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Berlin in Serie. Wie „4 Blocks“, „Dogs of Berlin“ und „Beat“ die Stadt erzählen

Es hat lange gedauert, bis Berlin als Schauplatz von den großen Streaming­diensten entdeckt wurde. Jetzt aber boomen die Serien: von „Babylon Berlin“ über „4 Blocks“ bis zur neuen Netflix-Produktion „Dogs of Berlin“. Und sie verbreiten ein düsteres Bild der Stadt in der Welt

Dogs of Berlin. Foto: Netflix

In Marzahn liegt ein toter Türke auf der Wiese. Noch hat kaum jemand etwas bemerkt. Nur zwei Streifenpolizisten sind bereits am Tatort. Sie überlegen, wer nun alles kommen muss: die Spurensicherung natürlich, die Mordkommission, die wichtigen Leute aus den spezialisierten Abteilungen. Doch zuerst einmal kommt einer zufällig daher, von dem nicht einmal ganz klar ist, ob er im Dienst ist: Kurt Grimmer hat eben noch in einer der umliegenden Wohnungen ein uneheliches Verhältnis gepflegt, nun macht er sich hier schon wichtig. Er hat nämlich sofort bemerkt, dass der tote Türke nicht irgendjemand ist. Das Mordopfer ist ein Fußballstar. Ein deutscher Fußballstar. Er war in der Stadt, weil die deutsche Nationalmannschaft im Olympiastadion ein Spiel gegen die Türkei hat. Die Augen der ganzen Stadt sind auf diese Begegnung gerichtet.

Die neue Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ macht von Beginn an keine Faxen. Wer bei den hier geschilderten ersten Szenen an einen gemütlichen „Tatort“-Fall denkt, der sich in 90 Minuten lösen lässt, ist noch nicht in der neuen Zeit angekommen. Von Marzahn aus verzweigt sich diese Geschichte einmal quer über die ganze Stadt, in alle möglichen Milieus und entlang der vielen Konfliktlinien, die es auch in einer im Grunde friedlichen Stadt wie Berlin gibt. „Überhöhung und Verdichtung“ nennt Christian Alvart, der Erfinder von „Dogs of Berlin“, seine Arbeitsweise. Man könnte aber auch von Verzweigung und Beschleunigung, von Übertreibung und Zuspitzung sprechen. Von rechtsradikalen Umtrieben bis zu einer üblen Wettmafia, von Schutzgeld-Problemen auch bei noblen Läden im Westen der Stadt bis zu Hartz-IV-Dramen ist in „Dogs of Berlin“ alles drin. Und die Serie wird sicher auch Anlass zu Diskussionen darüber geben, wie man am besten von und aus Berlin erzählen soll: so draufgängerisch wie Christian Alvart? Oder ginge es vielleicht auch ein bisschen näher dran am Alltag?

In jedem Fall ist Christian Alvart jemand, mit dem man gut über die Aufbruchsstimmung sprechen kann, die in der Film- und Medienbranche herrscht, seit der Bedarf nach neuen Serien auch Deutschland mit aller Kraft erfasst hat. In seinem Fall kam die Anfrage des amerikanischen Streaming-Giganten aus heiterem Himmel über seine Facebook-Seite. Christian Alvart war bereit: „Netflix hatte innerhalb von zwei Tagen ein Buch und einen Pitch von mir“, erzählt er über den Moment, als er in den Serienboom einstieg. Alvart hatte sich davor mit Genrekino einen Namen gemacht („Antikörper“, 2005), für die ARD macht er „Tatort“-Folgen mit Til Schweiger, davon gab es dann auch eine Kinoauskopplung mit „Tschiller: Off Duty“. Er ist also ein vielbeschäftigter Mann, schrieb aber die ganze Zeit schon an seinem Traumprojekt „Dogs of Berlin“, zuerst als Roman, dann aber dachte Alvart bald an eine Serie. Er brauchte nur noch einen Ort dafür, denn das öffentlich-rechtliche Fernsehen wagt sich nur ganz langsam an die größeren Erzählformate heran, die in Amerika in den letzten 15, 20 Jahren die ganze Unterhaltungsbranche von Grund auf verändert haben.

