Kultur & Freizeit in Berlin

Berlin ist die Hauptstadt sexueller Libertinage

Woanders mag es schwierig sein, sexuelle Fantasien wie Bondage, ?Fetischpartys oder das schnelle Date mit einem Fremden in die Tat umzusetzen. ?Doch Berlin ist die Sexhauptstadt Europas.

Berlin ist die Hauptstadt sexueller Libertinage

Einmal im Monat reist Emmanuel, 36 Jahre alt und gebürtiger Römer, „nur fürs Kitty“ nach Berlin. „Wegen der Atmosphäre“, wie er sagt. „Hier kannst du ?machen, was du willst. Etwas Vergleichbares gibt es bei uns nicht.“
Das sehen offensichtlich auch drei soeben dem Teenager-Alter entwachsene Französinnen so, die nur mit Tangas bekleidet an der Theke im „Kitty“ – das eigentlich KitKatClub heißt – lehnen und Wodka-Mate trinken. Rosa aus Holland hat derweil seine durch Hormongaben gewachsenen, appetitlichen Brüste freigelegt. Ein Transvestit präsentiert sich in einer Krankenschwester­uniform aus Latex. Zwei wunderschöne Frauen stehen im Stubenmädchen-Outfit da.
Der KitKatClub – nach einer Selbstbeschreibung „die erste öffentliche Discothek, in der es erlaubt war, Sex zu haben“ – wurde 1994 von Kirsten Krüger und Simon Thaur, einem einstigen Pornofilm-Produzenten und -darsteller, in Kreuzberg gegründet und gilt auch über 20 Jahre später an seinem aktuellen Standort über dem U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße immer noch als eine der ersten Adressen Berlins für sexuelle Freizügigkeit: Ob hetero- oder homosexuell, ob Fetischist oder Sado-Maso-Fan – jeder, der sich an den Dresscode „fetischistisch, sexy und gewagt, extravagant und originell“ hält, ist willkommen. Solange man sich den anderen gegenüber respektvoll verhält.
Berlin hat sich zur Hauptstadt sexueller Libertinage entwickelt. Auf den gut gebahnten Pfaden der Schwulen- und Lesben-Bewegung, durch die die Stadt zur internationalen Homosexuellen-Hochburg wurde, wandelt inzwischen auch ein Heer von Heteros. Es sind beispielsweise die internationalen Partygänger, die wegen dem Berghain in die Stadt einfliegen, dem 2009 weltbesten Club, der seinen Ruhm nicht nur der wegweisenden Musik verdankt, die hier gespielt wird, sondern auch der homosexuellen Freizügigkeit, in deren Rahmen Sex hier unter den verschiedensten Geschlechtern toleriert wird. Das strikte Fotografierverbot, das im Berghain herrscht, schützt nicht nur das intime Geschehen vor den neugierigen Augen der Öffentlichkeit. Es heizt auch die Fantasie derjenigen an, die endlich ebenfalls einmal dabei sein wollen, um sich vom Strudel der Leidenschaft mitreißen zu lassen.
„Die Schwulen sind für mich Vorreiter etlicher Entwicklungen“, erläutert Volkmar Sigusch, Frankfurter Sexualwissenschaftler, in seinem Buch „Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion„. Schwule hätten beinahe alles vorgelebt, was dann die Heterosexuellen auch getan hätten: „Verwandlung des Körpers in einen Erotikkörper und entsprechende Drapierung“, „egoistische Suche nach dem schnellen, umstandslosen sexuellen Thrill bei vorhandener Liebesfähigkeit in Dauerbeziehungen“ oder „gleichzeitig treu und untreu sein, geheim und öffentlich, normal und pervers“.
Den schnellen sexuellen Thrill genießen in Berlin längst auch Heteros. Zu Eintrittspreisen, für die man anderswo noch nicht einmal ein Off-Theater-Ticket kriegt, kann man seit 2006 im Tempelhofer Insomnia etwa an der „Saturday Night Fuck“-Party teilnehmen. Oder sich im Kreuzberger DarkSide bei der „Pain & Pleasure“-Party an Schmerz und Erniedrigung ergötzen. Und auch im „Kitty“ darf ein hübscher New-Romantic-Typ im Rüschenhemd und mit frei baumelndem Geschlechtsteil damit rechnen, im Getümmel der fortgeschrittenen Stunde sein bestes Stück noch einsetzen zu können.

