Shopping und Stil in Berlin

Berliner Designer interpretieren traditionelle Mode neu

Spätestens zum Oktoberfest besinnen sich viele Fashion-Fans auf traditionelle ?Textilien. Zumal Berliner Designer neue -Interpretationen anbieten

dirndl_LOOKBOOK.SDer Ausschnitt: tief. Die Taille: eng. Der Rock: weit schwingend. Wer die von Eveline Stösser entworfenen Kleider sieht, registriert schnell einen Dйjа-vu-Effekt: Das kenne ich doch. Denn die aufwendig genähten, weiblich-eleganten Kleider der in Berlin lebenden Österreicherin ähneln verdächtig einem Kleidungsstück, das man in diesen Tagen nicht nur in großen Kaufhäusern, sondern auch bei Textil-Discountern oder gar in den Filialen von Kaffeeröstern sieht: dem Dirndl. Einmal jährlich, wenn in München wieder Oktoberfest ist, scheinen sich die Frauen zwischen Flensburg und Oberammergau in modischen Dingen seit ein paar Jahren außerordentlich einig zu sein: Ein Dirndl muss her.

Trotzdem trifft die Bezeichnung „Dirndl“ auf die Kreationen von Eveline Stösser nicht wirklich zu. Es fehlen die typischen Bänder und Borten und selbst auf die Schürze verzichtet sie bei einigen Modellen. Der größte Unterschied jedoch: Statt rot-weiß-kariertem Vichy-Muster oder kleinteiligem Rosendruck lächeln von Stössers Kleidern schon mal unzählige Nelson-Mandela-Gesichter. Die Desig-nerin verwendet für ihre „D’Urban Dirndl“ vorwiegend Stoffe mit afrikanischen Prints: Typische, großflächige Baumwoll-Dessins in satten Farben, die gerne auch mal Alltagsgegenstände wie Bügeleisen, hochhackige Schuhe oder gar Staatsführer wie den legendären, früheren südafrikanischen Präsidenten zu Mustern choreografieren.  

oipngluegg_goldader_waldwiese_vorne_c_geppebbaEveline Stösser ist mit ihrem Ansatz, das Dirndl neu zu interpretieren, nicht alleine. Es gibt Dirndl im Camouflage-Look, aus glänzenden indischen Sari-Stoffen oder komplett schwarze, an den Grufti-Look gemahnende Exemplare. Wie schon lange nicht mehr stürzt sich die ansässige Modewelt derzeit begeistert auf Stile, die die Aura alter Traditionen und erprobter handwerklicher Techniken verströmen – und die am liebsten auch noch Heimatgefühle auslösen. Zu sehen ist das auch bei Friendly Society in der Griebenowstraße. Denn hier feierte nicht nur das „Berlin Dirndl“ seine Geburt, eine hauptstädtische Adaption der weiblichen Bayern-Kluft. Laden-Inhaber Gregor Marvel-Wyrwich hält auch so manche andere Stücke bereit, die man früher vielleicht im Trachtenhandel, nicht aber in einer Szene-Boutique in Prenzlauer Berg vermutet hätte: Männer-Shorts im krachledernen Look oder Frauenröcke aus sorbischen, fein gemusterten Blaudruckstoffen. Wobei die „Krachlederne“ des Labels geppebba aus Jeansstoff genäht ist und die Sorbinnen-Röcke des Labels KonTour für das hauptstädtische Nachtleben mindestens so gut geeignet sind wie für Wiesn-Freuden oder Feste von Trachtenvereinen.

International_Wardrobe_11_c_KatharinaKoppenwallner_InternationalWardrobeLena Hoschek, eine österreichische Designerin, die unter anderem in Berlin einen Laden betreibt, zieht die Grenzen für ihre modischen Inspirationsquellen zwar etwas weiter, bewegt sich aber bei ihren Reminiszenzen – etwa im Rahmen ihrer aktuellen „Russian Rose“-Kollektion – immer noch im europäischen Kulturraum. Auch hier fällt auf: Ähnlich wie bei „D’Urban Dirndl“ oder dem „Berlin Dirndl“ ist die Silhouette der einzelnen Modelle betont weiblich, sind die Taillen schmal, die Röcke weit schwingend und die Stoffe farbenprächtig. Androgyn und unauffällig war gestern. „Bunte Farben in der Kleidung sind ein Symbol für Jugend und Fruchtbarkeit“, weiß Katharina Koppenwallner. Für die Kunsthistorikerin, die auch Ethnologie studiert hat und als Stylistin arbeitet, sind Trachten mehr als nur eine vage Inspirationsquelle – sie sind ihre Leidenschaft, der sie auch ihren Laden International Wardrobe in der Almstadtstraße in Mitte gewidmet hat. Doch obwohl Koppenwallner keine neuen textilen Interpretationen des Trachtenthemas verkauft, sondern stattdessen originale, handbestickte rumänische Blusen, bunt bestickte Schürzenröcke der in China lebenden Hmong oder handgenähte Kleider der vietnamesischen Yao, ist ihr Laden alles andere als ein museales internationales Trachtengeschäft. Denn statt der kompletten, originalen Outfits werden bei International Wardrobe einzelne Teile in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. So kann eine Jacke der Yao Eyecatcher zu einem Look mit Bleistiftrock sein. Oder eine prächtig bestickte rumänische Bluse i-Tüpfelchen bei einer schlichten, ausgewaschenen Jeans. Und manch ein osteuropäischer bunter Rock verwandelt sich bei Koppenwallner mit nur wenigen Handgriffen in ein zartes, rückenfreies Kleidchen. Denn eines ist klar: Rückwärtsgewandte Volkstümelei ist nicht das Ding der modernen Trachtenfreunde.

Text: Eva Apraku

Fotos: D’urban Dirndl, Katharina Koppenwallner (unten), geppebba

ADRESSEN:

D’Urban Dirndl? Onlineshop: www.durbandirndl.com

Friendly Society? Griebenowstraße 23, Prenzlauer Berg, Sa + So 14–19 Uhr, Tel. 28 04 61 90, ?www.friendlysociety.de

Lena Hoschek? Weinmeisterstraße 8, Mitte, Mo–Do 11–19 Uhr, Fr–Sa 11–20 Uhr, Tel. 27 87 69 89, ?www.lenahoschek.com

International Wardrobe? Almstadtstraße 50, Mitte, Do–Sa 12–19 Uhr, Tel. 0172-808 27 66, ?www.internationalwardrobe.com

 

WEITERLESEN:

Designmärkte und Kreativmärkte in Berlin  

T-Shirts als mobile Leinwand für Künstler  

Zeitlos beliebt: Flohmärkte in Berlin

Sneaker Läden in Berlin  

 

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare