Stadtleben und Kids in Berlin

In Berlin lebende Chinesen im Porträt

Sie sind Studenten, Köche, Künstler oder Manager: die rund 30?000 Chinesen in der Stadt. Wir stellen einige von ihnen vor, z.B. den Shaolin-Großmeister Shi Yanlin.

Shi_YanlinShi Yanlin, 39, Shaolin-Großmeister, wohnt in Tempelhof. Seit 2001 in Berlin.
„Ich kam 2001 nach Berlin, als am Kudamm ein Ableger des Shaolin Tempels eröffnete. Dort war ich der leitende Trainer, bis ich 2005 meine eigene KungFu-Schule am Innsbrucker Platz eröffnete, wo ich Kung Fu, Tai Ji und Qi Gong unterrichte. An Berlin gefällt mir, dass es viele Grün- und Erholungsflächen gibt, die Freizeitmöglichkeiten vor allem für Familien bieten. Während sich in China an solchen Plätzen alle Generationen zu gemeinsamen Aktivitäten treffen, werden hier die älteren Generationen gar nicht miteinbezogen. Deswegen ist es mir besonders wichtig, in der KungFu Schule Schüler aller Altersgruppen zu unterrichten. Privat sind der Karneval der Kulturen und das Blücherstrassenfest feste Termine für mich und meine Familie. Das Besondere an Berlin ist, dass Menschen vieler Kulturen ganz selbstverständlich nebeneinander leben. Ich habe nie Vorbehalte zu spüren bekommen und unsere Freunde sind hauptsächlich Deutsche und andere Nationalitäten.“

Lieblingsorte in Berlin: Rudolf Wilde Park in Schöneberg, Restaurant Sichuan Gourmet, Osdorferstr 124, Steglitz / Lichterfelde, 12207 Berlin
Herrn Shis Schule bietet Unterricht in Kung Fu, Tai Ji und Qi Gong für alle Altersklassen an:
Kung Fu Made In China, Hauptstrasse 60, 10827 Berlin.
Weitere Informationen unter 030 / 32 52 36 63 oder http://www.shaolin-kungfu-berlin.de/

 

Zhao_JieZhao Jie, 55, Dolmetscherin, Übersetzerin und Buchautorin, wohnt in Schöneberg. Seit 1984 in Berlin.
Als Stipendiatin der Naumann-Stiftung war ich eine der ersten sogenannten privaten Studenten, die nach Berlin gekommen sind. Was ich hier besonders schätze ist die Multikulturalität, die Vielfalt kultureller Angebote und die Wandlungsfähigkeit der Stadt. Als ich ankam, war Berlin noch eine Insel. Es hat sich in diesen Jahren sehr gewandelt und ist immer noch im Wandel. Früher habe ich gerne Berlin vom Wasser erkundet, ansonsten gehe ich in meiner Freizeit viel spazieren, ins Theater oder ins Kino. Ich weiß, dass das Besondere an Berlin die Clubs sind, aber das mache ich nicht mehr. Als ich Studentin war, kannten sich die Chinesen untereinander. Aber mittlerweile habe ich kaum noch Kontakt zu Chinesen und habe viele deutsche Freunde. Viele meiner damaligen Kommilitonen sind weggezogen und ich denke, dass es etwas damit zu tun hat, dass die Chinesen in meiner Generation in die Gesellschaft sehr gut integriert sind und deshalb den Kontakt untereinander nicht so stark pflegen, sondern eher mit den Deutschen.
Lieblingsorte: Grunewald, Schlachtensee, die Pfaueninsel und die erste Sitzreihe im Capitol Dahlem.

Am 15. April erschien Zhao Jies Autobiografie „Kleiner Phönix. Eine Kindheit unter Mao“ im Blessing Verlag, 720 Seiten, ISBN 978-3-89667-498-2, 24,99 Euro.

 

You_ShuiYou Shui, 48. Unternehmer, wohnt in Spandau. Seit 1994 in Berlin.
Ich bin damals über einen Freund nach Berlin gekommen, der ein Restaurant eröffnet hat. Wir haben damals im 7.Stock gewohnt, mit Süd-Balkon, was sehr wichtig war, um per Satellit tagesaktuell chinesische Nachrichten zu empfangen, weil wir damals noch keine chinesischen Zeitungen bekommen konnten. Viele Chinesen, die ich durch die Stadt führe, wissen Berlin erst nach der Kenntnis der Geschichte zu schätzen. Als seit über 20 Jahren in Berlin lebender Chinese sehe ich meinen Beitrag zur Gesellschaft darin, den chinesischen Besuchern die Bedeutung Berlins für die europäische und die Weltgeschichte erläutern, sie der deutschen Geschichte und Kultur näher zu bringen und ihnen die deutsche Sicht auf China zu vermitteln. Das Wissen über die Stadtgeschichte hat meine Beziehung zur Stadt auf jeden Fall verändert. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir einmal am Plötzensee schwimmen waren und den Wald um den See sehr schön fanden. Später fand ich heraus, dass dort früher ein Gefängnis war. Nach dem 2.Weltkrieg haben sie in diesem Wald mehrere Tausend Tote begraben und danach hatte ich das Gefühl, dass in Berlin hinter jeder Ecke so ein Stück Geschichte liegt.
Lieblingsorte: Die Seen im Berliner Umland.