Zuletzt aber hat sich in Deutschland die Situation rasend schnell verändert: Die Liste der aktuellen Beispiele wird immer länger, fast alle haben Berlin-Bezug. „Babylon Berlin“ entstand als Koproduktion der ARD mit dem Pay-TV-Anbieter Sky und der Berliner X-Filme; „4 Blocks“ (Neukölln, Clankriminalität, HipHop) lief auf TNT Serie im Bezahlfernsehen und dann im ZDF; vor wenigen Wochen kam mit „Beat“ (Berghain, Clubkultur, Halbwelt) eine weitere Serie heraus, die mehr oder weniger eine Direktleitung zu weltweit geläufigen Vorstellungen über Berlin legt. Sie ist auf Amazon Prime zu sehen, dem Streaming-Kanal des digitalen Warenhauses, zugleich der größte Rivale von Netflix im Bereich der Video-Portale, die quasi aus der Zukunft der virtuellen Allgegenwart jetzt auf lokale Kulturen des linearen Fernsehens treffen.

4 Blocks. Foto: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company /Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Natürlich kommt das alles nicht aus heiterem Himmel. Die Veränderungen haben sich abgezeichnet. Vor vier Jahren drehte der US-Sender Showtime die fünfte Staffel seiner Serie „Homeland“ nahezu komplett in Berlin, damals eine große Sache auch in der Lokalberichterstattung. Der Produzent und Schriftsteller Olen Steinhauer verliebte sich dabei anscheinend in die Stadt, denn seine für den Sender Epix erdachte Agentenserie „Berlin Station“ spielt gleich komplett hier und wird voller Stolz vom Studio Babelsberg produziert. Und auch die amerikanische Science-Fiction-Serie „Counterpart“ spielt in Berlin, wird hier zum Teil gedreht und verstärkt den Mythos von der Stadt als großer Drehscheibe.

Daran schließt auch die gerade gestartete zweite Staffel der deutsch-deutschen Agentenserie „Deutschland 86“ an, die zwar in Teilen in Südafrika und Angola spielt, doch die Strippen der Handlungsstränge werden durch die der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), den Auslandsnachrichtendienst der DDR, von Lichtenberg aus gezogen. „Deutschland 86“ schließt an „Deutschland 83“ an, wo 2015 die Hauptfigur, der NVA-Grenzsoldat Martin Rauch, zum ersten Mal auftrat. Wenig überraschend läuft die Serie auf die bereits geplante dritte Staffel „Deutschland 89“ zu.

Dass es überhaupt so weit kommt, war anfangs durchaus unsicher. Die Erstausstrahlung im freien Fernsehen auf RTL war eigentlich eher ein Misserfolg, doch in diesem Fall zeigte sich schon etwas, was inzwischen die Kalkulationen für neue deutsche Serien massiv verändert: Die internationalen Märkte sind längst genau so wichtig wie der nationale. Produziert wurde „Deutschland 86“ von der Ufa, deren CEO Nico Hofmann früher selber Regisseur war und nun gleichzeitig Geschäftsführer von Amazon Prime Video in Deutschland ist, wo „Deutschland 86“ gerade läuft. Kino, TV, Stream­ing-Kanäle – für die Produzenten, Filme­macher und Schauspieler ist das eine große Kontinuität. So erinnert „Deutschland 86“ nicht nur mit dem Setting Ost-Berlin an die Serie „Weissensee“. Mit Hannah Herzsprung und Katrin Sass sind auch zwei ihrer Protagonistinnen in „Dogs of Berlin“ dabei.

Der Produzent Michael Polle, der bei X-Filme an „Babylon Berlin“ mitgearbeitet hat, spricht wohl weitgehend für eine ganze Branche, wenn er sagt: „Es ist spannend zu sehen, wie sich die Qualität und die Vielschichtigkeit der Projekte in Deutschland verändert hat. Gleichzeitig muss man sagen, dass Deutschland schon früher besonderes Fernsehen wie ,Heimat‘ von Edgar Reitz oder viele Mehrteiler hervorgebracht hat. Diese Tradition wurde nur etwas unterbrochen. Für Produktionsfirmen wie unsere ist es eine spannende Zeit, denn wir können wie bei ,Baby­lon Berlin‘ über neue Finanzierungsmöglichkeiten und den Zusammenschluss von Pay-TV und Free TV nachdenken. Dieses Modell war ein Pilotprojekt und ist eine absolute Erfolgsgeschichte für alle Beteiligten geworden, weswegen auch frühzeitig über eine dritte Staffel entschieden wurde. Gleichzeitig sind deutsche Serien international so gefragt wie nie, wodurch wir auch über ganz andere Größenordnungen von Budgets nachdenken können. ,Babylon Berlin‘ wurde beispielsweise in über 100 Länder verkauft. Grundsätzlich ist zu beobachten, dass durch die neuen Plattformen wie Netflix und Amazon sowie neue Player wie Sky und TNT Bewegung in den Markt gekommen ist, und dies führt wie überall vor allem zu Innovation.“

