Stadtleben und Kids in Berlin

Berliner Architekten über die Schwierigkeiten, in der Hauptstadt zu bauen

Eine Gruppe Berliner Architekten fordert die längst überfällige Debatte darüber, in was für einer Stadt wir in Zukunft leben wollen. Mit trostlosen Kästen und sozialer Verdrängung soll es nicht weitergehen.

ArchitektenDie Architekten-Gruppe:
Ende 2010 hat sich aus sieben Berliner Architekturbüros eine Gruppe gebildet, die sich seither regelmäßig trifft und über die Zukunft der Stadt nachdenkt. Dazu gehören unsere Interviewpartner Britta Jürgens und Matthew Griffin von Deadline Office for Architectural Services, Laura Fogarasi-Ludloff und Jens Ludloff von Ludloff + Ludloff sowie Florian Köhl von Fat Köhl Architekt. Außerdem sind BARarchitekten, Brandlhuber+, Kaden Klingbeil und Ebers Architekten dabei.

Ausgelöst wurde der offene Zusammenschluss durch die gemeinsame Opposition gegen ein für Frühjahr 2011 geplantes Buchprojekt des Ex-Senatsbaudirektors Hans Stimmann, die Architekten wollten sich nicht nachträglich für eine Baupolitik vereinnahmen lassen, die sie ablehnen. Daraus ist ein Forum entstanden, das neue Wege für eine soziale Stadtentwicklung sucht. Berater ist der Berliner Künstler und Dozent für Architektur und Kunst Nikolai von Rosen. Die Gruppe hat sich kürzlich um einen Soziologen mit dem Spezialgebiet Gentrifizierung und zwei Sozialanthropologen, die zur Integration forschen, erweitert.

tip: Sie alle gehören zu einer Gruppe von sieben Berliner Architekturbüros, die es abgelehnt haben, am geplanten Buchprojekt „Stadthäuser“ des ehemaligen Senatsbaudirektors Hans Stimmann teilzunehmen. Warum?

Matthew Griffin: Wir glauben an eine Vielfalt in der Stadt. Und diese Idee ist mit Hans Stimmann nicht teilbar. Er hat eine ganz strikte Vorstellung davon, was Stadt ist. Diese Vorstellung hat er gnadenlos verfolgt. Wir mussten unsere eigenen Positionen regelrecht erkämpfen. Alle von uns haben ihre Bauprojekte außerhalb der normalen Vergabeverfahren realisiert, bei denen junge experimentelle Architektur komplett ausgeschlossen war. Es kann somit nicht sein, dass wir im Nachhinein von Herrn Stimmann benutzt werden, um seine Politik zu rechtfertigen.

tip: Stimmanns Planwerk Innenstadt wurde 1999 vom Senat offiziell zum städtebaulichen Leitbild erklärt. Er ist seit 2006 nicht mehr Senatsbaudirektor. Behindern seine Vorgaben Ihre Arbeit immer noch?

Griffin: Ja, sein Schatten ist lang.

tip: Was bedeutet das konkret? Wie ist das von Ihnen geplante Wohnhaus in der Strelitzer Straße entstanden, Herr Köhl?

Florian Köhl: Bei mir war die Situation so, dass es für mein Büro eigentlich keine Arbeit gab. Der Bauboom ist komplett an uns vorbeigegangen. Also haben wir beschlossen, ein Grundstück zu kaufen und ein Haus drauf zu bauen.

tip: Sie haben das Haus selbst finanziert?

Köhl: Wir haben das Grundstück mit der Bank finanzieren können, aber weiter kamen wir erst mal nicht. Wir konnten zwar Architektur planen, hatten aber kein weiterführendes Finanzierungsmodell. Jemand hat uns geraten: Versucht es über eine Baugemeinschaft, ein 2005 noch weitgehend unbekanntes Modell in Berlin. Es erwies sich als ein praktikabler Weg.

tip: Baugemeinschaft heißt, Sie haben das Haus gemeinsam mit einer Gruppe von Leuten finanziert, die jetzt hier wohnen. Welche Probleme mussten Sie überwinden, um das Haus so hinzustellen, wie es jetzt ist?

Köhl: Die Schwierigkeit lag vor allen Dingen darin, dass die Stadtplanung zwar ein neues Haus gut fand, aber nicht unbedingt ein modernes oder experimentelles Haus. Das hat uns sehr viel Zeit gekostet.

tip: Was war besonders schwer durchzusetzen?

