Clubkultur in Berlin

Berliner Clubs in Not: So eng ist es nach zwei Monaten Shutdown wirklich

Zwei Monate Shutdown haben die Berliner Clubs schon hinter sich, doch wie soll es weitergehen ohne Einnahmen und ohne ein Ende in Sicht? Wie ist die Stimmung? Wir haben mit Vertreter*innen vom About Blank, dem SO36, dem Schwuz und der Ipse gesprochen.

Zwei Monate Shutdown schon: Wie lange halten Clubs wie das Schwuz noch durch?
Zwei Monate Shutdown schon: Wie lange halten Clubs wie das Schwuz noch durch? Foto: Guido Woller

Alte Poster, benutzte Mikros und Plektren, Setlisten, das SO36-Buch, T-Shirts, Verkehrshütchen und den einzigen funktionierenden Tacker aus dem Büro: Die Crew des SO36 verkauft über ihre Crowdfunding-Kampagne gerade alles, was nicht irgendwie angeschraubt ist oder noch gebraucht wird — manches im Ernst, anderes mit einem Augenzwinkern.

Die Idee: Wer das SO36 in der Corona-Krise unterstützen will, soll danach auch ein Dankeschön bekommen, wenn er oder sie möchte. „Diese Verkäufe sind gerade, neben den normalen Spenden, unsere einzige Einnahmequelle“, sagt Nanette vom SO36. Den meisten anderen Clubs geht es genau so: Sie sind auf Spenden angewiesen, auch wenn die in vielen Fällen den Bedarf nicht ansatzweise decken.

Wie lange halten die Clubs noch durch, wie ist die Stimmung?

Fast zwei Monate ist es her, dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) dem öffentlichen Leben den Stecker zog. Der Shutdown trifft manche Branchen härter als andere. Die Kulturszene, und ganz besonders die Clubszene, gehören zu den großen Verlierern dieser Zeit. Lange gab es keine staatlichen Hilfen für Clubs, viele konnten als mittelständische Unternehmen in einer Stadt mit astronomischen Mieten keine Rücklagen bilden. Und die Aussichten sind so düster wie für kaum eine andere Branche: Man kann davon ausgehen, dass Clubs zu den letzten gehören, die den Betrieb wieder aufnehmen werden dürfen.

Viele Clubs haben nach Müllers Ansage Spendenaufrufe veröffentlicht, dazu kommt die gemeinsame Aktion „United We Stream“, mit der die Clubs gemeinsam Spenden sammeln und einen Teil der Einnahmen an Organisationen für zivile Seenotrettung für Geflüchtete spenden. „So dreckig es uns geht: Für uns war essentiell, dass ein Teil der Einnahmen an die Menschen geht, denen es noch viel schlechter geht“, sagt Nanette vom SO36.

United We Stream #38 – SO36

United We Stream Berlin opens its virtual doors for the 38th time. Today live from SO36 with Electric Ballroom and Dana, DJokerDaan, fr. JPLA and Freddy K.Live Streams without hiccups:▶️ arte.tv/unitedwestream▶️ https://youtu.be/vfD7wTJuGXMFor more info visit https://unitedwestream.berlin

Posted by SO36 on Thursday, April 30, 2020

Bilanz nach zwei Monaten Shutdown: Die Spendebereitschaft für Clubs ist hoch

Grundsätzlich ist die Spendenbereitschaft der Clubgänger*innen hoch. Das Schwuz hat nach einem Aufruf etwa 76.000 Euro gesammelt, das About Blank weit mehr als 100.000 Euro. Auch die Ipse erlebte eine Welle der Solidarität, nachdem der Club erst wegen Corona schließen musste und dann auch noch Opfer von Brandstiftung wurde. Das Team will nach diesem Rückschlag trotzdem weitermachen.

Der Inventar-Verkauf und der Spendenaufruf des SO36 laufen ebenfalls gut. Außerdem erlässt die Vermieterin der Konzertlocation eine Monatsmiete. „Wir sind nicht pleite. Bis August halten wir durch“, sagt Nanette. Gleichzeitig wollen alle vier Clubs nicht zu viel von ihren Fans und Gästen verlangen. Denn wo soll das Geld zum Spenden herkommen, wenn die Menschen selbst kein Einkommen mehr haben? „Große Teile unseres Unterstützer*innenumfelds sind selbst in Kurzarbeit oder Hartz IV gestrandet“, sagt Eli vom Kollektiv des About Blank.  

