Vorabdruck

„Berlin liegt am Meer“ von Irene Moessinger

Irene Moessinger, Gründerin des Tempodrom, hat ein Erinnerungsbuch geschrieben. Über ihre Kindheit in Andalusien und am Bodensee, aber natürlich auch über das West-Berlin der 80er Jahre. Mit Hilfe einer Erbschaft hatte sich die Krankenschwester damals einen Traum erfüllt und ein Zirkuszelt gekauft, das schnell zu einem der angesagtesten Veranstaltungs­orte der Halbstadt werden sollte. Ein Vorabdruck aus ihrem Buch.

Das Tempodrom am Potsdamer Platz, 1982. Foto: Paul Glaser

Sie hat eingewilligt. Sie weiß, das Geld geht ihnen aus. Die Eröffnung, so schön und so ausverkauft sie war, hat mehr Geld gekostet als eingenommen wurde. Alles ist viel teurer geworden als geplant. Präsenz in Funk und Fernsehen, Artikel in der Presse bedeuten Publikum. Das leuchtet ein. Sie hat ihre Verweigerung aufgegeben, spielt das Spiel mit. Die Story mit der Krankenschwester, die ihr geerbtes Geld in einen Zirkus investiert, ist raus. Sie weiß nicht, wer das lanciert hat, der Tagesspiegel ist die erste Zeitung, die die Meldung veröffentlicht hat. Seitdem wollen die Medien sie. Vor die Kamera, in die Studios, auf die Titelseiten.

Das Telefon steht nicht mehr still.
Es ist ihr erstes Fernsehinterview.
Mit Holger fährt sie zum Funkturm.

»Du brauchst keine Angst zu haben, es ist nicht schlimm und geht ja nur zehn Minuten. Falls du nicht mehr weiter weißt, schau zu mir, ich gebe dir dann Stichworte. Es wird ja nicht live gesendet, sondern für heute Abend aufgezeichnet. Sei nicht nervös!«

Sie ist gar nicht nervös. Nervös war sie bei der Eröffnung, als sie Pause geritten ist. Als sie auf diesem Schimmel in die Manege galoppiert ist und jeden Abend mit Begeisterung ihre Runden gedreht hat, die Fahne mit der Aufschrift »Pause« hinter sich herschwenkend. Das war aufregend. Jetzt spürt sie eher Widerwillen.

»Hier bringe ich Ihnen die Krankenschwester!«, begrüßt Holger den Redakteur.
»Willkommen bei Zur Sache am Funkturm, Frau Moessinger, seien Sie nicht nervös, ist alles halb so schlimm. Folgen Sie mir in das Studio.«

Der Redakteur nimmt ihre Hand zwischen seine beiden Hände und tätschelt sie, als würde er ein Kind beruhigen wollen. Durch verwinkelte Gänge erreichen sie das Studio.
»Hier sitzen Sie, Frau Moessinger, Ihnen gegenüber sitze ich, neben mir die Kamera. Bitte nicht in die Kamera schauen, immer zu mir schauen. Machen Sie sich keine Sorgen, Sie können alle Fehler dieser Welt machen. Es wird erst in zwei Stunden gesendet und wir können immer noch schneiden, wenn Sie mal nicht weiterwissen.«

Wenn die so weiterreden, machen die mich noch nervös. Sie setzt sich ihm gegenüber. Er ist ein netter Mann, ein wenig zu beflissen, aber nett, ihr nicht unangenehm. Holger sitzt hinter der Kamera und winkt ihr zu, wie um ihr zu sagen, »hab keine Angst, ich bin da«.
»Frau Moessinger, jetzt kommt erst ein kurzer Einspieler und dann stelle ich Ihnen die Fragen. Alles in Ordnung so weit?«
Sie nickt.

»Es war einmal eine Krankenschwester, die erbte eine Million. Anstatt sich eine Eigentumswohnung zu kaufen, erfüllte sie sich einen Traum. Sie gründete einen Zirkus. Heute haben wir diese bemerkenswerte Frau zu Gast bei uns unterm Funkturm.« Sie rollt die Augen genervt nach oben. Dann beginnen die Fragen.

