Gesundheitssystem

Experte über Berliner Krankenhäuser: Wie gut ist die Corona-Strategie wirklich?

Seit Wochen bereiten sich Berliner Krankenhäuser auf eine Welle von schwerkranken Corona-Patienten vor. Dafür haben Experten der Charité und anderer Häuser den Maßnahmeplan „SAVE Berlin @COVID-19“ entwickelt. Der Senat hat ihn Ende März abgesegnet. Wir haben den Gesundheitsökonom Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin gefragt, wie gut der Plan ist.

Patienten sollen auf Berlins Krankenhäuser aufgeteilt werden.
Berlins Krankehäuser haben einen Plan. (Symbolbild) Foto: imago / ZUMA Wire

Im Kern der SAVE Strategie geht es um die Verteilung der Patienten. Dafür werden Berliner Krankenhäuser in drei Level unterteilt. Als einziges Level-1-Krankenhaus gilt die Charité mit ihren Lungen-Spezialisten. Ihr ARDS/ECMO Zentrum hat die notwenigen Strukturen, um die schwersten Fälle zu behandeln. Als Level-2-Klinik sind derzeit 16 weite Berliner Kliniken definiert, die alle intensivpflichtigen Corona-Patienten aufnehmen sollen. In die übrigen 60 Notfallkrankenhäuser werden Patienten gebracht, die intensivmedizinische Versorgung benötigen, aber nicht mit dem Virus infiziert sind.

Reinhard Busse leitet das Fachgebiet Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin.
Reinhard Busse leitet das Fachgebiet Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin. Foto: Reinhard Busse

tipBerlin Herr Busse, wie gut steht Berlin mit seinem „SAVE [email protected]“ Plan gerade da, auch im Bundesvergleich?

Reinhard Busse Da muss man zwei Dinge hervorheben. Wichtig ist erstmal, dass ein Plan besteht. Eigentlich sollte man denken, dass das von den Gesundheitsministerien und den Senatsverwaltungen ausgeht.

Im Falle Berlin sehen wir aber, dass es eben doch die Intensivmediziner waren. Sie konnten die Senatsverwaltung von diesem Konzept überzeugen. Das ist schon viel besser als in anderen Bundesländern, wo es solche Pläne noch gar nicht gibt. Und wenn man die Ministerien fragt, sagen die teilweise immer noch: Selbst bei der derzeitigen Situation gilt freie Krankenhauswahl für Patienten. Dabei ist Covid-19 eine Infektionskrankheit, die sich schnell ausbreitet. Und da ist es wichtig, auch eine gewisse Steuerung zu übernehmen.

tipBerlin Und wie ist es um Berlin konkret bestellt?

Reinhard Busse Positiv zu bewerten ist, dass hier klar gesagt wird: Wir teilen die Krankenhäuser auf in solche, in denen Covid-Patienten behandelt werden, und in solche für Patienten, die nicht infiziert sind. Diese gelten schließlich als Risikopatienten für Covid. Da ist es viel einfacher, auf der Ebene von Krankenhäusern die Patienten zu trennen als innerhalb eines Krankenhauses. Natürlich ist der Plan das eine, die Umsetzung das andere. Diese müsste dann systematisch in Angriff genommen werden. Patienten mit Fieber, mit Verdacht auf Covid sollten erstmal in die Level-1 und -2-Kliniken eingeliefert werden.

Corona: Berliner Krankenhäuser müssen gut zusammenarbeiten

tipBerlin Was ist die größte Herausforderung bei der Erstellung eines gut funktionierenden Plans für eine solche Situation?

Reinhard Busse Es kommt einerseits darauf an, dass sich nicht nur die Ärzte einig sind, sondern auch die Geschäftsführung der Krankenhäuser. Einige Kliniken stehen jetzt ja viele Betten leer. Planbare Operationen dürfen nicht durchgeführt werden, weniger Patienten werden aufgenommen. Da bricht erstmal ein Großteil der Einnahmen weg, auch wenn der Saat mit Geldern gegensteuert. Das muss von allen akzeptiert werden, damit es funktioniert.

tipBerlin Auf dem Messegelände wird gerade ein Corona Behandlungszentrum gebaut. Wie passt das dazu?

