsschutz halten. Im Gewerberecht gibt es keine Genehmigungspflicht. Laut Baurecht, sagt der Stadtrat in Prenzlauer Berg, Jens Holger Kirchner, handelt es sich bei Darkrooms um eine Vergnügungsstätte. „Wenn niemand unter 18 ist, und niemand diskriminiert wird, hat uns das nicht zu interessieren. Berlin ist eine offene und tolerante Stadt.“ Einmal, so erzählt Kirchner, habe sich ein Darkroom-Betreiber gemeldet, der zwei Dixie-Klos in seinen Räumen aufstellen wollte. „Es ging ihm aber nur darum, von uns eine Genehmigung für die Zigarette danach in den Dixies zu bekommen.“ Aber das Plastikklo gilt nicht als eigener Raum, also musste sich der Betreiber an das Nichtraucherschutzgesetz hal­ten.

Im Keller des Ficken 3000 leuchtet Frank Redieß mit der Taschenlampe durch die schmalen Gänge; auf abgenutzte Pritschen, auf Pfeiler, die im Krieg das Haus vor Einsturz schützen sollten, und auf gepolsterte Rohre an der Decke. Sein Laden ist jede Nacht geöffnet. Oben in der Bar blinkt das Diskolicht, eine Tanzstange steht noch leer gegenüber vom DJ-Pult, hinter dem ein hübscher Amerikaner auf den Bildschirm seines Laptops starrt. Auf dem Flachbildfernseher vögeln Skaterboys und halten sich dabei Turnschuhe unter die Nase, bis Redieß einen Porno aus der Stummfilmzeit anmacht. Er erzählt von den Lesbenpartys am ers­ten Montag im Monat und von den Slumpartys mittwochs, bei denen oft Livemusiker spielen oder Tanzperformances aufgeführt werden. „Der Darkroom im Ficken 3000 ist einer der wenigen in der Stadt, in dem auch Frauen willkommen sind.“

Wenn Frauen unkomplizierten Sex mit fremden Menschen haben wollten, mussten sie lange Zeit in Swinger-Clubs gehen. Wem die Pärchenkneipen jedoch zu teuer waren und der Häkelklorollen-Charme nicht zusagte, der hatte es eher schwer. Das Aufbrechen der Trennlinie zwischen Homo- und Heterosex hängt auch mit der Entwicklung der Clubkultur zusammen: Auf der Tanzfläche schienen alle gleich. Die Freiheitsversprechungen in der Ravekultur wurden zum Mainstream. Vor 15 Jahren startete der KitKat Club mit einer Partyreihe, bei der Menschen, egal welcher sexuellen Orientierung, zu Clubmusik kopulieren konnten. Nach mehreren Umzügen von der Glogauer Straße über den Nollendorfplatz zur Heinrich-Heine-Straße lädt das KitKat noch immer alle Geschlechter zu se­xuel­len Exzessen. Auch auf schwu­len Sexpartys hörte man zunehmend elektronische Musik: 1999 fanden die ersten Snax-Partys in der Anklamer Straße statt. Heute werden die wilden Fetisch-Nächte regelmäßig im Berghain veranstaltet.

Der Friedrichshainer Technoclub beherbergt auch den wohl bekanntesten Darkroom der Stadt. In der hier herrschenden Atmosphäre der allgemeinen Entgrenzung traut sich da inzwischen auch die eine oder andere Frau rein. Und auch die Mitarbeiter des Erotik-Shops Bad Boy’z in der Schliemannstraße registrieren eine neue Offenheit: „Unsere Hinterzimmer werden manchmal auch von Hetero-Paaren genutzt.“ Das, was Schwule jahrelang vorgemacht haben – unkomplizierten, anonymen Sex – scheint nun auch bei abenteuer­lustigen Heteros anzukommen. Eine Tendenz zu gemischten Darkrooms sehen die Mitarbeiter des Archivs des Schwulen Museums schon seit Ende der 90er Jahre.

Frank Redieß vom Ficken 3000 glaubt dagegen nicht daran, dass sich diese Vergnügungsorte durch­setzen. „Frauen haben einfach ganz anderen Sex“, sagt er. Vielleicht kommt ihnen eher das Konzept des Freudenzimmers entgegen, ein Club, der gerade in Kreuzberg eröffnet hat. „Ich möchte den eingefrorenen Moment der Erotik, ich möchte keinen Overload“, sagt Betreiberin Jessi. Die Barcrew arbeitet – natürlich freiwillig – in der Unterwäschekollektion eines befreundeten Modelabels, es soll Fingerfood gereicht werden. Und die Drinks sollen nicht nur gut schmecken, sondern auch gut aussehen. „Ich möchte zurück zur Sinnlichkeit, zurück zur Ästhetik und weg von der überdosierten Welt der Technoclubs.“ Rein kommt ins Freudenzimmer nur, wer sich vorher per E-Mail anmeldet. In einem großen, dunkel gehaltenen Raum stehen Kerzenständer, ein großer Tisch, und rotes Licht leuchtet in den Ecken. In der Mitte sind zwei Tanzstangen eingebaut.. Die Besucher sollen hier vor allem visuell stimuliert werden „Ich würde mich freuen“, sagt Jessi, „wenn hier viel geknutscht wird, aber gegessen werden soll zu Hause.“

Auch im Dice Club ist Sex alles andere als ein Muss. „Wir wollen weder ein Fetisch- noch ein Sexclub sein“, sagt Isan Oral. „Aber ein Club ist nun mal ein Ort zum Kennenlernen, ein zweites Zuhause.“ Wer 18 Stunden auf einer Party verbringt, der möchte vielleicht auch schon mal mehr oder weniger ungestört mit seiner neuen Bekanntschaft intim werden, ohne gleich das böse Erwachen am nächsten Morgen zu ris­kieren. Hier kann schließlich niemand so ohne Weiteres das Licht anschalten.

Text: Laura Ewert
Fotos: Carolin Saage

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