Mit Kind

Berliner Designer entwerfen handgenähte Fabelwesen

Eine neue Gattung Kuscheltiere erobert die Regale: handgenähte, textile Fabelwesen zwischen Plüschtier und Kunstobjekt

zebraIst es ein Ast? Oder ein Dackel? „Ein Pony“, erklärt Karen Runge, „Kinder erkennen das oft schneller als Erwachsene.“ Vielleicht, weil Runges Stofftiere ein wenig aussehen wie die Kritzeleien des Nachwuchses: einfache Formen, das Auge mal ein Punkt, mal nur ein Kreuz, die Mimik kaum vorhanden, die Beinchen in einer Reihe an den Körper genäht. Es sind zweidimensionale Wesen, als hätte ein Kind versucht, seinen noch unbeholfenen Malereien als Plüschtier Leben einzuhauchen. Doch die Designs stammen nicht von Kindern, sondern alle aus der Feder von Karen Runge. Sie ist eigentlich Illus­tratorin, fertigt Zeichnungen für Kinderbücher an. Aus den Grafiken entstanden ihre Plüsch­figuren, eher aus einem Hobby heraus. Das ers­te Stofftier war ein Zebra mit zwei rot gestreiften Beinen. Mit dem echten Tier hat es nur das Muster gemein. Das „Zebra-Monster“ war damals ein Geschenk für eine Freundin.

Auch die anderen Plüschgesellen, die Karen Runge daraufhin nähte, scheinen bei Erwachsenen besser anzukommen als bei den Kindern. Ihre Kreationen, die sie unter dem Label Mitzebra verkauft, nennt sie „Design-Unikate„, nicht Plüschtiere. Für viele ihrer Kunden sind die Figuren mehr Kunstobjekt als putzige Einschlafhilfen: „Manche sagen, sie seien noch nichts für Kinder, weil sie die Figuren noch nicht verstehen“, erklärt Runge, „dabei ist es oft genau andersherum. Eben wie mit dem Pony.“

ExtraLangohrManuelaWie Karen Runge ent­decken viele Designer in Berlin ihre Liebe für Stofftiere wieder und verbinden sie mit ihrem persönlichen Designanspruch . Die meisten Kreationen haben mit dem klassischen Stofftier deshalb wenig gemein. Das neue Berliner Plüschtier hat moderne, kreative Körperformen und Gesichtsausdrücke. Münder sind manchmal nur ein Strich oder gleich gar nicht vorhanden, die Gliedmaßen nur schemenhaft angedeutet. Auch sind es genau genommen keine Stofftiere mehr, die entstehen, sondern Stoffwesen – kleine Monster, Fantasietiere oder eine Mischung aus verschiedenen Tierarten. Neben dem Design ist dabei der Aspekt des Selbermachens wichtig: Den industriellen Massenanfertigungen setzen die Designer ihre mit Liebe angefertigten Stofftiere entgegen, genäht an der heimischen Nähmaschine. Wie damals bei Oma.

schweinmeisenbNicole Mieth und Beate Lenger sind eigentlich studierte Modedesignerinnen, doch entwerfen sie unter dem Label Glaube und Wahrheit ausschließlich Stofftiere, Krabbeldecken, Kuschelkissen und Taschen. Für sie war es eine ganz bewusste Abkehr von der Mode hin zu etwas Beständigerem: „Nach dem Studium hatten wir die Schnelllebigkeit der Branche satt“, erklärt Beate Lenger. Ihre Stofftiere sollen die Kunden in die Kindheit zurück­versetzen, als jeder ein Kuscheltier hatte, das er ständig mit sich rumschleppte. Für dieses Gefühl haben Beate Lenger und Nicole Mieth extra in Omas Wäscheschrank gekramt. Aus teilweise recycelten, bunt gemusterten Baumwollstoffen fertigen sie einen halben Zoo aus Patchwork-Tieren. Der Verkaufsschlager aber ist der Schweinmeisenbär – ein gut 50 Zentimeter hohes Patchwork-Wesen, eine Mischung aus Schwein und Amei­senbär. Die meisten werden zu kuschligen Gefährten von Kindern. „Den kaufen aber auch erstaunlich viele Männer“, hat Beate Lenger beobachtet, „nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für sich oder Freunde.“

Auch vor Martina Stobinskys Schaufenster wirft so manch ein Erwachsener verstohlene Blicke auf ihre Plüsch­monster. Wie quietschbunte Farbkleckse hat Stobinsky die Kreaturen in ihrem strahlend weißem Geschäft Zierstiche verteilt: Auf der Couch sitzt Bengani, das Plüschquader mit Glubschaugen und Ringelschwanz, daneben Hara, das lächelnde kaulquappenförmige Monster mit nur einem Auge. Auch Martina Stobinsky kommt nicht aus dem Produktdesign, sondern hat ursprünglich Grafikdesign studiert. Auch ihr erstes Stofftier war ein Geschenk für eine Freundin. Daraus entstand später eine kleine Kollektion, die bei den Kunden des Shoppingportals Dawanda so gut ankam, dass schnell der Grundstein für ein eigenes kleines Geschäft gelegt war.

„Es ist keine neue Idee, aber viel spannender als ganz normale Kuscheltiere“, erklärt Martina Stobinsky, die sich von ihren Kunden bestätigt fühlt. „Viele mögen, dass die Monster so farbenfroh sind, aber eben nicht klassisch rosa oder hellblau.“ Bei Eltern kommt besonders das bunte, aber kitscharme Design gut an. Um auch kinder­lose Erwachsene zum Kauf zu überreden, hat sich Martina Stobinsky etwas ganz Naheliegendes überlegt: Kuschelmons­ter mit Zweck. Ben­gani gibt es also auch mit einer Wärm­flasche im Bauch oder in Form einer Handy­socke.

Text: Antje Binder

Mitzebra www.mitzebra.de, mitzebra@gmx.net Zu kaufen online oder bei: Luxus International, Kastanienallee 101, Prenzlauer Berg,
Tel. 44 32 48 77, www.luxus-international.de

Glaube und Wahrheit Schliemannstraße 29, Prenzlauer Berg, Tel. 40 00 31 55, www.glaubeundwahrheit.de, info@glaubeundwahrheit.de

Zierstiche Gabriel-Max-Straße 14, Friedrichshain, Tel. 76 21 13 16, www.zierstiche.de, textildesign@zierstiche.de

 

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