Berlin ist die Hauptstadt sexueller Libertinage
Etwas tiefer müssen heterosexuelle Männer allerdings in die Tasche greifen, wenn sie an einer der in der Hauptstadt populär gewordenen Gangbang-Partys teilnehmen wollen. Zwar gehören diese in Clubs und Privatwohnungen veranstalteten Gruppensex-Sausen mit Herrenüberschuss und Eintrittspreisen zwischen 60 und 90 Euro letztlich in den Bereich der Prostitution – die Frauen erhalten dort für ihre Teilnahme in der Regel ein Entgelt. Doch Nymphomaninnen sind natürlich auch ohne Bezahlung gern gesehene Gäste. Und nehmen solche Gelegenheiten auch wahr. „Bei mir hat mal eine Frau angerufen“, erzählt Felicitas Schirow, Chefin des Bordells Cafй Pssst!, „die von einer Gangbang-Party gehört hatte, für die Kunden einen meiner Räume gemietet hatten. Sie fragte, ob sie da nicht mitmachen kann.“
Für Ebru, eine 36-jährige Drehbuchautorin, sind all dies jedoch keine erstrebenswerten Methoden, um zwischenmenschliche Nähe zu finden. Bei der Suche nach Kontakt und Leidenschaft setzt sie stattdessen OkCupid ein, eine von vielen ähnlich funktionierenden Dating-Apps, die Fotos und Profile anderer Nutzer aus der Umgebung aufs Smartphone sendet. Etabliert über die Gay-Szene mit Apps wie Grindr, erfreuen sich Dating-Programme wie Tinder, LoVoo oder Badoo inzwischen auch bei Heteros großer Beliebtheit. Vor allem in Metropolen wie Berlin, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Single-Haushalten lebt, wo aber auch die Menge potenzieller Partner besonders groß ist. 15 Dates hat Ebru ihre App insgesamt bislang beschert, mit dreien der Männer ist sie im Bett gelandet. „Und wenn der Sex gut ist“, sagt sie, „dann willst du automatisch mehr und den Kerl auch mal bei Tageslicht sehen, genau das aber war das Problem.“ Ebru verliebte sich, „aber die Typen waren vergeben und wollten bei mir nur die Sau rauslassen.“ Unfreiwillig war sie zu einer der vielen „Tinderellas“ geworden, einer Frau für unverbindlichen Sex.
„Für die meisten Menschen ist das Sexuelle heute etwas Banales wie Mobilität oder Kommunikation“, erklärt Sigusch in „Neosexualitäten“. Auslöser dafür sei die Trennung von Fortpflanzung und Sexualität, die Zurückdrängung der Kirche mit ihrer rigiden Sexualmoral sowie die „ungeheure Kommerzialisierung und Mediatisierung vordem privater und verborgener Lebensbereiche“. Im Fernsehen, vor allem aber im Internet, würden inzwischen fast alle Formen von Sexualität präsentiert. „Wir wollen ZK, AV, DS, TF, EL, NS, was es auch sei. Wir wollen alles, was uns verheißen ward und mehr.“*
Doch es ist nicht nur eine Befreiung, was da passiert. Die umfassende Kommerzialisierung hat auch den Menschen selbst erfasst: Er wird zur Ware, die es in Zeiten kurzlebiger Partnerschaften gilt, immer wieder neu ins rechte Licht zu rücken.
Ganze Branchen leben in Berlin inzwischen davon, Individuen bei ihrer Selbst-Optimierung zu unterstützen: In Tattoo- und Piercing-Studios kann man seinen Körper zu einem einzigartigen Kunstwerk gestalten lassen. In Fitness- oder Yoga-Studios die Silhouette auf Vordermann bringen – wenn diesen Job nicht bereits der Schönheitschirurg übernimmt. Sogar die sinnliche Ausstrahlung und Verführungskraft kann man trainieren, versprechen die zahlreichen Pole-Dance-Studios, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Das 2008 von Agata Lattka eröffnete Studio Schönheitstanz bietet neben dem physisch anspruchsvollen Tanz an der Stange darüber hinaus auch Lap-Dance- und Burlesque-Workshops an.