Köhl: Wir wollten unbedingt, dass sich das Haus zum Straßenraum, also zur Stadt hin öffnet. Aber es gibt in der ganzen Straße kein Haus mit Balkonen nach vorne raus. Die Konsequenz war, es wurde uns nicht genehmigt. Daraus haben wir dann diese Klappen ent­wickelt, die dafür sorgen, dass das doch temporär möglich ist.

tip: Auch „aufklappbare Balkone“ genannt. Sie haben 2009 für dieses Haus den Berliner Architekturpreis erhalten. Fühlen Sie sich doch noch gewürdigt?

Köhl: Es geht nicht darum, ob wir uns gewürdigt fühlen. Es ist einfach ein Phänomen, dass die junge Architektenschaft, die es in Berlin in großer Menge gibt, keine Unterstützung bekommt, um interessante Projekte zu bauen.

tip: Britta Jürgens, Sie haben zusammen mit Matthew Griffin ein Haus gebaut, das ganz anders aussieht als andere in der Hessischen Straße. Wie schwierig war das?

Deadline Office for Architectural ServicesBritta Jürgens: So schwierig, dass ein normaler Investor es nicht mitgemacht hätte. Die ganzen Ausnahmen, die wir durchgesetzt haben, weil uns die Qualität der Architektur am wichtigsten war, haben sehr viel Zeit und Geld gekostet. Wir mussten Kredite aufnehmen, die kosten täglich.

tip: Auch Sie haben den Bau selbst finanziert?

Jürgens: Ja, ursprünglich wollten wir Wohnungen und Büros bauen. Es war aber schnell klar, dass wir auf diesem unwirtschaftlich geschnittenen Grundstück mit den Berliner Mieten keine anspruchsvolle Architektur finanzieren können. Wir waren gezwungen, uns einen neuen Inhalt für das Gebäude auszudenken. Deshalb haben wir ein Bed & Break­fast ohne Breakfast im ersten Bauabschnitt ausprobiert. Damals gab es das noch nicht in Berlin, und es wurde sofort angenommen. Wir sind auf die Art zu Hoteliers geworden, einfach um die Kredite bedienen zu können. Der „Guardian“ hat uns sogar unter die „10 Best Apartments in Europe“ gewählt.

tip: Noch mal zurück zur Absage für das Buch. Sie haben Ihr Nein in einem offenen Brief formuliert.

Jens Ludloff: Die Stadtentwicklungspolitik der Nachwendezeit fand ohne Rückkopplung an die gesellschaftlichen Umbrüche, ohne Verankerung in der Kultur statt. Und die Strukturen in der Verwaltung dauern an. Daher der offene Brief. Wo, wenn nicht in Berlin, gab und gibt es die Möglichkeit, neue städtebauliche Positionen zu generieren, also aktuelle städtebauliche Fragestellungen exemplarisch zu erproben? Eine Chance, die man im Feld der Kunst erkannt hat. Berlin wird heute als Kunstmetropole gehandelt. Wenn Sie aber über die Stadtentwicklung nachdenken und sich fragen, welche Impulse Berliner Architektur in der Nachwendezeit hervorgebracht hat, dann müssen Sie lange nachdenken.

tip: Können Sie ein Gebäude aus der Zeit nennen, das Sie für gelungen halten?

Ludloff: Spontan würde ich sagen: das Ensemble der GSW an der Rudi-Dutschke-Straße. Ansonsten… (Pause) Besonders wenn Sie bedenken, welche führende Stellung Berlin für die Entwicklung moderner Architektur bis Anfang der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts hatte, zum Beispiel die Hufeisensiedlung – sie ist heute Weltkulturerbe.     

Köhl: In den 80er-Jahren gab es die IBA. Daran war interessant, wie sie versucht hat, sich von der architektonischen Form, vom äußeren Erscheinungsbild eines Gebäudes zu lösen und über Programme nachzudenken, beispielsweise über eine Art von neuem sozialen Wohnungsbau. Stimmann dagegen hat Architektur immer rein formal gesehen. Eine trostlose Diskussion.

tip: Aber es muss Kriterien dafür geben, wie gebaut werden soll. Sonst könnte jeder Architekt beziehungsweise Investor hinstellen, was er möchte. Und das wären garantiert nicht nur experimentelle Bauten.

Laura Fogarasi-Ludloff: Ja, aber das Prob­lem ist, wie diese Kriterien angelegt wurden. Man ist darauf konzentriert, zu hinterfragen: Wo muss man etwas reparieren? Diese rückwärts gewandte Stadtreparatur im Sinne einer Stadtrekonstruktion wurde von der Senatsverwaltung in Übereinstimmung mit großen Teilen der Öffentlichkeit betrieben. Das ist zu kurz gedacht, weil die Stadt heute erstens ganz anders funktioniert als zu der Zeit, als diese Blöcke entstanden sind. Und weil das zweitens die Potenziale einer offenen Stadtstruktur nicht würdigt.


Fotos: Benjamin Pritzkuleit

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