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Filmfestspiele

Berlinale-Finale: Am fünften Tag begeistern zwei Filme – und einer enttäuscht

Endspurt für die Kritiker-Berlinale – und wir haben noch einmal drei Filme gesehen. Das Porträt einer hessischen Schulklasse, ein Aufarbeitung des Films „Die Chinesin“ und „Una pelicula de policias (A Cop Movie)“, der auch im Wettbewerb lief – aber leider enttäuscht.


„Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Spethn (Wettbewerb)

Herr Bachmanns Klasse. Foto: Madonnen Film

Dreieinhalb Stunden Kindern und einem Lehrer in der Schule zuschauen, das mag nicht wie ein Erfolgsrezept für einen guten Film klingen. „Herr Bachmann und seine Klasse“ (im Wettbewerb der Berlinale 2021) ist aber sehr spannend und erweist sich als exzellentes Beispiel für die Kraft des dokumentarischen Blicks. Maria Speth begleitet eine Schulklasse im Hessischen durch das sechste Jahr, also an die Schwelle zur nächsten Schulstufe. Gymnasium oder Realschule, das ist dann die Frage.

Die Kinder kommen aus den unterschiedlichsten Familienverhältnissen und -geschichten, Deutsch als Muttersprache ist deutlich die Ausnahme. Herr Bachmann, der Lehrer, ist eine originelle Figur. Er setzt viel auf Musik, im Klassenzimmer steht ein Schlagzeug, die Gitarre ist fast wichtiger als die Tafel. Natürlich muss auch immer wieder „richtiger“ Stoff gemacht werden, dann heißt es Bruchrechnen oder Englischvokabeln pauken. Doch häufig wird einfach gesprochen, oder eben gemeinsam musiziert. Das soziale Lernen steht im Mittelpunkt. Zuerst sitzen die Mädchen vorn, später dann die Buben, da hat sich etwas getan. Mal ist Elternsprechtag, dann wieder gibt es Noten zu besprechen, ab und zu kommen andere Lehrer, es wird auch Geschichte unterrichtet, denn Stadtallersdorf war im Zweiten Weltkrieg ein Zentrum der Rüstungsindustrie, mit entsprechender Zwangsarbeit.

Die Kamera ist auf Augenhöhe mit den Schulkindern

Die Kamera von Reinhold Vorschneider ist meist auf Augenhöhe mit den Kindern, das heißt, sie macht sich nach Möglichkeit unsichtbar. Dass so ein Dreh nicht ohne Absprachen auskommt, ist klar, wird von Maria Speth aber nicht eigens thematisiert.

Dass „Herr Bachmann und seine Klasse“ keine Sekunde langweilig, sondern durchwegs aufschlussreich und interessant ist, hat ganz einfach mit den Menschen zu tun, die Maria Speth uns kennenlernen lässt: Herr Bachmann ist ein Original, er kommt selbst aus einer schwierigen Familie, seine Pädagogik hat etwas Handwerkliches, Selbstverständliches. Und mit den Kindern würde man sich ohnehin am liebsten eine Langzeitbeobachtung wünschen, die uns zeigen würde, was in Deutschland mit Bildungsgeschichten heute möglich ist. Zu Recht wurde „Herr Bachmann und seine Klasse“ mit einem Silbernen Bären Preis der Jury bei der Berlinale 2021 ausgezeichnet. Bert Rebhandl

Herr Bachmann und seine Klasse, D 2021; 217 Min.; R: Maria Speth


„Juste un mouvement“ von Vincent Meessen (Forum)

„Juste un mouvement“ thematisiert „Die Chinesin“. Foto: Jubilee

Der Film „Die Chinesin“ (1967) von Jean-Luc Godard gilt als eines der wichtigsten Kinozeugnisse zu den Ereignissen von 1968. Man sieht darin eine Gruppe revolutionärer Studenten, die sich in einer bürgerlichen Wohnung darüber Gedanken machen, was politisch zu tun sein. Der Schritt in den Terrorismus ist die große Frage, die dabei verhandelt wird. Godard hatte damals vor allem Kontakt zu Studierenden von der Universität Nanterre. Einer davon war Omar Diop Blondin, ein junger Mann aus Afrika, der in „Die Chinesin“ dann eine prominente Rolle spielt. Sein weiteres Schicksal war tragisch. Er wurde 1969 abgeschoben, betätigte sich im Senegal in der Opposition gegen den Präsidenten Senghor, der mit der alten Kolonialmacht Frankreich gute Beziehungen wollte. Omar Diop starb 1973 auf der Gefängnisinsel Gorée unter bis heute nicht aufgeklärten Umständen.

