• Berlinale 2020
  • Eine Begegnung mit Christian Petzold aus Anlass seines neuen Films „Undine“, der im Berlinale-Wettbewerb läuft

Berlinale 2020

Eine Begegnung mit Christian Petzold aus Anlass seines neuen Films „Undine“, der im Berlinale-Wettbewerb läuft

„Erinnerung ist trügerisch“ – In Mythen kann man sich verlieren, oder man kann die Gegenwart darin finden: Eine Begegnung mit Christian Petzold aus Anlass seines neuen Films „Undine“

© Christian Schulz/ Schramm Film

Christian Petzold (Jahrgang 1960) wuchs in West-Deutschland auf und kam zum Studium (zuerst FU, dann DFFB) nach Berlin, wo er seither lebt. Mit dem RAF-Drama „Die innere Sicherheit“ (2000) schaffte er den Durchbruch, nach „Barbara“ (2012) und „Phoenix“ (2014) gilt er heute als einer der wichtigsten deutschen Filmemacher.

Seit seinem Kinodebüt „Die innere Sicherheit“ (2000) setzt der Berliner Regisseur Christian Petzold seine Figuren in leicht unwirkliche Zwischenreiche, verknüpft Literatur- und Kinomotive mit deutscher Historie, RAF-Terrorismus, der Wende oder mit „Wolfsburg“ (2003). Er verschob ganze Themenkomplexe wie die NS-Vernichtungspolitik auf der Zeitachse („Transit“, 2018) , oder ließ in „Phoenix“ (2014) eine Überlebende aus den Konzentrationslagern wie einen Geist zurück in die deutsche Nachkriegswelt kommen.

Auch sein jüngster Film „Undine“ spielt mit Schwellenmotiven, in denen sich Traum- und Realitätszonen berühren. Die Geschichte der Wasserfee Undine wird seit dem deutschen Mittelalter erzählt: als Gedicht (mit Stauffenberg-Ritter), als anrührendes Kunstmärchen (von de la Motte Fouqué) und Oper (E.T.A. Hoffmann, Lortzing). Die modernste Variante stammt von Ingeborg Bachmann („Undine geht“). Sie kehrte den Blick auf Undine um und erzählte aus der Perspektive der Nixe. Auf dem Grund blieb immer ein Zentralmotiv erkennbar, eine Mischung aus Lieblichkeit und mörderischer Aggression. „Märchen“, sagt Petzold, „verwandeln Angst in Sprache.“ Klassisch geht das so: Undine, die Tochter eines Wasserfürsten, vermählt sich auf der Suche nach einer eigenen Seele mit einem Mann, der ihr ewige und freundliche Hingabe schwört. Untreue, prophezeit ihm Undine unmissverständlich, wird ihn sein Leben kosten. Aber seine Liebe wandert dennoch weiter, und der Unglückliche wagt die Probe auf ihren tödlichen Schwur.

„Geschichte einer jungen Frau, die frei sein möchte“

Für Christian Petzold ist „Undine“ die „Geschichte einer jungen Frau, die frei sein möchte“, wie er bei unserem Gespräch in den Tagen vor der Berlinale sagt. „Und die den Preis für diese Freiheit bezahlt, sie zieht den Einsatz nicht zurück.“ Petzold lässt seinen Film am Höhepunkt der alten Erzählung einsetzen, bei Trennung und Morddrohung. Ernster als sie kann man Beziehungen nicht nehmen.

Auf die Arbeit am Drehbuch hat er sich frei vorbereitet, weder den Fouqué-Text noch die Bachmann-Version wieder gelesen. „Kino hat etwas mit Traumzuständen, mit Halbschlaf, Wegdämmern am Nachmittag zu tun. In diesen Zuständen schreibe ich auch gern. Das ist selbst eine Traum-Erinnerungs-Arbeit. Ich glaube nicht an recherchierte Texte als Grundlage für Drehbücher. Dann arbeitet man etwas ab. Vielleicht stimmen dann viele Sachen auch nicht. Aber das Kino hat viel mehr mit falschen Erinnerungen zu tun als mit Recherchearbeit.“ 

