Berlin Report

Ein Scheißgeschäft – Berlin schreibt den Betrieb seiner öffentlichen Toiletten aus

Eine Chance für die Umweltschutz-Wende – hin zum Kompost-Klo

Foto: Xenia Balzereit

Es riecht nach Sägespänen. Nur nach Sägespänen. Das ist erstaunlich. Denn das hier ist ein Klo. Eines, aus dem die Fäkalien nicht abgespült werden. Sie lagern unterhalb der Klobrille, nur von Sägespänen bedeckt. Es ist ein Plumpsklo. Aber eben eines, das nicht stinkt. Eco Toilette nennt sich das Ding.

Auf den ersten Blick erscheinen die Eco Toiletten rückständig, verglichen mit den 171 Edelstahl-Wasserklos, den City-Toiletten, die die Firma Wall in Berlin verteilt hat. Wall stellt seit 25 Jahren die öffentlichen Klos in Berlin. 50 Cent kostet ein Klogang. Zudem darf die Firma Premium-Werbeflächen vermarkten. Wie ertragreich das Geschäft ist, verrät Wall nicht.

Im Senat geht man davon aus, dass es sich deutlich rentiert. Deshalb will Rot-Rot-Grün einen neuen Hersteller und Betreiber für die öffentlichen Toiletten finden – und die Werbeflächen selbst vermarkten.
Die Eco Toiletten wären eine interessante Option. Sie kosten mit rund 12.000 Euro nur ein Sechstel des Preises einer Wall-Toilette. Und selbst wenn sie jeden Tag gereinigt und Sägespäne und Sammeltonnen täglich ausgetauscht würden, blieben die Wartungskosten weit unter den 40.000 Euro im Jahr, die es für die Erhaltung einer City-Toilette braucht.

Sieben stationäre Trockentoiletten gibt es schon in Berlin. Eine davon steht an der Rummelsburger Bucht. Sven Riesbeck, Geschäftsführer der Firma Eco Toiletten, wirkt stolz, als er daneben posiert. Die Toilette kommt bei der Bevölkerung gut an. Inga Stade zum Beispiel wohnt in Friedrichshain und geht beim Spazieren oft auf die Trockentoilette am See. „Besonders mit Kind ist das praktisch“, sagt sie. „Jetzt müssen wir nicht mehr in den Busch.“

An diesem Standort wäre eine City-Toilette überhaupt nicht möglich. Denn die braucht einen Wasseranschluss. Riesbecks Klos funktionieren ohne Wasser. Nachdem man sein Geschäft verrichtet hat, „spült“ man mit einer Handvoll Sägespäne. Die Fäkalien werden dann zusammen mit dem Klopapier und den Spänen in einer Tonne gesammelt und danach in einer Anlage kompostiert. Was herauskommt, ist Dünger.

„Warum muss man das kostbare Gut Trinkwasser mit Fäkalien in Kontakt bringen, wenn es auch anders geht?“, fragt der 27-jährige Berliner Riesbeck. Seine Klos stehen in letzter Zeit immer öfter auch auf Festivals. „Das ,Sound of the Forest‘-Festival hat vorher 1.500 Kubikmeter Wasser nur für Fäkalien verbraucht. Mit uns waren es nur noch 15 Kubikmeter“, sagt Riesbeck.

Als der Senat diesen Sommer den Vertrag mit dem bisherigen Toilettenbetreiber Wall kündigte, tat sich auf den ersten Blick eine Chance für Eco Toiletten auf. „Wir haben viele Erfahrungen gesammelt und trauen uns zu, Berlin mit noch mehr Eco Toiletten auszurüsten“, sagt Riesbeck. „Dafür müssen die Stadt und die Bürger uns aber eine Chance geben.“ Im August stellte die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz das neue Toilettenkonzept für Berlin vor. Auch da sah es nicht schlecht aus für die Eco Toiletten. Komposttoiletten werden im Konzeptpapier ausdrücklich als sparsame und nachhaltige Option für bestimmte Standorte genannt.

