Shopping und Stil in Berlin

Berliner Selbsthilfe-Fahrradwerkstätten

Reifen platt oder Bremsklötze abgenutzt? In Berliner Selbsthilfe-Fahrradwerkstätten lernen Radler die nötigen Handgriffe, um ihr Gefährt wieder fit zu machen

FahrradwerkstattSven Kohlhaas verzichtet zur Begrüßung auf einen Händedruck. Denn Staub und Schmierfett haben seine Finger geschwärzt, schließlich schraubt er schon seit dem frühen Mittag in der „Fahrradklinik“ der Regenbogenfabrik an Drahteseln herum. Mit Auftragsoperationen braucht man dem Azubi der Zweiradmechanik und seinen Teamkollegen aber nicht zu kommen. „Hilfe zur Selbsthilfe“, umreißt Sven das Konzept der von außen kunterbunt angestrichenen Kreuzberger Werkstatt. Soll heißen: Die ehrenamtlich oder auf MAE-Basis tätigen Mitarbeiter geben zwar Hinweise und Anleitungen, im Winter auch ausführliche Kurse. Die Reparatur des eigenen Fahrrads ist dann aber bitteschön selbst zu übernehmen. Dafür kann jede und jeder vorbeikommen, ob mit Plattfuß oder einem gebrochenen Lenker. Voraussetzung sind lediglich „zwei heile Pfoten und ein wenig Geschick“, wie Sven sagt. Eine kleine Stundenpauschale sowie die Kosten für die Ersatzteile wären ebenfalls schön.

Dann kann es aber auch losgehen. In den Räumlichkeiten der früheren Chemiefabrik Albert Carl hängt eine Reihe an Werkzeugen: Schrauben-, Konus- und Drehmomentschlüssel, Zangen, Sägen und Hämmer. Auch eine Standbohrmaschine sowie Zentrierfugierständer und Rahmenhalter stehen herum. In vom Personal gehüteten Schränken befinden sich feingliedrige Instrumente wie Kettenniet-Entferner oder Innenlagerabzieher. Einzig für Karbonräder fehlt es an passendem Gerät, auch Schweißarbeiten sind für Gäste nicht möglich. Für den Austausch geborstener Teile lohnt sich der Gang in das Materiallager. Bremsen, Ritzel, Naben und Pedale, Schaltungen, Gabeln, Lenker-stangen und Lichtanlagen – es scheint fast alles zu geben. Von Mänteln und Laufrädern in diversen Größen ganz zu schweigen. Vieles ist gebraucht oder gespendet, einiges neu angeschafft. Für ganz spezielle Fälle nimmt die Werkstatt auch Bestellungen auf oder man bringt das betreffende Teil kurzerhand selbst mit.

FahrradwerkstattIm Frühling und Sommer herrscht in der Werkstatt schnell Hochbetrieb. „Da sind hier dann zehn Leute, draußen im Hof noch mal zwanzig“, sagt Sven. An solchen Tagen sei es daher besser, sich vorher kurz telefonisch nach freien Plätzen zu erkundigen.
Aber wenn hier alle selbst Hand anlegen, woher kommen dann eigentlich Ihre schwarzen Finger, Herr Kohlhaas? „Wir bauen Räder wieder auf, natürlich nach StVO“, erklärt er sich. Die kommen dann in den hauseigenen Verleih oder sind für schmales Geld verkäuflich. Wer will, kann sich sein Gefährt aber auch von Grund auf selber neu zusammenschrauben. Im Keller sind dafür eine Handvoll polizeilich gecheckter Rahmen eingelagert. Sven zeigt auf ein eingestaubtes Damenfahrrad der Marke „Weltrad“. Schwarz, mit elegant geschwungenem Lenker und einer großen runden Lampe. „Das ist aus den Dreißigern“, sagt Sven. Aufgebaut wird das Rad bestimmt mal toll aussehen.

Text: Roy Fabian

Foto: David von Becker


Regenbogenfabrik Lausitzer Str. 22, Kreuzberg, Mo-Do 13-18 Uhr (Mi nur für Mädchen & Frauen, Do nur für Kinder), Fr 11-17 Uhr, Tel. 69 57 95 15, Kosten: 3 Ђ/Stunde zzgl. Material, www.regenbogenfabrik.de

ADFC Berlin Brunnenstr. 28, Mitte, Öffnungszeiten für Nichtmitglieder: Mi + Fr 17-20 Uhr, für Mitglieder Mo-Fr 12-20 Uhr, regelmäßige Kurse (ab 10 Ђ für Nichtglieder), Kosten: Material, Spenden willkommen, Tel. 448 47 24, www.adfc-berlin.de

HubSchrauber (Werkstatt an der HU, offen für Studenten + Mit-arbeiter der Berliner Hochschulen), Geschwister-Scholl-Straße 7, Mitte, Werkstatt-Tel: 20 93 41 69, Mo+Do 16 – 18 Uhr,  Fr 18.30 – 20 Uhr, Kosten: Material, Spenden willkommen, http://www.refrat.hu-berlin.de/hubschrauber/main.php

Bürgerhaus Pankow e.V. Berliner Str. 24, Pankow, Di+Do 10 – 18 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung: Tel. 475 84 72, Kosten: Material, Spenden willkommen, es gibt auch professionelle Reparierer vorort, www.buergerhaus-ev.de

FAHRbar (Selbsthilfewerkstatt im Jugendklub Schlupfwinkel), Kaiserin-Augusta-Allee 98-100, Tiergarten, Mo-Fr 14-18 Uhr (im Sommer), Stadtschloss Moabit, Rostocker Str. 32, Tiergarten, Di 14.30-17.30 Uhr, Spenden willkommen, Tel. 37 30 56 92, www.moabiter-ratschlag.de

unirad (Werkstatt an der TU), Einsteinufer 25, Charlottenburg, Di 18-20 Uhr, Kosten: Material, Spenden willkommen, Benutzung des Raumes 1 EUR, es ist auch Ausleihe möglich (10 EUR/Woche) http://user.cs.tu-berlin.de/~uniradpw/cgi-bin/yawps/index.cgi

Mobile Fahrradwerkstatt
Hilfe zur Selbsthilfe. Nach Absprache kommen die Helfer vor Ort und unterweisen vor allem Kinder bei der Instandhaltung Ihrer Fahrräder. Kontakt: Tel: 030 8090 2259 

Velo-fit
Fahrradwerkstatt, in der Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren Fahrräder reparieren und verkaufen. So sollen sich die Kids in ihrer Freizeit sinnvoll beschäftigen, im Team zusammenarbeiten und sich auf eine Sache konzentrieren lernen. Das Angebot wird von sozialpädagogischen Fachkräften und Handwerkern betreut. Immer donnerstags können Kinder und Jugendliche vorort ihr eigenes Fahrrad reparieren.

Zossener Straße 5, Kreuzberg
Öffnungszeiten: Mo-Do 15 – 19 Uhr

 

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