Beat. Foto: 2018 Amazon.com Inc. and its affiliates

Polle spricht den entscheidenden Faktor an, von dem Kreative wie Christian Alvart, Marco Kreuzpaintner („Beat“) oder Marvin Kren (der Mann hinter „4 Blocks“) profitieren: Im Moment ist weltweit ein gigantischer Kampf um die Aufmerksamkeit des früheren Fernsehpublikums im Gange. Dass es in Deutschland auch einmal eine Zeit vor dem Privatfernsehen gab, kann man sich kaum mehr vorstellen; man kann sich ja im Grunde kaum noch erinnern, was ein „Straßenfeger“ war, also eine Sendung, zu der alle nach Hause gingen, um sie nicht zu versäumen. Heute senden Netflix und Amazon, Sky und auch die herkömmlichen Fernsehsender auf vielen Kanälen und auf allen Geräten. Und niemand möchte diesen Medienwandel verschlafen, selbst das ZDF, dem man gelegentlich unterstellt, ein eher betagtes Publikum zu haben, macht mit der Finanzkrisenserie „Bad Banks“ mittlerweile viel Quote, vor allem auch mit den Anrufen in der Online-Mediathek.

Deswegen hat Netflix, das in Amerika als Versand-Videothek begann und inzwischen auf fast allen nationalen Medienmärkten der Welt in großem Stil mitmischt, schon seit einer Weile ganz Europa nach neuen Talenten durchkämmt. Christian Alvart wurde dabei von einer zweiten Welle erfasst. Die erste rollte noch von Los Angeles aus und wandte sich vor allem an Produzenten. Die zweite ging direkt auf die Regisseure zu. Inzwischen hat der Konzern in Amsterdam eine eigene Abteilung aufgebaut, in der auch deutschsprachige Redakteure arbeiten.

Da wird dann gelegentlich auch darüber diskutiert, ob Berlin wirklich der ideale Ort für eine neue Großstadtserie ist. Diese Erfahrung hat jedenfalls Alvart gemacht. „Von Netflix kam zwischendurch die konkrete Bitte, ob es nicht auch möglich wäre, das woanders zu machen, weil es zu und aus Berlin schon viel gibt.“ Für den Regisseur war das eine heikle Situation, denn eine solch günstige Gelegenheit würde sich vermutlich so schnell nicht mehr ergeben. Alvart beschloss aber, ins Risiko zu gehen, und bestand auf Berlin. „Notfalls hätte ich es dann eben nicht mit Netflix gemacht. Diese Grundidee war einfach so verwoben mit meiner Realität von Berlin. Gerade wenn man so erzählt wie ich, muss man sich genau auskennen, sonst wird es Fantasy. Für mich geht es wirklich nur in Berlin. Und dann gab’s von Netflix auch das Go.“

Man kann an dieser Episode sehr schön das Dilemma erkennen, das in dem ganzen Hype auch steckt. Serien wie „Dogs of Berlin“ oder „Beat“ richten sich ja nicht nur an das deutschsprachige Publikum, sondern sollen auch in Indien oder Afrika interessant sein und verstanden werden. Berlin ist eine Marke, aber Marken können sich auch erschöpfen. Zwischen „Dogs of Berlin“ und „4 Blocks“ gibt es viele Unterschiede, sie bewirtschaften aber auch in vielerlei Hinsicht die gleichen Klischees – die Mackerwelt der migrantischen Männer, die bei Alvart die Fußballbranche zu unterwandern versuchen und die in „4 Blocks“ aus dem Drogenhandel ins Immobiliengewerbe wechseln wollen. Mit diesen neueren Beispielen, zu denen man im Grunde auch den Gangsterkult von „Babylon Berlin“ zählen kann, zeigen sich Berliner Metropolenambitionen auf eine andere Weise als noch vor zehn Jahren. Damals dachte man beim Wort Unterwelt allenfalls an Pop-up-Bars. Heute wird mit Lust eine Gangster-Schickeria heraufbeschworen, die mit gefährlichen Codes (Imam-Bärte und Raubtierfellunterhosen) die Hauptstadt unterwandert.

