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Berlinale 2020

Der hiesige Regie-Nachwuchs in der „Perspektive Deutsches Kino“ schaut auf Horror und Heimat

Mit Vorschusslorbeeren geht der längste Film der diesjährigen Perspektive Deutsches Kino an den Start: Der 110-Minüter „Walchensee Forever“ (Foto) wurde im Januar mit dem Bayerischen Filmpreis als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Die Regisseurin ist eine alte Bekannte: Schon 2015 war Janna Ji Wonders in dieser Nachwuchsreihe mit dem Halbstünder „I Remember“ dabei

„Walchensee Forever“, Foto: Flare Film

In ihrem Langfilm lässt sie nun ihre Familiengeschichte, vor allem aber die Historie ihrer weiblichen Vorfahren Revue passieren. Es geht um transgenerationale Traumatisierung, um Rainer Langhans, um den Tod der geliebten Schwester, um ein Lokal am bayerischen Walchensee (das Gravitationszentrum dieser Familie), um Fernweh (Mexiko, Indien), nicht gelebte Träume, um Sehnsüchte der 68er, um Fotografie und Film. „Deine Zerrissenheit hat sich in mir fortgesetzt“, so die Regisseurin an einer Stelle zu ihrer Mutter. Nebst einigem Leid fördert die filmische Familienaufstellung auch viel Lebensglück, viel Lust und viel Freude zutage: mit Aufnahmen etwa aus Kalifornien, die von einer Kindheit in Geborgenheit und Liebe erzählen. „Es war ein sehr starkes dokumentarisches Jahr“, so Sektionsleiterin Linda Söffker.

Söffker aber hat noch mehr im Portfolio, wenn auch keine mittelangen oder kurzen Filme wie in manch früherem Jahrgang: „Ich habe bei den Mittleren einfach nichts Interessantes gefunden.“ Dafür weitere Langfilme wie Kids Run mit einem sehr präsenten Jannis Niewöhner (bald zu sehen in der Hesse-Adaption „Narziss und Goldmund“). Die titelgebenden Kids haben es schwer in Barbara Otts Spielfilmdebüt, einem Sozialdrama rund um einen vormaligen Faustkämpfer, der eigentlich nichts weiter sein will als ein guter Vater.

Wie Niewöhner gehört auch Almila Bagriacik zu einer Generation hiesiger Nachwuchsmimen, die längst nicht mehr wegzudenken sind von unseren Leinwänden. Niewöhner ist 27, Bagriacik 29. In „Im Feuer“ (Regie: Daphne Charizani), die Geschichte einer Bundeswehrsoldatin auf dem Weg in den Irak, zeigt die in Ankara geborene, in Berlin aufgewachsene Schauspielerin nach starken Auftritten in „Nur eine Frau“ oder der Serie „4 Blocks“ auch hier, was sie kann: zugleich stark und schwach zu erscheinen, ernst und lebensfroh.

Mehr Tier als Mensch

Und noch mehr deutsche Schauspiel-Prominenz: eine enigmatische Sandra Hüller im Heimathorror „Schlaf“. Regisseur Michael Venus verweist in seinem Film rund um ein furchterregendes Hotel nicht nur auf das naheliegende „Shining“, sondern auch auf David Lynch. Noch rätselhafter ist Andrea, Protagonistin in Eliza Petkovas dffb-Abschlussfilm Ein Fisch, der auf dem Rücken schwimmt: mehr Tier als Mensch, apart und gerissen, so naiv und liebenswürdig wie angsteinflößend. Stets dem Augenblick verpflichtet verdreht diese Andrea nicht nur Philipp (Henning Kober) den Kopf, sondern dessen Sohn gleich mit. Eine auf die Katastrophe zusteuernde, in exquisite Interieurs gehüllte Dreiecksgeschichte.

„Schlaf“, Foto: © Marius von Felbert/ Junafilm

Alles andere als exquisit sind die Interieurs beim Garagenvolk, einer skurril-sympathischen Gruppe von russischen Kerlen, die im eisigen Nordrussland nach Gold suchen, Heavy Metal spielen, Vögel züchten und Ikonen schnitzen. Und das alles hinter den Türen verrosteter Garagen. Diese Siedlungen erinnern an hiesige Schrebergartenrefugien: Parallelwelten auf wenigen Quadratmetern. Von Idylle aber kann bei dieser Doku keine Rede sein, dafür ist es zu kalt, dafür sind die Männer zu einsam: „Du bist der einzige verfickte Bruder, den ich habe!“, so einer der Garagentypen zu einem über ihm hängenden Putin-Bild.

Was Sahra Wagenknecht, charismatische Linksaußen der Partei Die Linke, wohl sagen würde zu diesem, bei aller gezeigten Entbehrung stets liebevollen Blick aufs post-sowjetische Russland? Von 2017 bis zu ihrem Rückzug aus der Spitzenpolitik 2019 hat Sandra Kaudelka, Regisseurin des Dokumentarfilms „Wagenknecht“, sie begleitet.


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