Berlinale 2020

Wettbewerb: Rezension von Hong Sang-soos „Domangchin yeoja“ („The Woman Who Ran“)

Der koreanische Regisseur Hong Sang-soo erkundet in seinem Wettbewerbsbeitrag „Domangchin yeoja” mit hintersinnigem Humor einmal mehr die (Un-)Möglichkeiten des Zusammenlebens

© Jeonwonsa Film Co. Production

Mitte der 1990er Jahre, zu Beginn seiner Karriere als Regisseur, kreisten die Filme des Koreaners Hong Sang-soo noch vor allem um Männer. Bequem und selbstmitleidig waren sie, tranken viel und gern und machten es sich mit den Frauen so einfach wie es eben ging. Über die Jahre wurde das Geschlechterverhältnis in Hongs Filmen dann immer ausgewogener, die Charakterisierung der Männer als Schwächlinge aber blieb. Mittlerweile handeln Hongs Filmen schon seit einigen Jahren vornehmlich von Frauen, in seinem neuen Film „Domangchin yeoja” („Die Frau, die rannte“), der jetzt im Berlinale-Wettbewerb Premiere hatte, kommen Männer nur noch am Rande vor: als überwiegend von hinten gefilmte Störenfriede, die den drei Episoden des Films eine trennende Struktur geben.

In dieser Erzählung, die in Hongs umfangreicher Filmografie die Möglichkeiten und die Unmöglichkeiten des Zusammenlebens weiter erkundet, begegnet Gamhee (Kim Min-hee) während einer Geschäftsreise ihres Mannes – die erste Trennung in den letzten fünf Jahren, wie sie nicht müde wird zu betonen – drei alten Freundinnen: eine ist gerade geschieden, eine zweite schwärmt für einen Architekten, muss aber erst noch einen aufdringlichen jungen Dichter loswerden, die dritte hat Gamhee einst den Mann abspenstig gemacht, ist aber von dem eitlen Schriftsteller längst genervt.

Ganz unwichtig geworden sind die Männer also nicht, denn in Hongs Filmen bietet das Leben stets viele Optionen, die allerdings angesichts der Entscheidungsunfreudigkeit seiner Protagonistinnen nur selten wahrgenommen werden. Und so schwingt bei all den scheinbar oberflächlichen Konversationen, die Hong überwiegend in langen, starren Einstellungen filmt, immer auch viel Ungesagtes mit. Was so trocken klingt, besitzt im Detail einen durchaus sehr vergnüglichen hintergründigen Humor. Wenn drei Frauen Fleisch grillen, sich dabei gegenseitig versichern, wie gut das schmecke – und gleichzeitig darüber diskutieren, dass sie eigentlich doch lieber Vegetarierinnen wären, weil Kühe so hübsche Augen haben, dann steckt darin der ganze Hong Sang-soo: die großen philosophischen Fragen des Lebens mit Witz und großer Offenheit heruntergebrochen auf den (vielleicht gar nicht so) banalen Alltag. Lars Penning

Termine: Domangchin yeoja bei der Berlinale


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