Kneipenkultur

Berliner Musikquizze – Wo Nerds und Fans rätseln

Der Finger am Buzzer, die Ohren gespitzt: Regelmäßig treffen sich in Berliner Kneipen musikverrückte Menschen, um Songs an ihrem Intro oder Bandnamen anhand von Bilderrätseln zu identifizieren. Ein Besuch in der Welt der Musikquizze

Ein Saal voller Nerds auf der Suche nach der richtigen Antwort: „Welcome to the Working Week!“ im Posh Teckel in Neukölln. Foto: Donkey

Musikquizze liegen mir nicht. Das weiß ich, seit ich vor Jahren eine Weile das Mittwochsquiz im Madame Claude in Kreuzberg besuchte. Eine sehr informelle Angelegenheit. Songs wurden angespielt, deren Titel oder Künstler man möglichst schnell und laut in den Raum brüllte. Amüsant, aber auch stressig. Selten erkenne ich ein Lied in zwei Sekunden. Und wenn ich es kenne, heißt das nicht, dass ich weiß, wie es heißt oder wer es spielt. Anders mein Freund Torsten und dessen Freund Tim, beide Plattensammler und wandelnde Musik-Enzyklopädien. Mindestens zwei bis drei Mal im Monat sind die beiden in Berliner Bars anzutreffen, um ihre „Inselbegabung auszuleben“ (O-Ton Torsten). Und auf Nachfrage sind sie so freundlich, mich ein paar Wochen lang ins Schlepptau zu nehmen.

Inselbegabung am Werk

Als ich am Dienstagabend beim monatlichen „Sounds Familiar“-Quiz in der Friedrichshainer Kneipe Zur Glühlampe ankomme, sind die Tische der zehn Teams bereits besetzt. Unseres, zu dem mit Yvonne und Carina zwei weitere Quiz-Veteraninnen zählen, heißt „So Wie Immer“. Etwas unambitioniert, verglichen mit der Konkurrenz: Meth Lab for Cutie, Stevie Wonderwall oder auch die Keller Family. Doch hier zählt nicht cleveres Wortspiel, sondern Know-How. Und: „Erste Regel: nicht denken, aufschreiben!“ Das verklickert mir Tim gleich in Runde eins, als mir zu einer Schlagernummer der Name Roland Kaiser in den Sinn kommt, ich ihn aber für mich behalte. Hätte ein Punkt sein können.

Moderator Sascha steht mit Mikro und Laptop hinterm Tresen und wechselt zwischen schriftlichen und Schnellrate-Runden. Für letztere hat jedes Team einen Buzzer. Sascha beschränkt sich aber nicht aufs schnöde Anspielen von Songs. Per Beamer projiziert er Albumcover, Szenenbilder aus Musikvideos und durch Google Translate gejagte Textzeilen auf die hintere Wand. Zum Beispiel: „Ich bin ein brennendes Bildnis / Von allem, was ich einmal war / Du bist mein Stein des Mitgefühls, mein Schatz“. Richtig, das war „Let Me Entertain You“ von Robbie Williams.

Bis zu 25 Stunden verbringe er jeden Monat mit den Vorbereitungen, erzählt mir Sascha. In der Pause blendet er die Punktestände der Teams mittels Säulendiagramm ein. Wir stehen an zweiter Stelle. Mir ist das nicht zu verdanken. Dafür kleben meine Mitstreiter beim Schnellraten mit dem Finger am Buzzer, die Ohren angestrengt in Richtung Lautsprecher gereckt. Carina kennt mehr Mainstream, Torsten und Tim glänzen bei Punk und HipHop ebenso wie bei 60s-Girlgroups und 80s-Pop. Und bei der Themenrunde zum Eurovision Song Contest legt die Keller Family neben uns eine verblüffende Expertise an den Tag. Ich bin dagegen schon froh, einen Song von Fury in the Slaughterhouse zu erkennen. Aber hey, Punkt ist Punkt! Am Ende bleiben wir mit 15 Punkten Rückstand auf Platz zwei. Der goldene Wanderpokal mit mächtigem Notenschüssel obendrauf geht an Meth Lab for Cutie.

