Arbeitsmarkt

Berliner Firmen suchen händeringend nach Mitarbeitern

„We want you“, „Fahrer gesucht“ oder schlicht „Wir suchen Sie!“: Ob auf Lieferwagen, in Schaufenstern oder überdimensionierten Plakaten – Berliner Firmen suchen händeringend nach Mitarbeitern. Der tip hat nachgeforscht, was es mit der Stadt macht, dass so viele Stellen frei bleiben

Foto: Eva Apraku

Ziehen Sie sich Ihren eigenen Nachwuchs heran. Bilden Sie aus.“ Wenn Anke Dob­beck diese wenige Jahre alten Ratschläge der Politik und der Handwerkskammer heute hört, muss sie lachen. „Wir wären ja froh, wenn wir überhaupt mal einen Azubi finden würden“, sagt sie. Sie sitzt in einem fast leeren Raum des Sanitär- und Heizungsbetriebs Dobbeck, die Hände auf dem Tisch gefaltet, den Blazer ihres cremefarbenen Hosenanzugs geöffnet, ihr Blick durchdringend – eine Unternehmerin durch und durch.

„Früher war es normal, dass Azubis nach der Ausbildung vom Betrieb übernommen wurden. Jetzt freuen wir uns, wenn wir einen Azubi finden und die nächsten dreieinhalb Jahre planen können. Wenn dann mal einer bei uns bleibt, ist das ein Hauptgewinn“, sagt Anke Dobbeck. Die meisten würden doch lieber noch eine weitere Ausbildung machen oder studieren. Oder vielleicht noch ein Jahr Backpacken in Australien? „Und selbst wenn wir einen Auszubildenden finden würden – manchmal haben wir gar nicht genug Monteure, die die Azubis zum Kunden begleiten könnten“, sagt Dobbeck. Seit zwei Jahren sucht der Familienbetrieb nach einem guten Monteur, seit einem Jahr nach einem dritten Lehrling.
Damit sind die Dobbecks nicht ­alleine. Ganz Berlin scheint auf der Suche. Nach Elektrikern, Krankenpflegern und Klempnern. Nach Erziehern und Zahnarzthelfern. Nach Verkäufern, Möbelpackern, Aushilfen. Egal, ob Facharbeiter oder Hilfsarbeiter – Berlin ächzt. Schuld ist der Konjunkturboom. Die Wirtschaft wächst seit Jahren. Stärker noch als in den alten Bundesländern. Die Kehrseite: Die Stadt wird spürbar langsamer und teurer. Man könnte auch sagen: Die fehlenden Fach- und Hilfsarbeiter verursachen zunehmend lange Wartezeiten und die Rechnungen tun dem Endkunden richtig weh.

Laut der Bundesagentur für Arbeit waren in Berlin im August knapp 30.000 Stellen unbesetzt. Die Industrie- und Handelskammer spricht sogar von 121.000 freien Arbeitsplätzen. Besonders betroffen sind jene Berufe, für die es eine Ausbildung braucht. In diesem Bereich fehlen 99.000 Arbeitskräfte. Und der Mangel wird größer. Bis zum Jahr 2030 könnten laut IHK 192.000 beruflich qualifizierte Fachkräfte fehlen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren fehlten in Berlin 37.000 beruflich qualifizierte Mitarbeiter, vor fünf waren es 45.000.
Was macht es mit Betrieben – und was macht es mit einer Stadt –, wenn branchenübergreifend Mitarbeiter fehlen?

„Die Personalengpässe der Unternehmen können sich am Ende auf die Wartezeiten für die Kunden auswirken“, sagt Katja Görlitz, Juniorprofessorin für Arbeitsmarkt- und Sozial­politik an der Freien Universität Berlin. Im Klartext heißt das, dass die Stadt langsamer wird. Die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe sind voll. Aber weil es an Personal fehlt, können die Betriebe die Aufträge nicht schnell genug abarbeiten.

Foto: Eva Apraku

Wer kennt sie nicht: die Anekdoten von Freunden oder Eltern, die versuchen, einen Termin beim Handwerker zu bekommen? Oft vergeblich oder mit monatelanger Wartezeit. Oder die Geschichten, in denen Handwerker erst mit einer Woche Verspätung aufgetaucht sind? Ein Pressesprecher der Handwerkskammer Berlin bestätigt diese Entwicklung: „Zehn bis elf Wochen müssen Sie heute auf einen Termin warten. Vor einigen Jahren ging das schneller, da kamen die Handwerker innerhalb von drei oder vier Wochen.“