Spenden lösen das Grundproblem nicht

Abgesehen davon löst die Solidarität der Menschen das Grundproblem der Clubs nicht. Das, was die Clubs ausmacht und womit sie Geld verdienen, wird nun zum Hindernis bei der Wiedereröffnung. Denn sie verkaufen keine Produkte, sondern ein Erlebnis. Die Gäste schwitzen auf der Tanzfläche, haben vielleicht Sex im Darkroom. Enger Kontakt zu anderen Menschen — auf dem Dancefloor, auf knautschigen Sofas und in den Klo-Kabinen — gehört zu einer Clubnacht wie Zahnpasta auf die Zahnbürste oder die lustigen Noppen auf die Abbildungen vom Virus.

Das About Blank hatte letztes Wochenende Geburtstag, dieses Wochenende wäre die Abschlussparty der ältesten Solipartyreihe „Love Techno, Hate Germany dran. „Mit dieser Vorstellung, über unsere verwaisten Dancefloors zu gehen und die blühende Tulpenpracht im Garten vor unserem ,Nie wieder Deutschland‘-Denkmal zu sehen, an der sich außer ein paar Wenigen gerade niemand erfreuen kann, ist schon ziemlich herzzerreißend“, sagt Eli vom About Blank.

Groß, mit Tulpen und antideutschem Denkmal (im Hintergrund): Der Garten des About Blank. Aber wie geht es Clubs wie dem About Blank nach zwei Monaten Shutdown? Foto: About Blank
Groß, mit Tulpen und antideutschem Denkmal (im Hintergrund): Der Garten des About Blank. Foto: About Blank

Soforthilfe für Clubs

Immerhin: Am Dienstag hat der Senat alle Infos zum Soforthilfepaket IV veröffentlicht. Es ist 30 Millionen Euro schwer, auf die Berliner Kulturszene zugeschnitten und wurde in Zusammenarbeit mit der Club Commission erarbeitet. Ab 11. Mai können sich die Kultureinrichtungen darauf bewerben. Nur: „Ob das reicht, wird sich zeigen“, sagt Lutz Leichsenring, Pressesprecher der Club Commission. „Das Paket ist ja nicht nur für Clubs, sondern auch für Theater, Kinos und andere Bühnen gedacht.“

Für das Schwuz kommt das Paket zu spät. „Wir hätten das vor vier Wochen gebraucht, zur der Zeit, als die Solo-Selbstständigen Unterstützung bekommen haben“, sagt Florian Winkler-Ohm, einer der Geschäftsführer vom Schwuz. Das Schwuz hat einen Kredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau beantragt. Damit würde der Club voraussichtlich bis Ende des Jahres durchhalten.

Doch weil Winkler-Ohm und seine Kolleg*innen den Kredit beantragt haben, fallen sie durch das Raster bei der Soforthilfe. Die aber brauchen sie eigentlich dringend. Durch die Zinsen und die gestundeten Mieten wächst der Schuldenberg. Und das, obwohl die Mitarbeiter*innen, die auf Minijob-Basis angestellt sind, ab Juni auf ihr Gehalt verzichten, um ihre Arbeitsplätze und das Schwuz langfristig zu erhalten.

Es geht nicht um Gewinne, aber Geld brauchen die Clubs trotzdem

„Wir wollten nie große Gewinne machen, alles ist irgendwie zurück in die queere Community geflossen“, sagt Winkler-Ohm. „Dazu kommt die hohe Miete am Rollberg. Rücklagen haben wir also keine.“ Der Club gewährt einem Drittel seiner Gäste umsonst Eintritt: Dazu gehören die Bewohner*innen queerer Notunterkünfte oder Menschen, die kaum Geld haben.

10. Geburtstag, eine Feier ohne Gäste, aber mit Stream im About Blank. Foto: About Blank
10. Geburtstag, eine Feier ohne Gäste, aber mit Stream im About Blank. Foto: About Blank

Das Kollektiv des About Blank hat eine ähnliche Philosophie. Es geht darum, einen sicheren Raum für die Community, für Menschen die Musik lieben und lieb zueinander sind zu schaffen, und um Subkultur, nicht um Gewinne. Und darum, einen Gegenpol zum kapitalistischen System zu schaffen, das das Leben auf der Erde bestimmt. „Solidarität war für uns immer ein Begriff, der global und grenzenlos gedacht werden muss“, sagt Eli vom Blank.