Deutschland 86. Foto: Anika Molnár / UFA Fiction GmbH / Two Oceans Productions (Pty) Limited / African Photo Productions

Die Autoren von „4 Blocks“ wissen sehr wohl, dass sie da in einer Spannung zwischen Genauigkeit und Übertreibung, zwischen Stil und Detail arbeiten. Hanno Hackfort, einer aus dem Schreibteam, pocht aber darauf, dass immer Berlin dafür der Ausgangspunkt sei: „Das geht um Authentizität. Uns ist es wichtig, dass wir in der Erzählung und der Darstellung authentisch sind. So, dass man es wirklich verorten kann und sagt, das könnte so tatsächlich am Kottbusser Tor oder in der Sonnenallee geschehen. Wir erzählen eigent­lich eine sehr universelle Geschichte von zwei Brüdern um Liebe, Hass und Verrat, die aber diesen besonderen Impact erst erfährt, wenn sie irgendwo glaubwürdig angesiedelt ist und nicht in einer fiktiven behaupteten Welt stattfindet.“

Die Bewegung aus der Straßenkriminalität mit ihren attraktiven Bildern in die bürgerliche Lebensform mit ihren anderen Themen, von der „4 Blocks“ erzählt, war nicht zuletzt das zentrale Thema der amerikanischen Serie „The Wire“, die bis heute als Maßstab für die Möglichkeiten einer differenzierten, politisch intelligenten Großerzählung gilt. Mit dem Maß an Genauigkeit und vor allem Geduld, mit dem in „The Wire“ die sozialen Welten von Baltimore erschlossen werden, kann – und will – sich „Dogs of Berlin“ nicht messen, und „4 Blocks“, wo es um effektvolle Bilder geht, auch nicht.

In beiden Fällen ist übrigens die Jugendkultur des HipHop ein wesentlicher Faktor für den Zugang. Christoph Bob Konrad, auch er einer der Autoren von „4 Blocks“, macht das an den Figuren selbst fest: „Das ist verbunden, vor allem wenn es um Gangster-Rap geht. Fast jede Familie hat ja ein eigenes Musiklabel und eigene Künstler unter Vertrag. Das gehört zusammen. Die Videos der Rapper sind ja eigentlich kleine Gangsterfilme. Es ist ein zentraler Punkt des Lebensstils. Wenn die da mit ihren Autos durch Neukölln fahren und die Scheiben runterlassen, ist es wahnsinnig wichtig, welche Musik läuft.“ Und dieser Musik passt sich das Erzählen an.

Was für die Sonnenallee oder das allgegenwärtige Kottbusser Tor zählt, gilt in vergleichbarer Form auch für eines der größten Berliner Narrative: den Mythos von der offenen Stadt und der vibrierenden Clubkultur. Auch hier stehen die Serienmacher vor der Frage, ob sie vor allem Reize auslösen wollen – oder ob sie tatsächlich hinter die Kulissen einer Szene schauen. Mit der Amazon-Produktion „Beat“ startete vor einigen Wochen nun die erste Thriller-Serie, die im Berliner Technomilieu spielt. Jannis Niewöhner ist der Protagonist: Als Berliner Techno-Promoter Robert Schlag, Spitzname Beat, betreibt er mit seinem besten Freund Paul (Hanno Koffler) den Club „Sonar“ und feiert sich durch ein drogen- wie sexreiches Lotterleben. Als Szene-Insider mit guten Beziehungen in die Berliner Zwischenwelt gerät er ins Visier des Europäischen Geheimdienstes – und wird für eine Ermittlung im Milieu des Organisierten Verbrechens angeheuert. Beat soll die Hintermänner eines international agierenden Organhandel-Netzwerks stellen.

Regisseur Marco Kreuzpaintner soll sich jahrelang in der Berliner Technoszene getummelt haben. Das merkt man den rasanten Clubszenen an. Hier können Schaulustige von Kreuzberg bis Castrop-Rauxel Qualm und Drogenschweiß schnuppern. Aus den Anlagen bollert harter Minimal-Techno, während sich die halbnackten Gäste mit wächsernen Gesichtern das Kokain aus dem Leib schwitzen.

