Berlinale 2020

Wettbewerb: Rezension von Tsai Ming-liangs „Rizi“

Belanglos plätschern die Tage dahin: Der taiwanesische Regisseur Tsai Ming-liang erzählt in „Rizi“ eine weitgehend reizlose queere Beziehungsgeschichte

© Homegreen Films

Melancholisch blickt ein Mann aus dem Fenster, gegen das sanfter Regen prasselt. Ein anderer, jüngerer Mann wäscht derweil grünes Gemüse im Bad; eine Spüle scheint er nicht zu haben. Es brennt Feuer, das sein Kochtopfwasser erhitzt. Lange Einstellungen. Man muss schon geduldig sein für diesen neuen langsamen Low-Budget-Film des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-liang, der dermaßen Kult ist, dass ihn das Arsenal-Kino 2017 gar mit einer großen Werkschau geehrt hat. Über zwei Stunden geht es diesmal, ohne nennenswerten Dialog. Den älteren Mann, Kang (wie immer in der Hauptrolle bei diesem Regisseur: Kang-sheng Lee), scheinen Schmerzen zu plagen: Er lässt sich, neben Akupunkturnadeln eine improvisiert abenteuerliche Apparatur auf den Rücken installieren, die, elektrisch betrieben, mutmaßlich heilende Dämpfe exhaliert.

Noch körperlicher wird es auf dem Hotelzimmer, wenn die beiden Männer zusammenfinden. Der jüngere, Non, massiert den älteren, sie blicken einander kaum an, nur als Non Kang die Hand drückt. Die Kamera hält nicht auf die Geschlechtsteile, aber es sieht bald nach Orgasmus aus, bevor geduscht wird. Kang schenkt Non eine Spieluhr, die dieser voll Anteilnahme dreht und damit zum Klingen bringt. Danach, voneinander abgeschieden, plätschern die Tage („Rizi“, der Titel meint auch: Tage) der beiden wieder belanglos dahin. Vielleicht darf man an ein Brecht-Gedicht denken: „Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen. / Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? Seit kurzem. / Und wann werden sie sich trennen? – Bald. / So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.“ In der finalen Szene dreht Non noch mal die Spieluhr. Und scheint sich zu erinnern.

Dass Menschen ziellos durch die Metropole wandeln, kennt man von diesem Regisseur. Auch dass sie einander Blicke verwehren und nur lethargisch miteinander ins Gespräch kommen. Mutig ist das auch, wie die Regie unsere nervösen Sehgewohnheiten bricht und meditativ auf einen einwirkt. Trotzdem hatten die Vorgänger, die ja auch schon auf der Berlinale und auch in Venedig liefen, ein magisches Flirren, einen Drive, eine Lust an der Farbe (vor allem an: Wassermelonen), was diesmal alles fehlt. Gesellschaftspolitisch ist es freilich zu begrüßen, queere asiatische Körper zu zeigen. Die stärkere schwule Liebesgeschichte zweier asiatischer Männer läuft bei dieser Berlinale aber doch im Panorama: „Suk Suk“ aus Hongkong – bei dem die Chemie der Liebenden nicht nur so dahin behauptet wirkt. Die „Rizi“ sind derweil doch etwas zu reizlos geraten.  Stefan Hochgesand

Termine: Rizi bei der Berlinale


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