MulanWolkMulan Wolk, 26, Assistenz der Geschäftsführung des Asien-Pazifik-Forum Berlin e.V, wohnt in Alt-Treptow. Seit 2007 in Berlin.
2007 bin ich zum Studium nach Berlin gekommen. Ich hatte vorher meine Schwester hier besucht und fand es total cool. Deshalb wollte ich unbedingt nach Berlin kommen. Am meisten gefällt mir an der Stadt, dass man hier so sein kann wie man will und sich niemand so sehr darum schert, was man macht. Jeder kann sein Ding durchziehen. Das geht natürlich Hand in Hand mit einer gewissen Großstadtanonymität. Man gerät schnell in Vergessenheit, wenn man sozial nicht aktiv ist und kann sich dann ziemlich einsam fühlen. Was ich in Berlin vermisse, sind Freundlichkeit und eine gewisse Serviceorientierung. Dass man nicht so sehr die Berliner Schnauze als Ausrede vorschiebt für eine gewisse Pseudo-Coolness und man einfach unfreundlich ist. Das nervt mich manchmal. Was meinen Kontakt mit anderen Asiaten betrifft, würde ich sagen, dass mein Freundeskreis ziemlich klar getrennt ist in deutsch und asiatisch. In Berlin bin ich wenig mit Asiaten und Chinesen zusammen. Bei vielen Chinesen, die zum Studium nach Deutschland gekommen sind, merke ich, dass man nicht auf der gleichen Wellenlänge ist. Es gibt da durchaus große Unterschiede zwischen den Festlandchinesen und Taiwanesen. Wenn ich mit Taiwanesen zusammen bin, merke ich , dass es besser funktioniert, weil ich Taiwan kenne, eine Zeit lang dort gelebt habe und weil es auch offener ist. Ich kenne niemanden mehr in unserer Familie, der ein „geeintes“ China noch miterlebt hat. Diese Trennung ist immer ein großes, konfliktbeladenes Thema auf Taiwan. Und das ist unter anderem ein schwieriges Thema mit chinesischen Auslandsstudenten.
Lieblingsorte: Treptower Park, Hasenheide, Görlitzer Park, Tiergarten

Pelin Wolk (rechts auf dem Foto), 29, Politik-Beraterin, wohnt in Neukölln. Seit 2005 in Berlin.
Während meines Praktikums im Bundestag hat mir Berlin so gut gefallen, dass ich von der Uni Kiel an die Uni Potsdam gegangen bin, um Politikwissenschaften zu studieren. Das war vor 8 Jahren. Berlin ist natürlich wesentlicher lebhafter als Kiel. Das Nachtleben hat mich die ersten drei, vier Jahre am meisten begeistert. Das Besondere an Berlin ist, dass hier es kein Zentrum gibt, sondern mehrere. Dieser Kiezcharakter macht die Stadt so interessant. Man zieht ja häufig um, und jedes Mal lernt man ein anderes Berlin kennen. Was mich allerdings stört, ist der Umgangston miteinander. Es wäre schöner, wenn man gemeinsam an einer guten Atmosphäre arbeiten würde, weil man in der gleichen Stadt lebt. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich in Neukölln wohne, wo wir viel „Sauftourismus“ haben. Aber ich finde es gehört zum vernünftigen Umgang und Zusammenleben dazu, dass man Rücksicht auf die Anwohner nimmt. Es gibt so viele Leute, die nur herkommen, um Party zu machen. Ich gehe selber auch gar nicht mehr in Neukölln aus. In Berlin habe ich überhaupt keine asiatischen Freunde, was auch an meinem Umfeld in der Uni damals und jetzt auf der Arbeit liegt. Aber ich habe mich auch nicht besonders bemüht, andere Chinesen  kennenzulernen. Die chinesischen Austauschstudenten sind aber auch eine ganz schön abgeschottete Gemeinschaft unter sich. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Chinesisch-Bedarf gedeckt war, weil ich bis vor einem halben Jahr noch mit meiner Schwester Mulan zusammengewohnt habe. Gefühlt ist Kiel mein zuhause, aber ich würde nie wieder hinziehen. Berlin ist natürlich mittlerweile auch ein Zuhause geworden, aber wenn ich in Taipeh bin, ist das genauso mein Zuhause. Dort zu leben und zu arbeiten würde ich nicht ausschließen, ich kann mir aber vorstellen, dass immer wieder Sachen auftauchen würden, an die ich mich erst gewöhnen müsste, da ich alles an deutschen Standards messen würde.

Lieblingsorte: Würgeengel in Kreuzberg und Bars in Mitte, Hasenheide.