Reinhard Busse Das passt eigentlich nicht spannungsfrei dazu. Entweder ist man mit Covid so leicht erkrankt, dass man auch zuhause sein kann. Oder man braucht ein Krankenhaus. Dann muss aber, als Back-up, eine Intensivstation vorhanden sein. Ein solches Behandlungszentrum kann meines Erachtens die notwendigen Strukturen einer Intensivstation gar nicht leisten.

Verteilung der Patienten auf die Krankenhäuser ist entscheidend

tipBerlin Dient das dann vielleicht auch eher zu unserer Beruhigung?

Reinhard Busse Ja. Wer schon einmal auf einer Intensivstation war, weiß wie es da aussieht: allein all die Anschlüsse für Strom, Sauerstoff etc. Zudem brauche ich das Personal dafür. Normale Pfleger und Ärzte wird man schon zusammenbekommen, aber wo soll zusätzliches Intensivpersonal herkommen? 

Darin besteht die Logik des SAVE Berlin Plans: Die hochspezialisierten, technisch ausgestatteten Häuser kriegen die schwersten Patienten. Die anderen gehen in die übrigen Krankenhäuser; ihnen steht allerdings telemedizinische Unterstützung aus der Charité zur Verfügung.

tipBerlin Wovon hängt der Erfolg des SAVE Plans ab?

Reinhard Busse Der hängt davon ab, dass wir klar entscheiden: Welche Kapazitäten sind für die Covid-Patienten und welche für andere? Feuerwehr bzw. der Rettungsdienst müssten wissen, dass Patienten nur in bestimmte Krankenhäuser eingeliefert werden. Das verlangt eine sehr gute Koordination. Dazu gehören auch einheitliche Telefonnummern.

Berlin ist gut aufgestellt

tipBerlin Das Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum kann wegen der Häufung von Corona-Patienten nur noch eingeschränkt arbeiten, es nimmt derzeit nur noch unabweisbare Notfälle an.

Reinhard Busse Momentan fällt es schwer, zu beurteilen, was in Potsdam passiert ist. Es muss Schwachpunkte gegeben haben, sonst wäre nicht so viel Personal infiziert. Das muss geprüft werden. An diesem Beispiel sieht man jedoch, dass es schwierig ist, wenn ein Krankenhaus einerseits viele normale Patienten, wie zum Beispiel Krebskranke, behandelt, und die Covid-Patienten. Eine Befürchtung ist, dass sich einige Patienten erst in der Klinik mit dem Virus angesteckt haben könnten. Wir müssen die Krankenhäuser trennen.

tipBerlin Wie weit sind die Berliner Krankenhäuser von diesem Ausnahmezustand entfernt?

Reinhard Busse Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Aber zum jetzigen Zeitpunkt brauchen wir überhaupt nicht davon ausgehen, dass wir da hinkommen. Wir müssen gut agieren und die Zahlen sprechen dafür, dass wir da auch nicht hinkommen.

Corona-Antikörpertests sollen kommen

tipBerlin Heidelberg hat sogenannte „Corona-Taxis“ eingeführt, das Corona-Infizierte in häuslicher Quarantäne betreut. Wäre das ein Modell auch für Berlin?

Reinhard Busse Das kann ich mir auch gut vorstellen. Wenn jemand schon erkrankt ist und keine intensivmedizinische Betreuung benötig, ist er am besten Zuhause aufgehoben. Dass man ihm dann die Hilfe ins Haus schickt, macht Sinn.

tipBerlin Wie werden Pflegekräfte erfasst, die von einer Covid-19-Erkrankung genesen sind und damit als immun gegen den neuartigen Corona-Virus gelten können? Wäre das überhaupt wünschenswert und umsetzbar?

Reinhard Busse Bisher ist das noch eine Idee. Die Tests werden für die Breitenanwendung entwickelt. Momentan testen wir auf das Virus. Jetzt geht es um Tests, die die Antikörper messen und somit einen Hinweis darauf geben, ob jemand erkrankt war. Erst wenn die auf den Markt kommen, können wir Antikörper-Positive-Tests machen. Und dann könnte man sich sowas vorstellen. Da kommt es natürlich auf die Testkapazitäten an: Wie viel Personen kann ich pro Tag testen? Und dann wäre es denkbar, dass man anfängt Personal in Pflegeheimen und Krankenhäusern zu testen und dann bevorzugt diejenigen dort arbeiten lässt, die schon Antikörper entwickelt haben.


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