Tatsächlich fangen die „Sonar“-Sequenzen den roughen Hedonismus der Berliner Technotempel, das zur Berlin-Marke gewordene Anything-goes-Ethos so anständig ein, dass sich die angegeilt-voyeuristischen „Inside Berghain“-Reportagen in deutschen Medien künftig erübrigen dürften – obwohl die Serie natürlich nicht in den heiligen Hallen selbst, sondern im Kraftwerk, im KitKatClub und im Watergate gedreht wurde. So richtig viel Zeit für Nuancen bleibt in „Beat“ nicht, dabei ist das doch gemeinhin eines der wesentlichen Merkmale der neueren „Qualitätsserien“: dass sie sich Zeit nehmen können, tiefgründig in die Komplexitäten der menschlichen Existenz einzudringen.

In Amerika begann das Serienphänomen vor allem mit der Pionierarbeit des Senders HBO, der in Deutschland am ehesten mit Sky zu vergleichen wäre. „Deadwood“, „Game of Thrones“ und „The Sopranos“ waren Meilensteine und wurden immer wieder mit den großen Romanzyklen verglichen, die Ende des 19. Jahrhunderts an einem möglichst vollständigen Bild der (richtigen oder fantastischen) Welt arbeiteten. Nicht von ungefähr nennt man das wichtigste Requisit bei der Konzeption einer neuen Serie eine „Bibel“.

Auch Christian Alvart musste für „Dogs of Berlin“ eine Bibel erstellen. Da steht dann eben alles drin, was in der erfundenen Welt von Bedeutung ist. Zum Beispiel, dass der türkischdeutsche Kommissar Erol Birkhan (Fahri Yardim), der Kurt Grimmer (Felix Kramer) aus politischen Gründen bald zugeordnet wird, ein „Backenspreizer“ ist, also schwul.

Deutschland war als größter europäischer Medienmarkt im Grunde prädestiniert für den gegenwärtigen Boom, hatte aber spezifische Hemmschwellen – die Stärke der Öffentlich-Rechtlichen brachte es lange mit sich, dass im Grunde in den Büros der Redakteure entschieden wurde, was möglich ist und was nicht.

Inzwischen werden diese Entscheidungen oft außer Landes getroffen, die Filmpolitik hat sich aber über die Jahre ganz gut darauf eingestellt, wie X-Filme-Produzent Michael Polle betont: „Berlin ist weltweit eine Marke. Die Bedingungen vor Ort sind durch die Unterstützung des Medienboards Berlin-Brandenburg sowie durch die bundedeutschen Förderungen exzellent, gerade im internationalen Vergleich. Hier gilt es, am Ball zu bleiben, denn andere Länder versuchen, mit immer neuen Finanzierungsmöglichkeiten auf dem weltweiten Markt an Deutschland vorbei zu ziehen. Gleichzeitig merken wir, dass durch die aktuell große Anzahl an Projekten in der Stadt die Produktionskosten steigen und die Verfügbarkeit von Fachkräften langsam zu einem Problem wird. Was unsere Storys angeht, so glaube ich nicht, dass wir nur Berliner Geschichten aus Deutschland heraus erzählen sollten. Deutschland als Land von Goethe und Schiller birgt einen unglaublichen Reichtum an Stoffen, welche wir vor allem mit einer eigenen Handschrift und Identität aufbereiten sollten. Dabei geht es nicht nur um historische Geschichten, auch die Gegenwart birgt unglaublich viel Potenzial, um erzählt zu werden.“

Die Gegenwart beginnt in Berlin bereits 1961. Denn bis heute zieht sich, neben der Faszination für die 1920er-Jahre, der Motivkomplex Mauer – Kalter Krieg – Wende – Wiedervereinigung wie ein roter Faden durch die Produktionen, die mit Berlin zu tun haben. Die schon erwähnte Serie „Berlin Station“ (zu sehen auf Netflix) führt direkt hinein in die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges. Berlin ist – genau wie in der richtigen Welt – immer noch Umschlagpunkt für Geheimnisse aller Art. In der ersten Staffel geht es um einen Whistleblower à la Edward Snowden, der militärische und geheimdienstliche Informationen von Berlin aus verbreitet.