Berlin ist die Hauptstadt sexueller Libertinage

Dabei ist es die Burlesque-Szene, die sich noch am weitesten gegen die Fixierung auf allzu glatte 08/15-Attraktivität sperrt. Es sind schräge Charaktere, die man in den einschlägigen Berliner Burlesque-Lokalen – die Stadt gilt diesbezüglich als Hochburg – antrifft. In Tingeltangel-Schuppen wie der Primitiv Bar oder Lilly’s Wonderland Bar sind die auftretenden Künstlerinnen weder zwingend schlank noch im herkömmlichen Sinne unbedingt schön. Was sie dennoch nicht daran hindert, sich als erotische Göttinnen zu inszenieren. Dramatisch kostümiert mit Strings und Strapsen, Nippel-Pasties oder Federboas, legen sie selbstironische Auftritte hin, bei denen Fleisch wogen darf und ein Pickel auf der Pobacke als Zeichen von Authentizität gilt.
Es sind vor allem jüngere Berlinerinnen, die es nicht mehr einsehen, sich zwanghaft sittsam zu geben, bloß um irgendeinen verlogenen Schein zu wahren. Verlegerinnen wie Ute Gliwa finden nichts dabei, eine erotische Frauenzeitschrift herauszugeben, in der nackte Männer eine tragende Rolle spielen. Auch die Jungunternehmerin Lea-Sophie Kramer berichtet auf Tagungen und anderswo stolz von ihren geschäftlichen Erfolgen: Über ihren 2013 gegründeten Sextoy-Online-Shop Amorelie verkauft sie weit über die Hauptstadt hinaus Penisringe, G-Punkt-Vibratoren, Liebeskugeln.
„Berlin ist eine freie Stadt, eine Insel der Glückseligkeit, in der sich jeder frei verwirklichen kann“, schwärmt Giada Armani, die, wenn man sie fragt, was sie denn beruflich so mache, manchmal herausposaunt: „Ich mache Pornos.“ Dabei finden die Sex-Szenen, die Armani unter die Leute bringt, eigentlich nur in den Köpfen der Konsumenten statt: Sie stammen aus den erotischen eBooks, die die gebürtige Italienerin seit 2011 in ihrem Berliner Verlag GiADAs herausgibt – weil sie „die Menschen glücklich“ machen will. Armani: „Was gibt es Schöneres als Liebe?“
Vielleicht Hiebe? Das Gros der rund 200 bisherigen Titel im GiADAs-Verlag jedenfalls dreht sich um BDSM. Es geht um Sex-Praktiken im Rahmen von „Bondage, Discipline, Domination, Submission, Sadomasochism“. Ein Trend, der spätestens mit dem Erfolg der Roman-Trilogie „50 Shades of Grey“ von E. L. James zum Mainstream wurde, der in Berlin aber schon sehr viel länger zu Hause ist.
So findet das Folsom Europe, Europas größtes, weitgehend schwules BDSM-Festival rund um die Schöneberger Fuggerstraße bereits seit 2004 statt. Im gleichen Jahr startete auch das xplore Festival, „eine dreitägige Veranstaltung zu kreativer Sexualität, BDSM, Körperarbeit, Tanz, Performance und Ritual“ des bekennenden BDSM-Anhängers und Choreografen Felix Ruckert. Im Juli 2014 konnten Interessierte dort zuletzt „an 40 Workshops, Demonstrationen und Performances zu verschiedenen Spielarten und Aspekten von Sexualität“ teilnehmen.
„Berlin ist in Sachen BDSM vor allem für die vielen Besucher aus dem Ausland ein echtes Paradies. Es kommen Polen, Kanadier, vor allem aber Engländer, bei denen die Gesetzgebung deutlich restriktiver ist“, sagt Markus Kempken, Mitbegründer von BDSM Berlin e. V.. Seit 1999 betreibt der Verein Lobbyarbeit, berät Einsteiger und lädt zu regelmäßigen Treffen.
Dabei kann man in der Hauptstadt BDSM-Praktiken fast schon wie eine Art Wellness-Behandlung von Profis buchen. Zusammen mit ihrer Partnerin Kristina Marlen betreibt Klara Luhmen die Sacred Kink Academy, über die sie Tantra-Massagen oder Bondage-Workshops anbieten. „Bei Tantra und auch bei Bondage geht es erst mal um Entschleunigung“, sagt Klara Luhmen, „darum, sich Zeit zu nehmen für eine intensive Körpererfahrung.“
Die machen zu später Stunde nun auch viele Besucher im KitKatClub. Während Techno über die brechend volle Tanzfläche pumpt, masturbiert etwas abseits ein sonnenbebrillter Mann mit Tütü und Peitsche vor einem Bett, in dem eine Frau soeben in Richtung Höhepunkt ­geleckt wird. Und auch die eigens angebrachte Sex-Schaukel schwingt jetzt unter ihren Benutzern im Rhythmus zu hundert und noch mehr beats per minute.

Text: Eva Apraku und Christoph David Piorkowski?

Fotos: Lena Giovanazzi, Christine Schwarz

Kommentiere diesen Beitrag