Shopping und Stil in Berlin

Berlin – Stadt der Mode

Mitte des 19. Jahrhunders wurde hier die Stangenware erfunden, in den 20-er Jahren kopierte ganz Deutschland den "Berliner Chic" und in den 50-er Jahren kleideten Berliner Designer Stars wie Romy Schneider und Hildegard Knef ein. Ein Streifzug durch die bewegte Vergangenheit einer Modemetropole.

Ruth-HaberRuth Haber residiert in einer gepflegten Villa im Grunewald. Das Wort „residieren“ ist hier angebracht, denn einfach nur zu wohnen, das würde der feinen Dame nicht entsprechen. Gleich an der Tür sagt sie, dass sie wenig Zeit hat, denn es gibt viel zu organisieren: Im September steht die Verleihung der „Goldenen Nase“ an, ein Preis, den Berliner Modejournalisten einmal im Jahr unter ihrer Leitung vergeben. Dann schreitet sie voran durch ihre großzügigen Räume und nimmt an einem Tisch im Wintergarten mit schönem Blick ins Grüne Platz.

Ruth Haber ist eine Koryphäe der deutschen Modebranche, und das sieht man ihr ein bisschen an: Sie trägt ein elegantes Kostüm in dezentem Grau, die Haare sind sorgfältig frisiert. Wie keine andere hat sie die Entwicklung der sogenannten Berliner Konfektion miterlebt und dokumentiert. Die serienmäßige Herstellung von Kleidungsstücken in Standardgrößen hat in Berlin eine lange Tradition, man darf sogar behaupten, dass die moderne Textilindustrie hier erfunden wurde. Ihre Blütezeit hatte die Berliner Konfektion in den 20er-Jahren. Danach kam der Krieg, in den 50er-Jahren ist sie dann wie Phönix aus der Asche wiederauferstanden. In dieser Zeit leitete Ruth Haber die Mode­redaktion der Fachzeitschrift Textil-Report. Wenn man sie in ihrem Wintergarten sitzen sieht, kann man sich genau vorstellen, wie sie als junge Frau den Ku’damm entlang lief, vorbei an den berühmten Modehäusern und Salons, Richtung Schlüterstraße, wo ihr Verlag saß. Von dort aus berichtete sie über zehn Jahre über die Berliner Modeszene und war anschließend als freie Journalistin für verschiedene Zeitschriften tätig.

Marianne_BreslauerSie schrieb über die Pariser Haute Couture-Schauen und beriet parallel internationale Unternehmen wie Hoechst oder Bally in Modefragen. „Heute muss ich mich ein bisschen zurückhalten“, sagt sie. So viel zu reisen wie früher, das schafft sie inzwischen nicht mehr. Ruth Haber spricht langsam und gewählt: über ihre Erinnerungen, über Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop, mit denen sie seit Jahrzehnten befreundet ist. Bei ihren Ausführungen verfällt sie immer wieder in ein charmantes Berlinerisch.

„Oh, wir hatten wunderbare Salons, die auch für die Filmindustrie gearbeitet haben“, sagt Haber und ein Lächeln huscht ihr über die Lippen. Mitte der 50er-Jahre stand die sogenannte Modell-Gruppe, die Spitze der Berliner Konfektion. Zu ihren bekanntesten Vertretern gehörten Uli Richter, Heinz Oestergaard und sechs bis acht weitere Couturiers, die ihre teils klassischen, teils extravaganten Modelle in exklusiven Salons am Kurfürstendamm und Umgebung verkauften. „Eigentlich waren sie gar keine Couturiers“, sagt Haber. Das wurde oft fälschlicherweise behauptet. Denn im Gegensatz zur handgeschneiderten „Haute Couture“ ließen sie ihre Modelle in Serie konfektionieren – wenn auch in kleiner Stückzahl. „Es ist kein Geheimnis, dass sich die Gruppe ihre Ideen aus Paris holte“, sagt Haber. Jede Saison fuhren die Berliner Modemacher an die Seine, um sich inspirieren zu lassen. „Außer Hans Gehringer vielleicht.“ Er soll ein besonders begabter Mann gewesen sein, der oft schon vor den Pariser Modeschöpfern wusste, ob die A-Linie angesagt sein wird oder die H-Linie. Der Eintritt zu den Couture-Schauen kostete 2000 Mark. Dafür bekam die Gruppe einen Schnitt als Basis für ihre Entwürfe. In Berlin entwickelten sie daraus ihre eigenen Modelle mit kleinen oder größeren Veränderungen.

