Literaturszene

Berliner Branchentreff Literatur: Geld und gute Worte

Berlins Buchbranche traf sich gerade zum ersten Berliner Branchentreff Literatur. Was bewegt gerade die Szene? Ein Lagebericht

Birgit Kreipe bei der Literaturtagung
Birgit Kreipe bei der Literaturtagung, Foto: Gezett.de

Der Schriftsteller Michael-André Werner ist gerade hin- und hergerissen: „Soll ich als Autor anfangen, alles ehrenamtlich zu machen, damit man weiterhin meine Texte liest?“ Es geht um ein Bundesgerichtshofsurteil, dass derzeit in Deutschland die Literaturszene umtreibt: über die Verwertungsgesellschaft VG Wort. Im April hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass nicht mehr Verlage, sondern nur noch Autoren die Vergütung aus der Kopier- und Pressespiegelabgabe bekommen sollten. Die Verlage sollen rückwirkend ihre seit 2012 erhaltenen Tantiemen zurückzahlen. Dafür haben sie bis Ende 2017 Zeit. Das wird teuer. Auch beim Branchentreff Literatur, den das Literaturhaus Lettrétage Anfang Dezember erstmals organisierte, wurde das VG-Wort-Urteil heiß diskutiert. Das Motto der Veranstaltung: „Von und mit Literatur leben“.

Michael-André Werner ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller in Berlin. Er sagt: „Ich finde es gut, dass die Gelder an die Autoren gehen. Einige Verlage haben das, was sie unter Vorbehalt bekommen hatten, nicht berührt, andere haben es aber ausgegeben…“ Dann setzt er hinzu: „Einer der Verlage, bei dem ich bin, ist sehr klein, und der wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich weniger veröffentlichen. “

Auch Britta Jürgs, Verlegerin und Vorsitzende der Kurt-Wolff-Stiftung, einem Zusammenschluss von unabhängigen Verlagen, findet das VG-Wort-Urteil „super für die Autoren, für die Verlage aber eine Katastrophe. Es werden in Zukunft weniger Bücher veröffentlicht werden, denn kleine Verlage haben keine so großen Mittel, es sind Überzeugungstäter, die es aus Leidenschaft machen“, erklärt sie. Auch Moritz Malsch, Projektleiter der Lettrétage, macht sich Sorgen um kleine Verlage: „Die Rückzahlung kann kleine Verlage gefährden, besonders die kleinen Lyrik-Verlage.“

Für die Autoren könnte eine Lösung sein, sich mit dem Thema Self-Publishing anzufreunden. Denn das ist das zweite große Thema in der Literaturszene: Digitalisierung. Ines Zimzinski vom Deutschen Crowdsourcing Verband sagt: „Die Self-Publisher sind 2016 erwachsen geworden. Sie haben mittlerweile eine Fan-Gemeinde und viele Verlage wollen sie haben.“ Für die Autoren sieht sie diese Entwicklung positiv: „Die Digitalisierung ist ihr Freund, nicht ihr Feind.“
Die freien Lektoren sehen das freilich anders. Claudia Lütke, freie Lektorin und Sprecherin für die Regionalgruppe Berlin des Verbands der freien LektorInnen (VFLL), warnt vor einer globalen Konkurrenz: „Es gibt schon in vielen Bereichen Online-Plattformen, auf denen Dienstleister Arbeit anbieten. Es kann sein, dass so was auch auf die Lektoren zukommt. Und das schafft eine globale Preiskonkurrenz.“ Wegen der zunehmenden Rolle der sozialen Netzwerke und der Digitalisierung hat der VFLL entschieden, seine Jahrestagung 2017 diesem Thema zu widmen.

Und dann ist da ja noch die Berliner Kulturpolitik. Im August, drei Wochen vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus, hatte die „Koalition der Freien Szene“ einen Zehn-Punkte-Plan unter dem Motto „Nichts ist erledigt!“ veröffentlicht: 100 Prozent der City Tax sollten in die Kultur fließen, forderte sie, die Hälfte davon in die freie Berliner Kulturszene.
Drei Monate nach der Wahl ist für Aurélie Maurin, Literaturübersetzerin und Vorstandsmitglied des Netzwerks Freie Literaturszene Berlin, noch nichts erledigt: Die Unterstützung der Literaturstadt Berlin für die Buchbranche sei, gemessen an deren Dichte und Vielfalt, zu gering. „Die Literaturszene ist als letzte in die Koalition der Freien Szene eingestiegen“, sagt Maurin. „Dadurch hat sie weniger Erfahrung mit Fördermitteln, weniger Mitglieder und kann auch weniger Lobbyarbeit machen als die Berliner Kunst- oder Musikszene. Fest steht: Auch in der Literaturszene brauchen wir Mindesthonorare, zum Beispiel für Übersetzungen und PR-Arbeit.“ Im nächsten September soll es wieder einen Branchentreff geben. Bis dahin bleibt noch reichlich zu tun.

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