Klare Fragen. Zu ihrer Motivation, zum Selbstverständnis des Tempodrom, zum Programm, Vergangenes und Kommendes. Klare Antworten. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie genießt das Gespräch, zwischendurch lachen sie. Die Chemie stimmt.

»Danke!« Die zehn Minuten sind um. Der Redakteur springt erleichtert auf. »Gratuliere, Frau Moessinger, wir haben es im Kasten, gleich beim ersten Take. Mein Team und ich haben uns ein Zeitfenster von neun Takes reserviert. Danke Ihnen, jetzt haben Sie uns eine Pause bis zur Sendung ermöglicht.«

Im Auto auf dem Rückweg fragt sie Holger: »Was hat er denn mit Take gemeint?«
»Ein Take ist eine Filmaufnahme vom Einschalten der Kamera bis zum Ausschalten ohne Unterbrechung, ungeschnitten. Sie hatten offensichtlich viel Zeit für Wiederholungen eingeplant, aber du scheinst ja ein Naturtalent zu sein.«
»Aha!«

Sie weiß nicht, ob er das ironisch meint. Es ist ihr auch egal. Ihre Gedanken kreisen um etwas anderes, etwas Beschämendes – denken die, ich bin eine dumme, naive Krankenschwester? Unterschätzt zu werden schafft Vorsprung. – Diese Erkenntnis behält sie für sich.
»Die Krankenschwester, die ihren Traum verwirklicht hat« war ein Medienprodukt. Ein sehr wirksames, diente endlos als Schlagzeile und damit der überregionalen Bekanntheit des Tempodrom. Es machte mich zur Projektionsfläche für Menschen, deren Sehnsucht es war, ihre Träume zu verwirklichen.

Der Platz an der Mauer hatte seinen ganz speziellen Reiz. Vor dem Krieg war der Potsdamer Platz der verkehrsreichste Platz Europas mit der ersten Ampelanlage der Welt. Jetzt eine Wüste im Niemandsland der Nachkriegszeit, durchschnitten von der Berliner Mauer mit dem dort breitesten Todestreifen. Im Westen wie im Osten eine vergessene Brache, nachdem auf beiden Seiten die vom Krieg beschädigten Häuser abgetragen statt wieder aufgebaut wurden. Auf westlicher Seite existierten noch das Weinhaus Huth, Reste des alten Hotels Esplanade und das Gebäude der Hansa Studios mit dem historischen Meistersaal. Auf östlicher Seite konnte man von der touristischen Aussichtsplattform hinter der Mauer, den Panzersperren und den Wachtürmen des Todesstreifens noch den Eingang zu Hitlers Führerbunker erkennen.

Mitten in der geteilten Weltstadt eine Windschneise von West nach Ost, in der unaufhörlich Staub aufwirbelte und Windhosen entstehen ließ. Bei Regen verwandelte sich die Sandwüste in eine einzige Pfütze. Direkt auf den Ruinen des Haus Vaterland, ein berühmter Vergnügungs- und Varieté-Palast der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, das riesige grüngelbe Zelt. Darum gruppiert die grüngelben Wohnwagen, immer wieder heimgesucht von den einzigen lebenden Wesen, die ohne Visum unbehelligt von West nach Ost und umgekehrt durch selbst erbaute unterirdische Tunnel hoppelten: die unzähligen wilden Karnickel. Die erste Saison im Tempodrom glich einer Flutwelle, die in Zeitlupe über uns hinweg rollte. Ungeübten Surfern gleich, gelang es uns nur knapp, nicht unterzugehen und von den Ereignissen geschluckt zu werden. Wahrlich ein Balanceakt, der uns fast in den finanziellen Ruin geführt hätte, gleichzeitig aber den Weg für die kulturelle Bedeutung und den Ruhm des Tempodrom ebnete.

Aus: Berlin liegt am Meer von Irene Moessinger, Galiani, 460 S., 26 €

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