Das ist alles sehr unterkühlt erzählt, vor allen Dingen aber wirkt „Berlin Station“ extrem authentisch und kommt komplett ohne die Postkartenmotive aus, die sich nicht mal die deutsche Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ verkneifen konnte. Mit dieser zehnteiligen ARD-Produktion hatte Dominik Graf 2010 die Russenmafia als großen Player in der Berliner Unterwelt zu etablieren versucht, vor allem aber wollte er ein Berlin zeigen, das nach der Jahrtausendwende wieder so mondän und dekadent sein sollte wie in den 20er-Jahren.

„Im Angesicht des Verbrechens“ gilt heute als ein Versuch, der zu früh kam und dabei nicht weit genug ging. Wobei es auch einen großen Unterschied macht, ob sich – wie bei „Berlin Station“ – eine amerikanische Firma über Berlin hermacht oder ob sich ein spannender Autorenfilmer wie Dominik Graf mehr oder weniger im Alleingang an ­einem Projekt versucht, das in Amerika ganze Schreibstäbe beschäftigen würde. „Berlin Station“ reagiert auch immer wieder auf die Tagespolitik. So rückt die zweite Staffel den Fokus auf den Aufstieg einer rechtspopulistischen Partei in der politischen Landschaft Deutschlands. In der dritten Staffel (ab Dezember) gibt James Cromwell eine undurchsichtige CIA-Legende, die erklären könnte, was Putin politisch in Europa so vor hat.

Einen vergleichbaren Realismus kann man der deutsch-amerikanischen Koproduktion „Counterpart“, der anderen großen Agentenserie, die gerade auf den Straßen von Berlin gedreht wird, nicht unterstellen. Vielmehr kommt die Serie des Senders Starz wie eine Mischung aus „Homeland“ und der Kultserie „Lost“ daher. J.K. Simmons („Whiplash“) spielt Howard Silk, als Angestellter bei einer UN-Agentur in Berlin stationiert. Was er genau tut, weiß er selber nicht, bis zu dem Tag, an dem er eine schreckliche Entdeckung macht: das Tor zu einer Paralleldimension. In dieser düsteren anderen Welt ist der Kalte Krieg nie beendet worden und sein anderes Ich ist ein skrupelloser Feldagent, der regelmäßig Menschen aus unserer Welt in die andere Dimension entführt. Auch hier ist das Studio Babelsberg verantwortlich für das Bild, das über Berlin in die Welt gesendet wird. Allerdings hat man sich bewusst gegen den düsteren Realismus von „Berlin Station“ entschieden. Vielmehr werden beide Berlins – unseres und das aus der Paralleldimension – von sandbraunen und elefantengrauen Monumentalbauten dominiert, im Sonnenlicht glitzert das ehemalige DDR-Außenhandelszentrum am Bahnhof Friedrichstraße bedrohlich neben einer Handvoll von Fantasie-Wolkenkratzern, mit denen die Skyline von Berlin aufgepimpt wird. Das wirkt wie eine Mischung aus Nazi-Zeit, DDR-Jahren und „Blade Runner“-Phantasien – und ist irgendwie total beklemmend.

Berlin Station. Foto: Katalin Vermes / Epix

Wenn im Dezember also „Dogs of Berlin“ auf Netflix zugänglich wird, dann konkurriert die Serie von Christian Alvart direkt mit „Berlin Station“ und auch mit „Deutschland 86“ bei Amazon, mit „Das Boot“ auf Sky – und und und. Das Überangebot verursacht nicht nur leuchtende Augen, sondern auch Stress – bei den Machern genauso wie beim Publikum.

Im Grunde können sich derzeit alle fühlen wie in einem medialen Luxuskaufhaus, aber man muss halt dann doch für jeden einzelnen Shop so zehn Euro im Monat ausgeben, wenn man nichts versäumen will. „Das Paradies“, sagt Christian Alvart, „ist der Hunger dieser Konzerne. Das ist eine einmalige Phase, die sich irgendwann auch beruhigen wird, wenn die ersten das Rennen verlassen. Ich entwickle auch immer noch mit den Öffentlich-Rechtlichen. Jetzt ist aber der Rush, dass im Streaming die Zukunft liegt. Wenn man aber eines Tages acht Abos braucht, um an der Popkultur teilzunehmen, weiß ich auch nicht, was sich daraus ergibt.“ Für den Moment aber setzt er auf die gestreamte Serie. Denn: „Ich will da sein, wo das Publikum ist.“

Mitarbeit: Lutz Göllner, Julia Lorenz, Jacek Slaski

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