bester roadtrip seit „tschick“

Berliner Schriftstellerin: Lucy Fricke

Lucy Fricke hat eine meisterhafte Roadnovel geschrieben, in der es nicht um die Freiheit des Reisens, sondern um das Bei-sich-ankommen geht

Foto: Dagmar Morath

Mit einem entspannten Lächeln sitzt Lucy Fricke an einem sonnig-warmen Apriltag vor dem Datscha Xberg. Vor wenigen Wochen ist ihr neuer Roman „Töchter“ erschienen und mit dem Buch könnte es kaum besser laufen. Wöchentlich fischt Fricke euphorische Mails ihres Verlags aus dem Posteingang, die mit Sätzen wie „Der Vertrieb ist informiert!!!“ enden – ein in der Branche unmissverständlicher Hinweis, dass man auf einen rasanten Anstieg der Buchbestellungen reagieren könne. Grund für solche erwartungsfrohen Botschaften ist der Umstand, dass Frickes Roman „Töchter“ sowohl bei Intellektuellen wie Denis Scheck als auch bei Gemütskritikern wie Christine Westermann einschlägt. „Mehr Glück als ­Denis Scheck und Christine Westermann kann man fast gar nicht haben“, weiß nicht nur die gebürtige Hamburgerin.

Man kann das Glück nennen, vielleicht ist es aber auch einfach nur verdient, denn „Töchter“ ist einer der heitersten und zugleich klügsten Romane der Saison. Erzählt wird er aus der Perspektive von Betty, die zu Beginn nicht wie geplant am vermuteten Grab ihres Lieblingsziehvaters steht, sondern mitten in der „gewaltigsten Touristenhölle auf Erden“.

Einen Anruf später erleichtert sich eine Taube auf ihrem Kopf und sie reist zurück nach Berlin. Dort erwartet sie ihre beste Freundin Martha, die ihren krebskranken Vater in die Schweiz fahren soll, damit dieser dort seinem Leben ein Ende setzen lassen kann. Tatsächlich werden die zwei Frauen mit dem mürrischen Kurt nach Zürich aufbrechen, dort aber nie ankommen. Stattdessen reisen sie durch Südeuropa, halb auf der Suche nach, halb auf der Flucht vor ihren Vätern und ihrer ganz eigenen Geschichte. So dreht sich der Roman um verlassene Töchter und abwesende Väter, um die Sehnsucht nach Liebe und den Wunsch, angenommen zu werden, sowie um gleiche Erwartungen und unterschiedliche Perspektiven.

Die jeweils andere Wahrnehmung der Wirklichkeit hat Fricke an dieser Konstellation besonders fasziniert. „Das ist ein wenig so, wie man das mit den eigenen Eltern auch erlebt. Die wissen schon viel, manchmal auch viel mehr als man selbst, haben aber dennoch von dem Leben, das man führt, zum Teil überhaupt keine Ahnung. Mir war wichtig, dass das hier aufeinanderprallt. Ich wollte, dass die sich ihre Wahrheiten mal ins Gesicht schleudern.“ Und das passiert, auf eine seltsam anrührende und zugleich schonungslose Art und Weise. Etwa wenn der selbstgerechte Ernesto – neben dem leidenden Kurt die zweite Vaterfigur, die an der Wirklichkeit scheitert – seiner neugierigen Tochter entgegenblafft, dass diese doch zu der Generation gehöre, die immer alles wissen wolle, aber dann mit der Wahrheit nicht klarkomme.

Einen Roman zu schreiben, in dem es darum geht, mit der Wahrheit klarzukommen, konfrontiert unweigerlich mit der eigenen Erfahrung. „In dem Buch steckt ziemlich viel drin von dem, was mir in den letzten zwei, drei Jahren durch den Kopf gegangen ist“, räumt Fricke ein. Wie ihre Protagonistinnen hat sie die 40 längst hinter sich gelassen, viel über die großen Themen Kinder, Familie und Karriere nachgedacht und das Scheitern an den eigenen Ansprüchen immer wieder gespürt. „Ich habe versucht, schonungslos zu mir selbst zu sein und gewisse Verletzungen, Unzulänglichkeiten und Ängste auszusprechen.“

Entstanden ist ein so heiter-existenzialistischer Roadtrip, wie es ihn seit Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ nicht mehr gegeben hat. Fricke, die seit Jahren die Lange Nacht junger Literatur und Musik in Hamburg (HAM.LIT) organisiert, in Berlin den KOOK-Verein (siehe auch S. 16) mitgründete und vor drei Jahren mit dem „Wortgarten“ ein Literaturfestival vom Feinsten in der Uckermark auf die Beine gestellt hat, ist mit ihrem vierten Roman der Durchbruch gelungen.

Nicht mit Hoffnung, sondern mit Erwartung wird man ihr nächstes Buch zur Hand nehmen. Vielleicht wird dies der politische Roman, von dem sie träumt, der historisches Bewusstsein aufweist und die Gegenwart seziert. Ein solches Buch brauche viel Zeit, schließlich müsse man „die Komplexität der Welt begreifen“.
Nachdem sie für „Töchter“ die Komplexität des Lebens durchdrungen hat, sollte ihr auch das gelingen.

Töchter von Lucy Fricke, Rowohlt Verlag, 237 S., 20 €