Berliner Herbstsalon 2013

Herbstsalon_c_HS-9Das Treppenhaus im Palais am Festungsgraben wirkt auf den ersten Blick, als hätte sich hier ein Graffitikünstler mit schwarzem Edding ausgetobt und auf Spiegeln, Fenstern und Wänden der historischen Räume willkürliche Schmierereien hinterlassen. Doch beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass dem Gekritzel eine Symbolik innewohnt. Der vermeintliche Vandalismus ist sogar vom Denkmalschutz genehmigt, es handelt sich nämlich um eine Arbeit des rumänischen Künstlers Dan Perjovschi. Für den Berliner Herbstsalon, der als Prolog den Auftakt der neuen Spielsaison am Maxim Gorki Theater begleitet, haben sich die Organisatoren Antje Wetzel, Зagla Ilk und Erden Kosova mit der neuen Intendantin des Hauses, Shermin Langhoff (siehe Interview), ein spannendes Konzept ausgedacht. Titelgebend und im Charakter angelehnt an den ersten und bisher einzigen Berliner Herbstsalon im Jahr 1913, der damals Werke der internationalen Avantgarde präsentierte und in dessen Vorfeld in der Politik von „entarteter Kunst“ die Rede war, greift das Maxim Gorki 100 Jahre später die Idee eines offenen Ausstellungskonzeptes auf und aktualisiert den Saloncharakter inhaltlich mit einem politisch-gesellschaftlichen Diskurs.

Auf der gesamten oberen Etage des Palais haben sich die eingeladenen Künstler raumgreifend mit den Themenachsen Nation-Identität und Vergangenheit-Gegenwart auf unterschiedlichste Weise auseinandergesetzt. Dabei erübrigt sich die Frage nach der Schnittstelle mit der eigentlichen Arbeit des Hauses, sobald man das Konglomerat des Ausstellungsparcours auf sich wirken lässt. Egal ob Performances, Fotoserie oder Videoinstallation, die Arbeiten können für sich alleine stehen, fügen sich aber in der Gesamtbetrachtung in ein stimmiges Bild, das zum Nachdenken auffordert.

Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger stellt beispielsweise die Frage: „Wo warst du vor hundert Jahren?“, und bleibt dabei ganz nah am Schauspiel. Mitglieder des Ensembles beantworten die Frage in einer Performance anhand von Objekten, die Besucher auswählen. Dagegen entfernt sich die Installation der türkischen Künstlerin Nevin Aladag im wahrsten Sinne vom Theater: Aus einem Fenster des Palais hängt ein überlanger Teppich, er führt wie eine Rutsche die Hauswand hinunter, überdeckt die klassizistische Fassade mit orientalischem Muster und endet erst auf dem Bürgersteig. Dies kann durchaus als Einladung verstanden werden, die Geschichte der Stadt auf neue Art zu ergründen. Denn die Organisatoren des Herbstsalons wünschen sich ausdrücklich, dass auch das Laufpublikum das Haus betritt, und gewiss lockt dieser Blickfang die Touristen weg von ihrer Standardroute entlang der Hauptstraße Unter den Linden.

Text: Lea-Maria Brinkschulte

Foto: Harry Schnitger

Berliner Herbstsalon?, Maxim Gorki Theater/ Palais am Festungsgraben/ Neue Wache, ?Eröffnung: Fr 8.11, 18 Uhr, Sa 9.?–?So 17.11., tägl. 12–20 Uhr, ?am Wochenende bis 24 Uhr, Eintritt frei

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