Die Mutter aller Quizze

Die Revanche lässt nicht lange auf sich warten. „Manche Leute sind überall“, verriet mir Yvonne schon in der Glühlampe. Und so sitzen am nächsten Donnerstag beim Musikquiz im Pörx in Kreuzberg auch Sascha und Leute vom Meth Lab am Nebentisch. Sie sind heute Horst Commander, wir nennen uns Alter und Aussehen Egal. Der zweistöckige Laden in der Fürbringerstraße ist voll. Selbst am Tresen wird gequizzt. Seit fast acht Jahren betreibt das Ehepaar Sonja und Hermann mit dem Neuseeländer Jacob die englischsprachige Veranstaltung. Sascha nannte sie mir gegenüber „Mutter aller Quizze“.

Ich bin gespannt. Gut organisiert ist das Quiz auf jeden Fall: Zum Einstieg flimmern eine „Introduction“ und ein Countdown über strategisch verteilte Leinwände und Bildschirme. Alle Runden sind schriftlich – vorteilhaft für langsamere Kandidaten wie mich. Meine Beiträge bleiben dennoch überschaubar, während wir Coversongs auf Schweizerdeutsch und Liedertitel anhand lustiger Diagramme erraten müssen. Und was haben zehn Stücke von Künstlern wie Rod Stewart, Foo Fighters und den Super Furry Animals gemein? Torsten tippt richtig: einen Gastauftritt von Paul McCartney.

Nach zehn Runden liegen wir mit 174 Punkten vorne – noch vor Horst Commander, yeah! Die Sieger dürfen Wodka-Shots verteilen. Ich nehme das Tablett mit den Gläsern. Endlich kann ich mich nützlich machen.

Wenige Wochen später hocken wir an einem hohen Bartisch im Posh Teckel in Neukölln. Um uns herum: Poster von Manchester-Bands, volle Tische und – ausnahmsweise kein Zigarettenqualm. Wie Kollege Sascha, hat Dario Adamic seine ersten Moderationserfahrungen im Madame Claude gesammelt. Aber sein Asthma habe ihm die anderen Quiz-Kneipen verleidet, erzählt er mit Bedauern. Jetzt veranstaltet Dario, den alle Adam nennen, jeden Sonntagabend das „Welcome to the Working Week!“-Quiz. Mit Rauchverbot. Die Stimmung ist familiär. Viele der regelmäßigen „Tatort“-Verächter haben sich vom Hundenamen der Kneipe inspirieren lassen: Kirk Dackeles, Big Poodle, Teckel Chance on Me (das sind wir!). Seit 2018 führt Dario sogar ein Jahres-Ranking aller Teams und Spieler. Mit leichteren Fragen für punktschwache Gruppen versucht er aber auch Nicht-Nerds eine Chance zu geben.

Gar nicht so leicht ist es, Joni Mitchell oder Iron Maiden-Frontmann Bruce Dickinson auf Jugendfotos zu erkennen. Auch die von Dario selbstdesignten Bandnamen-Rebusse haben es in sich. Und wie viele Wörter enthält „We Didn’t Start the Fire“ von Billy Joel? Wir liegen mit unserer Schätzung weit daneben. Dafür weiß ich, dass Kevin Spacey in „Under the Sea“ den Sänger Bobby Darin mimte. Und als ein Song der Glam-Grunge-Combo Mother Love Bone läuft, haue ich aufgeregt auf den Buzzer. Zum ersten Mal! Die folgende Bonusfrage? Ein Kinderspiel. Von den anderen Tischen ertönt respektvoller Applaus. Ich bin stolz. Nein, Musikquizze liegen mir immer noch nicht. Als aber Dario uns – das Siegerteam – am Ende für die Facebook-Seite fotografiert, fühle ich mich kurz wie ein Teil der Familie.

Musikquizze in Berlin auf Deutsch und Englisch:

– jeden 3. Dienstag: „Sounds Familiar“, Zur Glühlampe, Lehmbruckstr. 1, Friedrichshain (Anmeldung via Facebook)

– jeden 1. Donnerstag: „Musikquiz Moabit“, Kallasch&, Unionstr. 2, Moabit

auf Englisch:
– jeden letzten Donnerstag: Pörx, Fürbringerstr. 29, Kreuzberg

– jeden Sonntag: „Welcome to the Working Week!“, Posh Teckel, Pflügerstr. 4, Neukölln

– jeden Mittwoch: Madame Claude, Lübbener Str. 19, Kreuzberg

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