Essen & Trinken in Berlin

Berlin zelebriert den Tee

Abwarten und Tee trinken war einmal. Denn Kenner kultivieren ihr Lieblings­getränk inzwischen in aufwendigen Zeremonien. Sie haben dabei die Wahl unter immer zahlreicheren Sorten. Auch hier steht „Bio“ natürlich hoch im Kurs

teeSchwarz oder grün? Rot oder gelb? Oder vielleicht weiß? Oh je, denkt man sofort, nicht schon wieder: Bundestagswahlen, Koalitionsverhandlungen. Von derartigen Farbdiskussionen hatte man in diesen Herbst mehr als genug. Aber es muss ja nicht immer um Politik gehen: Ob Schwarz oder Grün, das ist nämlich auch eine Frage des Teegeschmacks. Je ungemütlicher das Wetter wird, desto brisanter die Frage.

Ganz klar, Tee ist vor allem ein Getränk für die kalte Jahreszeit. Ob zu Hause, im Büro oder in einer der Berliner Teestuben und Salons, ob zum Essen oder einfach zwischendurch: das aus der Teepflanze Camillia sinensis hergestellte heiße Aufgussgetränk gehört mit zu den beliebtesten Getränken der Deutschen. Jahr für Jahr steigt der Teekonsum in Deutschland an. Das belegen die Zahlen des Deutschen Teeverbandes. Frank Steiger von Tee Tea Thй in Schöneberg kann die Aussage mit dem stetigen Anstieg des Teeverbrauchs nur bestätigen. Die kleine Teestube mit Laden verkauft seit zwölf Jahren Teesorten aus aller Welt. „Insgesamt ist die Teekultur in Berlin in den vergangenen Jahren viel besser und facettenreicher geworden“, sagt Steiger.

teeDoch Tee ist nicht gleich Tee. Nicht allein die Wahl der Farbe ist für den Geschmack entscheidend. Auch Herkunft, Erntezeit, Verarbeitung, verschiedenste Aromatisierungen, zusätzliche Gewürze, die Art der Zubereitung und sogar das Material von Kanne und Tasse spielen beim Genuss eine wichtige Rolle. Die Sortenvielfalt und Zubereitungsweisen sind nahezu unendlich. Als Hobbyteetrinker ist man schnell überfordert mit der Fülle an unterschiedlichsten Tees, Ziehzeiten und Aufgussvarianten. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum die klassischen Schwarztees wie Earl Grey, English Breakfast oder der indische Darjeeling nach wie vor zu den Favoriten in Deutschland zählen. Dicht gefolgt wird der Schwarze vom Grünen Tee. Weißer Tee sowie Roter Tee, der Pu-Erh Tee, oder auch der Gelbe Tee sind weit abgeschlagen.

Laut dem aktuellen Jahresbericht des Deutschen Teeverbands sind Indien und Sri Lanka die wichtigsten Schwarzteelieferanten, während der Grüntee zum größten Teil aus China importiert wird. Fragt man in Berliner Teestuben nach, so sind in der Hauptstadt vor allem japanische Grünteevarianten gefragt. Tan Kutay von Teefeinkost TAN in Schöneberg und auch Kristine Mager vom Berliner Teesalon in Mitte sprechen von einem regelrechten Boom hochwertiger Grüntees aus Japan. Insbesondere der grüne Sencha mit seinem markanten, frischen Geschmack erfreue sich großer Beliebtheit unter den Berlinern, so Kutay. Sencha gilt in Japan als gehobener Tee und wird nur zu besonderen Anlässen getrunken. Auch im Tee Tea Thй, dem Laden von Frank Steiger, ist es ein grüner Sencha-Tee, der am häufigsten gekauft wird: Der Morgentau-Tee ist eine eher seltene Komposition aus großblättrigem, zartbitterem Sencha, fruchtigen Aromen und Blüten. Überhaupt scheinen die Teetraditionen aus dem fernen Osten mehr und mehr Leute in Berlin zu begeistern. Es sind nicht nur die verschiedenen Teesorten und Geschmacksrichtungen, sondern es sind vor allem auch die komplizierten und aufwendigen Teezeremonien aus Japan, die auf ein großes Interesse stoßen. Diese Teezeremonien können bis zu vier Stunden dauern und beruhen auf genau festgelegten Abläufen. Für Nichteingeweihte ist es quasi unmöglich, an den traditionellen Ritualen teilzunehmen, zu viele Formen, die gewahrt werden müssen, zu viele Regeln.

teeTan Kutay ist Mitglied der Japanischen Teeschule Ueda Sфko Ryы in Hiroshima. Im 17. Jahrhundert hat Teemeister Ueda Sфko die berühmte Schule gegründet. Bis heute wird die Zeremonie Ueda Sфko in Japan gelehrt und praktiziert, zum Beispiel bei Hochzeiten oder wichtigen Vertragsabschlüssen. Tan Kutay bietet regelmäßig Einführungen und eine auf 90 Minuten gekürzte Version der Zeremonie an.

Oberstes Ziel des in engem Zusammenhang mit dem Zen-Buddhismus stehenden Rituals ist die vollkommene Entspannung der Gäste. Abgesehen von den faszinierenden, aber eben nicht ganz einfachen Formen des Teegenusses der asiatischen Inselgruppe, lässt sich in diesem Jahr keine bestimmte Sorte als wirklich neuer Trend des Jahrtausende alten Getränks festlegen. Allerdings, und da sind sich die Berliner Teestuben, von der Tea Lounge im Ritz Carlton am Potsdamer Platz bis hin zu Teefeinkost TAN, dem Berliner Teesalon und dem Tee Tea Thй einig: die Nachfrage nach Bio-Tees ist so groß wie nie. Dabei ist, und auch da ist die Meinung unter den Experten einheitlich, Tee aus ökologischem Anbau um einiges teurer, aber oft qualitativ nicht besser. Bleibt abzuwarten, ob sich der Biotee langfristig ebenso durchsetzen wird wie die Biotomate. Doch ob bio oder nicht, ob schwarz oder grün, ob in einer vierstündigen Zeremonie serviert oder ganz klassisch als eine Tasse Earl Grey am späten Nachmittag – Tee trinken ist entspannend und wohltuend. Genau das Richtige für stürmische Berliner Herbsttage.

Text: Katharina Wagner

Foto: Mike Fröhling (Berliner Zeitung), Deutscher Tee-Verband

Tea Lounge The Ritz Carlton Potsdamer Platz 3, Tiergarten, tgl. 14-18 Uhr, Tel. 337 77-54 50

Tee Tea Thй Goltzstraße 2, Schöneberg, Oktober bis April: Mo-Fr 9-22 Uhr, Sa 9-20 Uhr, So 10-20 Uhr, Tel. 21 75 22 40, www.teeteathe.de

Teefeinkost TAN Crellestraße 7, Schöneberg, Mo-Fr 12-19 Uhr, Sa 11-19 Uhr, Tel. 81 70 12 28, www.tee-feinkost-tan.de

Berliner Teesalon Invalidenstraße 160, Mitte, Mo-Fr 10-19 Uhr, Sa 10-16 Uhr, Tel. 28 04 06 60, www.tee-import.de

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