Trotzdem: Auch Clubs müssen wirtschaften. Wie lange das About Blank durchhält, hängt auch davon ab, wie hoch der Schuldenberg wird und ob Berlin bereit ist, zu helfen. „Bei einer andauernden Schließzeit wäre ein Erlassen der Miete während der Schließung ein wirksamer Hebel, um den Fortbestand unseres Projekts zu sichern“, sagt Kollektivmitglied Eli. „Das hängt aus unserer Sicht stark vom politischen Willen der Verantwortlichen ab und wir hoffen sehr darauf, auch aus dieser Richtung noch Unterstützung zu erfahren.“

Die Clubszene spült Geld in Berlins Kassen

2018 hat die Clubszene Berlin 1,48 Millarden Euro Umsätze beschert. Angesichts dessen hätte auch Florian Winkler-Ohm vom Schwuz gern mehr Unterstützung. Die Miete für die Räume des Schwuz steigt jedes Jahr. „Die Clubs sind Aushängeschild einer lebendigen Partyszene, mit der sich Berlin schmücken darf. Andersrum muss die Stadt dann aber auch den Mut haben, Clubs zu helfen und Standorte zu sichern, wenn sie weiter mit so einer interessanten und diversen Clublandschaft glänzen will.“

Das Clubsterben war auch schon vor der Corona-Krise ein großes Problem für die Szene, das nun durch den finanziellen Druck noch größer wird. Verliert ein Club seine Räume, ist es unwahrscheinlich, dass er woanders wieder öffnen kann. „Jedenfalls nicht zu Mietpreisen, mit denen man Kultur machen kann“, sagt Lutz Leichsenring.

Zwei Monate Shutdown: Wie lange halten die Clubs noch durch? Florian Winkler-Ohm vom Schwuz findet die Streams zwar gut, richtige Partys wären ihm aber lieber.
Florian Winkler-Ohm vom Schwuz findet die Streams zwar gut, richtige Partys wären ihm aber lieber. Foto: Thomas Schwarz

Bei Nanette vom SO36 wächst die Wut, aber weniger auf die Landesregierung als vielmehr auf die Verantwortlichen im Bund. „Es fühlt sich sehr unfair an, dass Unternehmen wie VW jetzt mit Milliarden staatlicher Gelder gerettet werden und den Aktionären auch noch Dividende ausgezahlt werden, während im Kulturbereich tausende Arbeitsplätze in Gefahr sind“, sagt sie. 80 Menschen leben von ihren Jobs im SO36. In ganz Berlin sind arbeiten laut einer Studie des Landes Berlin 2017 9000 Menschen allein in Clubs. In ganz Deutschland arbeiteten 2016 1,6 Millionen Menschen im Kulturbereich.

Streams können eine Clubnacht nicht ersetzen

Mit der Club Commission hat die Szene aber zumindest eine Lobby. Sie ist gut organisiert und kämpft zusammen um ihr Überleben. Das ist nicht neu, doch mit Aktionen wie der gemeinsamen „AfD-Wegbassen“-Demo und der gemeinsamen Plattform „United We Stream“ machen die Veranstalter*innen und Clubbetreiber*innen ihre Zusammenarbeit sichtbarer.

Seit 42 Jahren steigen im SO36 legendäre Partys.
Seit 42 Jahren steigen im SO36 legendäre Partys. Foto: SO36

Ersetzen kann „United We Stream“ das Cluberlebnis aber nicht. Techno funktioniert nicht ohne Dancefloor. Zuhause vor dem Laptop fehlen die durchdringenden Bässe, die Masse, die wabert, die schwitzenden Körper, die gemeinsam tanzen, aber trotzdem für sich. Die mal beiläufigen, mal intensiven Unterhaltungen auf speckigen Ledersofas, die Umarmungen auf der Tanzfläche. Die Menschen, die kreative Outfits tragen und auf die traditionellen Geschlechterrollen pfeifen. Die Momente, wenn der Drop kommt und der Funke überspringt und ein Jubeln durch den Dancefloor fährt.

Florian Winkler-Ohm vom Schwuz ist froh, wenn die Zeit des Streamings aufhört, obwohl er die Idee und die Zusammenarbeit gut findet. „Wenn ich Streams hätte produzieren wollen, wäre ich zum Fernsehen gegangen“, sagt er.


Spenden für die Clubs:


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