Kiem_MacKiem Nghiep Mac, 42, Sinologie-Student, wohnt in Tiergarten. Seit 1985 in Berlin.
Geboren in Hanoi, aufgewachsen im Norden Vietnams an der Grenze zu China flohen wir vor dem chinesisch-vietnamesischen Krieg als Boat People nach Deutschland. Damals war ich 8 und wir wurden als politische Flüchtlinge in einer westdeutschen Kleinstadt aufgenommen. 1985 kamen wir  nach Berlin. Das Interesse meiner Familie lag vor allem darin, unsere chinesische und vietnamesische Verwandtschaft hier kennenzulernen, das war auch der Grund, weshalb wir hergekommen sind. Da ich mich gerade viel mit dem Chinesischsein auseinandersetze, habe ich festgestellt, dass sich Chinesen sehr stark über das Essen definieren. Daher vermisse ich in Berlin die Authenzität und Vielfalt an chinesischem Essen, das hier angeboten wird. Es geht beim Essen natürlich nicht nur um die Gerichte, sondern auch um das Beisammensein. Bei meinen Reisen musste ich feststellen, dass vielen Großstädten dieses Flair von Berlin fehlt. Das Tolle ist, dass man hier alles haben kann: Großstadt und Erholung in der Natur.
Lieblingsorte: „Little Vietnam“ aka Don Xuan Center (meine Mutter kauft ihren Reis nur dort und großartiges vietnamesisches Essen), Herzbergstraße 128-139,  in Marzahn-Lichtenberg, Restaurant „Good Friends“, Kantstraße 30, Tiergarten.

DJ_Daniel_WangDaniel Wang, 43, DJ, wohnt in Friedrichshain. In Berlin seit 1999.
Mittrichshain nenne ich meinen Kiez am Strausberger Platz in Friedrichshain. 1999 kam ich erstmals nach Berlin, als DJ im alten Ostgut und im Cookies Club. Ich liebe so viele Dinge an Berlin: Die bunten Fliesen in der U-Bahn. Die offene, bodenständige Art der Menschen. Die Vielfalt der Küche dank vieler Einwanderer – tolle vietnamesische, italienische und türkische Küche an jeder Ecke. Die extreme Offenheit, wenn es ums schwul oder lesbisch sein geht.  Die Häuser und die Architektur – als wäre es alles für Riesen gebaut. Die vielen perfekt geplanten Straßenbäume. Was mir fehlt? Nicht viel. Wirklich. Ich habe davor in New York gewohnt, auch dort zehn Jahre lang. Und alles, was ich dort mochte, gibt es auch in Berlin – minus eine große Zahl an oberflächlichen geldgierigen Menschen. Ich habe kaum chinesische Freunde, nur 2 Nachbarn. Ich bin Chinese American und ich mag all die verrückten Leute. Die Chinesen überall auf der Welt sind eigentlich eher konservativ.
Lieblingsorte: Seen in Ostberlin, die Wälder, die Clubs zwischen Mitte und Ostkreuz, die Trödelmärkte am Sonntag  (ich denke immer, ich könnte die Dinge dort für den zehnfachen Preis in Japan verkaufen)

 

Songwen_Sun-von_BergSongwen Sun-von Berg, 45, Künstlerin, wohnt in Kreuzberg. In Berlin seit 1991.
In Berlin wohne ich seit 22 Jahren. Inzwischen stelle ich mich als Berliner Malerin aus Shanghai vor. Ich habe lange gebraucht, um mich in Berlin heimisch zu fühlen. Mittlerweile ist ein Vertrauensverhältnis entstanden. Mir gefällt sehr gut, dass Berlin so aufgeschlossen geworden ist gegenüber Menschen aus anderen Orten, und dass es hier so viel Natur gibt. Ich arbeite viel im Atelier, aber am Wochenende mache ich mit der Familie Ausflüge ins Grüne. Letztes Mal hab ich den Tegeler See für mich entdeckt, die Promenade hat ein bisschen was von Shanghai. Berlin ist mit seinen Museen und Konzerten auch ein kultureller Anziehungspunkt. Mein Freundeskreis ist sehr gemischt. Viele meiner chinesischen Freunde von früher sind nach China zurückgekehrt, weil sie dort mehr Entwicklungsmöglichkeiten gefunden haben. Mit meinen Freunden gehe ich gerne ins Restaurant, ins Kino oder Kaffeetrinken. Viele kommen zu meinen Ausstellungen oder zu mir ins Atelier. Dadurch entsteht Austausch, das ist sehr wertvoll, denn oft sind Künstler eher einsame Vögel. Meine Kunst ist nicht provokativ. Ich möchte mit meinen Bildern das Schöne und das Zerbrechliche der Realität darstellen. Zwanzig Jahre lang habe ich keinen Besuch aus China bekommen. Aber inzwischen kommen immer mehr Chinesen aus ihrem Land heraus und lernen die Welt kennen. Nächste Woche besucht mich ein Schulfreund aus Shanghai, darauf freue ich mich.
Lieblingsplätze: Gleisdreieckpark, Viktoriapark, Grunewald, Museumsinsel, Gendarmenmarkt, Nolde Museum
Wer mehr über die Arbeiten und kommende Ausstellungen von Frau Sun-von Berg erfahren möchte schaut unter http://www.sunvonberg.de/index.html

 


Fotos: Oliver Wolff, Emily Ann Hodges

 

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