© Marco Krüger/ Schramm Film

Die neue Undine (Paula Beer) hat Petzold als aufgeklärtes Wesen entworfen. Als Historikerin führt sie im Auftrag des Berliner Bausenats Gäste durch die permanente Ausstellung der großen Stadtmodelle am Köllnischen Park, gleich neben dem Märkischen Museum. Petzold holt so die ganze Berliner Stadtgeschichte mit hinein: vom Wohnungsnotstand am Ende der Kaiserzeit bis zur umstrittenen Wiedererrichtung des Stadtschlosses, mit seiner  „täuscherischen“, historischen Hülle. Man könnte sagen, dass Petzold mit „Undine“ den umgekehrten Weg geht, um nicht die Lüge des Stadtschlosses zu wiederholen: Er nimmt den „Undine“-Stoff und transponiert ihn in die Hülle eines Kinofilms des 21. Jahrhunderts, der seine Modernität nicht verleugnen will.

Berliner Romantik und „Berliner Schule“

Dazu gehört, dass er das Beziehungsdreieck Undines spiegelt, so wie sich ein Bild an einer Wasseroberfläche verdoppeln kann. Nicht einer, sondern zwei Männer stehen ihr gegenüber, nicht eine, sondern zwei Frauen werden mit ihr konkurrieren. Auf die eine Liebesgeschichte folgt ein neuer Mann (Franz Rogowski), damit beginnt Petzolds Film. Wie Spiegel, die sich ineinander spiegeln, habe er die Motive gegeneinander gesetzt, und auch noch das Kostümdesign aus „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1954) von Richard Fleischer zitiert. „Man muss nur einen Schritt vom Wege machen, und es tun sich verzauberte Traumwelten auf, so etwas gefällt mir.“ Berliner Romantik und „Berliner Schule“ – das ist offensichtlich eine Beziehung, die Jahrhunderte gut übergreifen kann.

Termine: Undine bei der Berlinale


Mehr zur Berlinale 2020

Die wichtigsten Infos zu den 70. Internationalen Filmfestspielen Berlin

Christian Petzold ist dabei! Ein Kommentar zum Berlinale Wettbewerb

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian sind die neuen Chefs der Berlinale

Gut essen & trinken während der Berlinale

Die wichtigsten Veranstaltungen und Locations der Berlinale 2020

Die Goldenen Bären 2010 bis 2019

Diese Filme laufen im Wettbewerb der Berlinale 2020

Jonas Dassler ist Shooting Star der Berlinale 2020

Alfred Bauer, der Nationalsozialismus und die Berlinale. Ein Kommentar von Bert Rebhandl

Ticker zur Berlinale – Alle News, Stars und Stories zu den Filmfestspielen

Berlinale-Tickets: Alle Informationen zum Vorverkauf

Braucht die Welt eine Revolution? Fünf Berlinale-Filme zu einer Streitfrage der Gegenwart

Gespräch mit den neuen Berlinale-Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian

Afrika bei der Berlinale: Zehn Filme, die sich mit dem Kontinent auseinandersetzen

Hat der Planet noch eine Chance? Fünf Berlinale-Filme zum Thema, Klima, Umweltschutz und Natur

Ist die Zukunft des Kinos weiblich? Zehn spannende Regisseurinnen bei der Berlinale

High Heels auf Fischernetzen – Klimaschutz und Nachhaltigkeit bei der Berlinale

Wie steht es um den deutschen Film? Die zehn wichtigsten Produktionen aus Deutschland

Wann beginnt die Gegenwart? Fünf große filmhistorische Momente auf der 70. Berlinale

Der Goldene Ehrenbär geht 2020 an Dame Helen Mirren

„Generation 14plus“ nimmt junge Zuschauer ernst

Die „Retrospektive“ würdigt den Hollywood-Regisseur King Vidor

Der hiesige Regie-Nachwuchs in der „Perspektive Deutsches Kino“ schaut auf Horror und Heimat

50 Jahre „Forum“ – Das Jubiläumsprogramm 2020

Die Wettbewerbs-Sektion „Encounters“ wendet sich besonders wagemutigen Produktionen zu

Dank der Pionierarbeit der Sektion „Panorama“ ist die Berlinale ganz schön queer

Sigourney Weaver spielt die Hauptrolle im Berlinale-Eröffnungsfilm „My Salinger Year“

Mehr über Cookies erfahren