Vincent Meessen versucht mit seinem Dokumentarfilm „Juste un mouvement“ (Forum der Berlinale 2021) nicht, neue Fakten zu Omar Diops Tod herauszufinden. Es geht ihm vielmehr darum, das intellektuelle Erbe dieser Generation in eine Gegenwart zu holen, die von ganz anderen geopolitischen Bedingungen geprägt ist als vor fünfzig Jahren. 1968 war der Maoismus eine der wichtigsten politischen Strömungen, das kommunistische China galt als Modellsystem. Heute betreibt China in Afrika neoimperiale Außenpolitik, und das Wort Maoismus hat einen ganz anderen Klang. Meessen arbeitet zwar auch dokumentarisch in einem klassischen Sinn, er zeigt Archivmaterial und hat Interviews geführt. Doch „Juste un mouvement“ geht weit über Zeitgeschichtsschreibung hinaus und versucht, in einer essayistischen, poetischen Form viele, zum Teil auch eigenwillige Verbindungen zwischen damals und heute herzustellen. Das Ergebnis ist ein komplexer Filmtext, der zu den Höhepunkten des postkolonialen Kinos zu zählen ist. Bert Rebhandl

Juste un mouvement, Belgien/Frankreich 2021; 110 Min.; R: Vincent Meessen


„Una pelicula de policias (A Cop Movie)“ von Alonso Ruizpalacios (Wettbewerb)

Raúl Briones in Una película de policías (A Cop Movie). Foto: No Ficción

Eine Frau liegt in den Geburtswehen, die Nachbarn haben den Krankenwagen gerufen. Doch der kommt nicht. Wer stattdessen kommt, ist eine Polizistin namens Teresa, die nun zur unfreiwilligen Geburtshelferin wird. Die dankbaren Eltern wollen das Baby ihr zu Ehren Teresa nennen. Die Szene, mit der „Un pelicula policias“ des mexikanischen Regisseurs Alonso Ruizpalaios eröffnet, kennt man aus Re-Enactment-Serien der Privat-TV-Sender, wo sie zum Emotionen heischenden Standardrepertoire gehören. 

Doch der von Netflix produzierte „Un pelicula policias“ läuft im Wettbewerb der Berlinale 2021 und wird dort unter der Bezeichnung „dokumentarische Form“ geführt. Das lässt zunächst aufhorchen, denn was man hier in der ersten Stunde zu sehen bekommt, ist – zumindest unter inszenatorischen Gesichtspunkten – reine Fiktion. Das muss auch niemand extra klarstellen, denn während Teresa und ihr Kollege Montoya bei Patrouillefahrten und diversen Einsätzen von ihrem Werdegang bei der Polizei von Mexico City erzählen und dabei Geschichten von Unfähigkeit und alltäglicher Korruption berichten, sprechen sie teils direkt mit der Kamera oder kommentieren – für andere Personen als den Zuschauer offenbar unsichtbar – Szenen aus dem Polizeialltag.

Der Film macht zur rechten Zeit eine 180-Grad-Wendung

Absurder Höhepunkt ist schließlich die Verfolgung eines Verdächtigen über Rolltreppen in die U-Bahn, komplett mit Slapstickeinlagen und Lalo-Shifrin-Agententhriller-Musik aus den 60er-Jahren. Langsam bekommt man das Gefühl, es wolle einen jemand auf den Arm nehmen. Doch dann macht der Film eine 180-Grad-Wendung und stellt die beiden Schauspieler*innen (Mónica Del Carmen und Raúl Briones) vor, die Teresa und Montoya bislang verkörpert haben. 

Mit Smartphone-Aufnahmen berichten die beiden nun vom Training an der Polizeiakademie, das sie mitgemacht haben, sie philosophieren über die Ähnlichkeit dort eingeübter Rollenspiele mit der ihrer Schauspielkunst und diskutieren bei weiteren Patrouillefahrten mit anderen Polizeirekruten über deren Motivation. Doch selbst als schließlich die echten Teresa und Montoya vor die Kamera treten – übrigens gefilmt wie sehr sorgfältig geprobte Schauspieler – und von Korruption bis in höchste Ränge der Polizei berichten, traut man dem Film eigentlich nicht mehr richtig über den Weg. 

Längst hat sich das, was möglicherweise tatsächlich „dokumentarisch“ an diesem „Polizeifilm“ ist, zu sehr mit cleverer Unterhaltung verwoben, als dass man seine Anklage der allgegenwärtigen Korruption oder das Lob der kleineren Polizeichargen, die sich um die ehrenwerte Ausübung ihres Berufes bemühen, noch richtig ernst nehmen mag. Natürlich ist das Spiel mit verschiedenen filmischen Formen nicht verboten. Aber es kann auch scheitern.   Lars Penning

Una pelicula de policias, MEX 2021, 105 Min., R: Alonso Ruizpalacios, D: Mónica Del Carmen, Raúl Briones 


Bert Rebhandl berichtet von der Berlinale, 5.3.2021


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