Ruth Haber ist ganz in ihrem Element, als sie den Stil der Gruppe beschreibt: Alibert Schwabe war bekannt für seine wunderschönen Mäntel mit großen Pelzbesätzen. Gerd Staebe und Hans Seger haben die extravagantesten Cocktail-Kleider gemacht. Hermann Schwichtenberg galt als Perfektionist in Sachen Kostüm. „Seine Modelle konnte man 20 Jahre lang tragen.“ Bei Heinz Oestergaard hält Haber kurz inne, dann erzählt sie, dass seine Mode zwar etwas „mainstreamig“ ausfiel, aber dafür war er ein Ass in der Vermarktung: Zuerst trugen Hildegard Knef und Romy Schneider seine Kleider, später dann Millionen Quelle-Kunden. Uli Richter kam als jüngster und modernster zur Gruppe. Seine Klientel war die Frau von Welt – elegant und reisefreudig. Vor allem die Amerikaner sollen auf ihn geflogen sein und verkauften seine Entwürfe in exklusiven Departmentstores wie Bloomingdale’s und Neiman Marcus. Die berühmten Modefotografien von F.C. Gundlach bezeugen heute noch sein ausgesprochenes Talent. Wie heute die Bread & Butter zog damals die Modemesse „Berliner Durchreise“ tausende Händler aus aller Welt an die Spree, um die exklusiven Modelle der Gruppe zu sehen und zu kaufen.

Wann Berlin als Modemetropole ihren Ursprung hat, weiß Haber ganz genau: 1836. Damals begann Valentin Manheimer, ein geschäftstüchtiger Händler aus Magdeburg, in seinem Berliner Laden fertige Kleidung auf einer Stange zu verkaufen. Heute ist der Begriff ‚von der Stange’ eine gängige Bezeichnung für Alltagsmode. Zu Manheimers Zeit nähte man sich seine Garderobe noch selbst oder ging zum Maßschneider – und das war teuer. Viele kauften auch im Altkleiderhandel oder hatten ihre Kleider geerbt. Manheimers Idee war revolutionär und verbreitete sich schnell. Bald schon ließen gewiefte Geschäftsmänner Kleidung in unzähligen Nähstuben fertigen, um sie anschließend in ihren Läden zu verkaufen. Ein paar Jahre später kam mit der Erfindung der elektrischen Nähmaschine die Initialzündung für die industrielle Fertigung. „Danach gab es kein Halten mehr“, sagt Haber. Ein völlig neuer Beruf entstand: der des Konfektionärs, der nach seinen Vorstellungen Mäntel, Pelerinen und später auch Blusen fertigen ließ. Produktionsstätten gab es in Berlin und in Brandenburg, bis nach Thüringen, wo viele Weber saßen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Hausvogteiplatz zum Mittelpunkt des Geschehens. Dort ließen sich Textilfabrikanten nieder und eröffneten pompöse Geschäftsräume. Zu den renommiertesten gehörten in den 20er-Jahren Nathan Israel, Rudolph Hertzog, Herrmann Gerson, Kersten & Tuteur. Die Mode entwickelte sich zum Kulturgut, über das die Gattin des Bankiers sprach, wenn sie sich mit Frau Kommerzienrat zum Einkaufsbummel in „Gerson’s Bazar“ traf. Unter den Linden, am Ku’damm und in der Friedrichstraße eröffnete ein Modehaus nach dem anderen. In Berlin erschienen die Modezeitschriften, für die sich Marlene Dietrich und die Soubrette Fritzi Massary ablichten ließen. „Die Konfektion war nach dem Maschinenbau und der Elektroindustrie der drittgrößte Wirtschaftsfaktor in Berlin – mit 750 Betrieben und 180.000 Beschäftigten“, sagt Haber.