Die Firma Dobbeck nimmt normalerweise überhaupt keine Neukunden mehr auf. „Unsere Stammkunden gehen vor. Als die Wirtschaft nicht so rund lief, haben sie uns die Treue gehalten. Jetzt kriegen sie zuverlässigen Service von uns“, sagt Anke Dobbeck. Nimmt die Firma doch mal einen Auftrag von neuen Kunden an, müssen die drei bis sechs Monate auf den Umbau ihres Bads warten. Und immerhin noch eine Woche, wenn es sich um einen Notfall handelt und die Rohre verstopft sind.
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Warten müssen auch die Kunden der Waschanlage Cosy Wash, wenn statt zwei Mitarbeitern nur einer im Dienst ist und der alles gleichzeitig machen muss. Seit drei Jahren sucht Geschäftsführer Rolf-Mathias Chrosch nach zwölf weiteren Mitarbeitern, unter anderem im Verkauf, aber auch Service-Monteure und -Monteurinnen – und findet keine. Die Branche leidet darunter, dass der Markt an Fachkräften leergefegt ist. Facharbeiter sind nun in vielen Berufen gefragt, und können sich die passende Stelle aussuchen. Bei der guten Konjunktur haben selbst ungelernte Arbeiter eine breite Auswahl und können sich die Rosinen unter den Hilfsjobs herauspicken.

Zum Beispiel die Jobs, bei denen es keine Sonntagsdienste gibt. Ein Pressesprecher der Berliner Agentur für Arbeit bestätigt diese Entwicklung. Er sagt aber auch: „In manchen Branchen ist der Mangel aber auch hausgemacht, weil die Löhne zu niedrig und die Arbeitsbedingungen zu schlecht sind. Dazu gehören zum Beispiel viele Bäckereien, die Aushilfen suchen, aber auch die Gebäude-reinigung, Wachschutz und Waschanlagen.“

Cosy-Wash-Chef Chrosch hat die Ansprüche an seine Belegschaft runtergeschraubt. „Früher war mein Schreibtisch voll mit Bewerbungen, da haben gelernte Elektriker oder Trockenbauer bei uns gearbeitet“, sagt er. „Solche Leute kriege ich heute nicht mehr. Jetzt stelle ich erst mal jeden ein, egal, ob er einen Schulabschluss oder einen Eintrag ins Strafregister hat oder nicht. Letztes Jahr hatten wir einen, der hat 43.000 Euro geklaut und war weg.“

Seine Ansprüche runtergeschraubt hat auch Zahnarzt Andreas Quint. Seit drei Monaten sucht er nach einer oder einem Zahnarztfachangestellten (ZFA) zur Assistenz am Behandlungsstuhl. Eine Bewerbung hat er seitdem erhalten. „Aber die Bewerberin war 74 und nicht mehr in den heutigen Arbeitsalltag integrierbar“, sagt er. Weil die Assistenz am Behandlungsstuhl fehlt, muss seine Zahnmedizinische Verwaltungsassistentin dort oft aushelfen. „Wenn dann das Telefon klingelt, muss sie schnell zum Empfang laufen und dann wieder zurückkommen, um mir zu helfen“, sagt Quint. „Dabei hat sie eine 400-stündige Fortbildung gemacht, um den Job am Empfang optimal erledigen zu können.“

Mit seiner Zahnmedizinischen Prophylaxeassistentin (ZMP) ist es das gleiche: Weil die Stuhlassistenz fehlt, muss diese Mitarbeiterin bei ihm aushelfen. Dabei hat sie eine 650-stündige Fortbildung absolviert, um selbstständig professionelle Zahnreinigungen durchzuführen. „Patienten, die gerne eine Zahnreinigung bekommen würden, müssen nun länger auf ihren Termin warten, weil meine Prophylaxeassistentin am Stuhl beschäftigt ist“, sagt Quindt. Die Suche nach einem neuen Azubi sei ebenfalls sehr schwierig gewesen. Seit ein paar Monaten hat Quint nun eine neue Auszubildende. Die hat zwar keinen Realschulabschluss, den Quint normalerweise voraussetzt: „Aber sie ist motiviert, höflich, fleißig und praktisch begabt, da sehe ich über den schulischen Teil hinweg.“

Die Zahnärztekammer Berlin gibt an, dass auf ihrer eigenen Jobbörse 861 Praxen zahnmedizinische Fachangestellte suchen. Umgekehrt suchen nur 306 Menschen dieser Berufsgruppe eine neue Anstellung. „Und das, obwohl Berlin die größte Dichte bei der zahnmedizinischen Versorgung in Deutschland hat“, sagt Vorstandsmitglied Detlef Förster.
Wenn man Anke Dobbeck, die Betreiberin der Sanitärfirma, auf die Suche nach neuen Azubis anspricht, wird ihr Blick noch eindringlicher, als er eh schon ist. „Ka-ta-stro-phe“, sagt sie. „Einer ist mal in Badehose und mit Plastiktüte in der Hand zum Bewerbungsgespräch aufgetaucht. Eine halbe Stunde zu früh.“ Ihre Ansprüche seien definitiv runtergegangen, sagt sie. Trotzdem, ihr jetziger Azubi macht sich eigentlich ganz gut – bis auf den schulischen Teil. „Jetzt habe ich über die Innung Kontakt zu einem Sozialarbeiter bekommen, der ihn zum schulischen Teil motivieren soll. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, das sollte doch eigentlich Standard sein.“