Doch mit der Veröffentlichung der Ausschreibung am 10. November kam die Ernüchterung. Der Senat sucht ein einzelnes Unternehmen, das die gesamte Stadt mit Toiletten beliefert. Mindestens eine Million Euro Umsatz im Jahr soll die auserwählte Firma machen und mindestens 150 stationäre Toiletten gebaut und aufgestellt haben. Unmöglich für ein kleines Startup wie die Eco Toiletten GmbH, diese Voraussetzungen zu erfüllen. Die einzige Möglichkeit für Riesbeck, trotzdem noch im Spiel zu bleiben, ist die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Gewinnerunternehmen. „Das prüfen wir gerade“, sagt Riesbeck.

Dass die Ausschreibung auf einzelne, große Unternehmen zugeschnitten ist, begründet der Pressesprecher der Senatsverwaltung auf Nachfrage damit, dass die öffentlichen Toiletten einen Wiedererkennungswert haben und einheitlich sein sollen. Außerdem will man sichergehen, dass der neue Betreiber zuverlässig ist. Nicht mehr als zwei Prozent der Toiletten dürfen demnach ausfallen, ansonsten drohen tausend Euro Strafe pro Tag und Toilette. Zum Vergleich: Momentan sind 24 Prozent der City-Toiletten der Firma Wall nicht nutzbar. „Ziemlich streng“, findet Riesbeck. „Mich würde es wundern, wenn sich tatsächlich jemand traut, ein Konzept auf diese Ausschreibung einzureichen.“

Georg Kössler aus der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus hat den Kampf um die Klofrage live mitbekommen. Besonders Mitglieder der CDU hätten die Idee, Trockentoiletten aufzustellen, als „ideologisch verbohrt“ abgetan. „Aber das weit verbreitete Unwissen über diese geruchsarme und ökologische Alternative muss doch gerade Grund dafür sein, mehr davon aufzustellen”, sagt Kössler. Zwar sei Berlin noch nicht bereit dafür, die Citytoiletten komplett mit Trockentoiletten zu ersetzen. Aber an Orten wie Parks, wo es keinen Wasseranschluss und nur den Busch zum Erleichtern gibt, seien sie sinnvoll. „Kritiker der Opposition sollen ihre vom Festival heimkommenden Kinder mal nach den Öko-Toiletten fragen, anstatt nur zu mäkeln“, so Kössler.
Die Idee, vor allem dort Ökotoiletten aufzustellen, wo es überhaupt keine öffentlichen Klos gibt, hatte Riesbeck auch schon und wandte sich direkt an die Berliner Bezirke. In Lichtenberg durfte er prompt fünf Stück aufstellen. „Es funktioniert einfach“, sagt Lichtenbergs Bezirksstadtrat Wilfried Nünthel dazu.

Laut Riesbeck hat auch der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf Interesse an den Ökotoiletten und sieht Bedarf an zwanzig Standorten. Und mit Friedrichshain-Kreuzberg hat Riesbeck schon über Trockenklos an der Oberbaumbrücke und am Kottbusser Tor gesprochen. Vorurteile gegenüber Trockentoiletten würden nur abgebaut, wenn die Leute sie sehen und selbst benutzen, meint Riesbeck. Dafür wäre Kreuzberg-Friedrichshains Partymeile ideal. „Die Bezirke sind jetzt aber in Wartehaltung und wollen erst mal sehen, was mit der Ausschreibung passiert“, sagt er.

Ganz egal wie es mit der Ausschreibung ausgeht, für Riesbeck ist klar, dass sein Konzept Zukunft hat. Zum Beispiel in Indien, wo mehr als 600 Millionen Menschen keinen Zugang zu Toiletten haben. Dort hat der Berliner bereits Trockenklos gebaut, mit Spenden, die er mit einer Fahrradtour von Berlin nach Indien eingenommen hat.

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