Neben den traditionellen Konfektionshäusern gab es aber auch extravagante Modesalons, die oft von Frauen geleitet wurden. Die Salons von Marie Latz, Johanna Marbach, Regina Friedländer und Johanna König, die einen Hutsalon führte, waren die bekanntesten. In ganz Deutschland gab der „Berliner Chic“ den Ton an. Die „Garçonne“ wurde zum Vorbild vieler Frauen, die diesem Look nacheiferten: Sie ließen sich einen Bubikopf schneiden und unterstrichen ihre knabenhafte Figur mit Hängekleidchen und Seidenstrumpfhosen.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten traf die Berliner Konfektion, die zu 90 Prozent in jüdischem Besitz war, die ganze Brutalität des Nazi-Terrors. Ihre Geschäfte wurden „arisiert“ und anschließend zwangskollektiviert. „Manche Häuser überlebten durch die sogenannten ‚Arisierungsnachfolgen’“, erklärt Haber, bei denen es Absprachen zwischen den jüdischen Chefs und ihren nichtjüdischen Mitarbeitern gegeben haben soll. Viele Nachfolger hätten dabei im Sinne der früheren Direktoren gehandelt, andere haben sich bereichert. Nach dem Spiegel-Artikel „Magnet für Modemacher“, der 1993 zum vermeintlichen Comeback des Hausvogteiplatzes erschien, waren einige Nachfolger äußerst umstritten: die Brüder Horn, die die exklusiven Großbetriebe Gerson und Kersten & Tuteur übernahmen, Hermann Schwichtenberg, der sich in den Besitz der Firma Hansen Bang brachte, sowie Gehringer und Glupp, die Auerbach & Steinitz kauften. Mit einigermaßen gutem Gewissen hätten eigentlich nur Gerd Staebe und Hans Seger antreten können, heißt es im Artikel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Hausvogteiplatz in Schutt und Asche. „1945 begannen die ersten wieder, in den Trümmern zu graben“, erinnert sich Haber, die inzwischen völlig vergessen hat, dass sie eigentlich gar keine Zeit hat. Vielleicht waren ja noch irgendwo Maschinen verschüttet? Oder Stoffe verbuddelt? Bald darauf kamen die Besatzungsmächte und mit ihnen neue Kundschaft. Bereits 1949 wurden in ausgebombten Häusern schon wieder Modenschauen abgehalten. Mitte der 50er-Jahre gab es in Berlin bereits rund 350 Firmen mit 60.000 Beschäftigten, die in der Textilindustrie arbeiteten. Berlin wurde Deutschlands stärkster Produktionsstandort, konnte aber wegen der sich anbahnenden Teilung Deutschlands nicht mehr an seine Erfolge in den 20er-Jahren anknüpfen.

1961 trennte mit einem Schlag die Mauer 7500  Beschäftigte, die im Osten wohnten, von ihren Arbeitsplätzen im Westen. Aufgrund der schwierigen Verhältnisse wanderten immer mehr Berliner Modefirmen gen Westen ab und zeigten ihre Kollektionen nun auf der „Interessengemeinschaft Damen­oberbekleidung“, kurz Igedo, gegründet von Berliner Konfektionären und ihren westdeutschen Kollegen.

Heute ist daraus die CPD, die größte DOB-Messe der Welt geworden. Mitte der 70er-Jahre kam die Berliner Mode fast völlig zum Erliegen und Ruth Haber musste mit ansehen, wie sich 1982 auch der letzte Salon vom Ku’damm verabschiedete: der von Uli Richter. Heute sind nur noch zwei Firmen aus dieser Zeit übrig geblieben. „Durch die Teilung ist viel kaputtgegangen“, erinnert sich Haber. „Ich habe alles dafür getan, die Glut der Tradition nicht ausgehen zu lassen.“ Mit Mode- und Wirtschaftsjournalisten rief sie 1976 die „Goldene Nase“ ins Leben. Der Preis ist heute noch eine Auszeichnung für Menschen, die sich für den Modestandort Berlin besonders verdient gemacht haben – sei es durch ihr besonderes Engagement oder durch ihr kreatives Potenzial. Neben großen Namen wie Uli Richter, Heinz Oestergaard, Vivienne Westwood und Anna Maria Jagdfeld haben ihn auch viele Designerlabels aus Berlin bekommen, unter anderem die noch immer amtierende Strickkönigin Claudia Skoda, Scherer-Gonzаlez und Firma. Diese kleinen Unternehmen stehen heute für das kreative Berlin, so wie viele weitere Labels, die in Mitte und Prenzlauer Berg ihren Sitz haben.

Laut einer Studie des Berliner Senats aus dem Jahre 2006, setzt die hiesige Designwirtschaft jährlich über 380 Millionen Euro um. Über diese Entwicklung freut sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ganz besonders, der einmal bei einem Mode-Event verkündet hat, dass die Hauptstadt wieder an ihre Tradition als Modemetropole anknüpfe. Solchen Äußerungen steht Haber eher skeptisch gegenüber: „An das Niveau und den Umsatz, den die Berliner Bekleidungsindustrie einmal erwirtschaftet hat, kommen wir heute nicht mehr heran“, sagt sie. „Die Kreativität der Modestadt Berlins ist allerdings ungebrochen.“

Text: Wolfgang Altmann
Fotos: Oliver Wolff, Uli Richter, F.C. Gundlach, Marianne Breslauer

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