Foto: Eva Apraku

Aber auch die Suche der Dobbecks nach einem neuen Monteur gestaltet sich schwierig. 94 Berliner SHK-Betriebe suchen auf der Internetseite der Innung ebenfalls nach neuen Mitarbeitern. 46 Prozent der Handwerksbetriebe in Berlin melden offene Stellen. Ein Drittel will künftig noch mehr Mitarbeiter einstellen. Während die Ansprüche an die Bewerber beim derzeitigen Engpass runtergehen, gehen die Anstrengungen, Mitarbeiter zu finden und – vor allem – zu halten, rauf.

Die Firma Dobbeck zahlt übertariflich. Dazu gibt es Weihnachts- und Urlaubsgeld. „Irgendwie müssen wir unsere Mitarbeiter ja halten. Manche Betriebe werben Fachkräfte von anderen ab, wenn die Monteure bei den Großhändlern einkaufen. Andere bezahlen ihren Mitarbeitern das Fitnessstudio oder kaufen ihnen ein Handy.“

Das Möbelhaus XXXLutz wird richtig kreativ, wenn es darum geht, Mitarbeiter zu gewinnen: Der Möbelriese bietet seinen Mitarbeitern einen extra Urlaubstag, wenn sie Geburtstag haben. Auf seiner Karriereseite schreibt das Unternehmen: „XXXL unterstützt Ihre Gesundheit mit Leistungen aus den Bereichen Heilpraktiker, Zahnersatz, Seh- bzw. Hörhilfe und Vorsorge. Auch bei Elternzeit und Arbeitsunfähigkeit ist voller Versicherungsschutz gewährleistet. Außerdem übernimmt XXXL alternativ Leistungen einer Unfallversicherung ganz ohne Gesundheitsprüfung oder fördert Ihre Absicherung im Alter.“

Und auch Geschäftsführer Rolf-Mathias Chrosch von Cosy Wash will ab nächstem Jahr seinen Mitarbeitern zwei Urlaubstage mehr geben, außerdem noch eine Gehaltserhöhung.
Und auch auf höherer Ebene, bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), sucht man nach einer Lösung des Problems. So fordert BDA-Präsident Ingo Kramer in einem Interview mit der „Welt“ eine „gezielte Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt“ und setzt sich außerdem für den sogenannten „Spurwechsel“ ein. Der soll beruflich gut integrierten Asylbewerbern – bis zu einem Stichtag und unabhängig vom Ausgang ihres Asylverfahrens – die Möglichkeit geben, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen.

Letztendlich wirken sich der Konkurrenzkampf um Mitarbeiter und die steigenden Arbeitskosten auf die Preise für den Endverbraucher aus – vor allem im Handwerk. Wirtschaftprofessorin Katja Görlitz sagt: „Im Wettbewerb um Mitarbeiter müssen die Unternehmen attraktiv bleiben. Die gestiegenen Löhne können in einigen Branchen über erhöhte Preise an die Verbraucher weitergegeben werden. Aber auch ohne Lohnsteigerungen wirken sich die Kapazitätsengpässe der Unternehmen auf die Preise für die Kunden aus. Denn: Wenn das Angebot nicht hinter der Nachfrage herkommt, steigen die Preise.“ Die Stadt wird also nicht nur langsamer, sondern auch teurer.

Gleichzeitig mahnt Görlitz zur Vorsicht, wenn es um den Begriff Fachkräftemangel geht: „Es kann auch unternehmerisches Kalkül sein, vom Fachkräftemangel zu sprechen. Wenn wegen des angeblichen Mangels besonders viele Menschen in eine Branche strömen, dann entsteht schnell ein Überschuss. Und dann können die Arbeitgeber die Löhne wieder drücken. Die aktuell sehr gute konjunkturelle Lage kann aber einen echten Fachkräftemangel begründen.“
Wenn die IHK mit ihren Prognosen Recht hat, wird sich der Engpass an qualifizierten und unqualifizierten Mitarbeitern in den nächsten Jahren noch verschärfen. Denn dann greift noch ein weiterer Faktor: der demographische Wandel. Die Demographie-Forscherin Susanne Dähner vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sagt dazu: „Noch macht sich der demographische Wandel nicht auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Zwar sinkt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter. Aber der Fakt, dass die Menschen länger arbeiten und mehr Frauen berufstätig sind, gleicht die Schieflage noch aus. Deswegen gibt es in Deutschland Jahr für Jahr mehr Beschäftigte. Das Ende dieses Wachstums ist aber absehbar. Ungefähr 2030 dürfte jeder Jahrgang, der ins Berufsleben reinwächst, nur noch halb so groß sein wie der, der das Arbeitsleben verlässt. Das dicke Ende kommt also noch, wenn der Großteil der Babyboomer in Rente geht.“

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