Buchbranche

Berliner Verlagspreis geht an den Wagenbach Verlag

Diskurs und Nischen: Bei der Premiere des neuen Berliner Verlagspreises gewann der Verlag Klaus Wagenbach – die Verleihung war eine Feier der Buchkultur

Foto: Isabella Caldart

Stolze 75 Bewerbungen gab es für den ersten Berliner Verlagspreis, ein klares Zeichen dafür, welche Bedeutung die Stadt als Literaturstandort hat. Es war an der Zeit, dies auch auf politischer Ebene zu fördern, was mit dem neu ins Leben gerufenen Verlagspreis endlich geschehen ist. Acht Verlage kamen auf die Shortlist, die die Vielfalt der hiesigen Szene widerspiegeln: vom jungen Verlag für junges Publikum über Lyrik, Graphic Novels zu politischen Verlagen und jenen, die sich auf „tote Autoren“ spezialisiert haben.

„Wir haben darauf geachtet, dass die nominierten Verlage programmatisch stark sind, ganz gleich, ob sie Vielfalt präsentieren oder sich spezialisiert haben“, sagt Katharina Hesse, die gemeinsam mit Gunnar Cynybulk (Ullstein Buchverlage), Barbara Schneider-Kempf (Staatsbibliothek), Dirk Knipphals („taz“) und Christiane Fritsch-Weith (Buchladen Bayerischer Platz) die Jury bildete. Als Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst habe sie persönlich zudem eine hohe Qualität bei Gestaltung und Herstellung interessiert. Doch wozu braucht es diesen Preis überhaupt? „Es gibt eine bunte Vielfalt an interessanten kleineren Verlagen, die wirklich tolle Arbeit leisten, es aber schwer haben, wahrgenommen zu werden“, sagt Hesse. „Der Preis soll mehr als nur das Preisgeld selbst sein: Wir hoffen, dass über die Verlage gesprochen wird, vor allem über jene, die nicht so bekannt sind.“

Studiert hatte die Jury von den Verlegerinnen und Verlegern ausgewählte Bücher und die Vorschauen der letzten zwei Jahre. Neben Inhalt und Optik wurde auch darauf geachtet, dass junge Autoren gefördert und zugleich den Verlagsautoren die Treue gehalten wird.

Bei der Preisverleihung am 11. November im Deutschen Theater wurde der Wagenbach-Verlag mit dem Hauptpreis (35.000 Euro) ausgezeichnet, den mit jeweils 15.000 Euro dotierten Förderpreis erhielten der Verlag Reprodukt und das Verlagshaus Berlin – also ein „dezidiert linker“ Verlag, wie Wagenbach-Chefin Susanne Schüssler betont, ein Graphic-Novel-Verlag und ein Lyrikverlag.

Susanne Schüssler sei ein fundamentaler Bestandteil des Wagenbach’schen Erfolgsrezepts, wie Barbara Schneider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek, in ihrer Laudatio auf den Verlag sagte (und nebenbei verriet, dass das Archiv des Wagenbach Verlags in der StaBi zu finden sei). Schüssler habe es geschafft, „die Qualität in der zweiten Generation“ zu wahren. Sie führe das Geschäft kongenial fort und habe zugleich den Geist neu belebt, so die Begründung der Jury. Das zeige sich im Programm, denn das sei ebenso „diskursstark“ wie „subtil argumentiert“ – „so stellt man sich Buchkultur vor“.
Zu den größten Erfolgen der jüngeren Verlagsgeschichte gehört der Roman „Alle, außer mir“ von Francesca Melandri, das erst kürzlich zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen gekürt wurde. Die Autorin, die zuvor bei einem Konzernverlag veröffentlicht hatte, habe sich, da sie eine intensivere Betreuung gewünscht habe, bewusst für Wagenbach entschieden, so Susanne Schüssler. Und sie erzählt, dass dieser mit 70.000 verkauften Exemplaren große Erfolg in Melandris Heimatland Italien ein Flop war. Dort gingen nur 5.000 Bücher über den Ladentisch. Irgendwas hat Wagenbach also goldrichtig gemacht.

Bei den Preisträgern der Förderpreise ist die Laune natürlich ebenfalls bestens. Stellvertretend für die Jury nennt Christiane Fritsch-Weith mehrere starke Titel des Reprodukt Verlags, darunter die beiden erfolgreichen Graphic Novels „Unerschrocken“ von Pénélope Bagieu, die außergewöhnliche Frauen porträtieren. Gunnar Cynybulk zitiert unterdessen das Motto des Verlagshauses Berlin, „Poetisiert euch!“, um seiner Überzeugung Nachdruck zu verleihen, Gedichte könnten die Welt verbessern.

Verlegen sei „künstlerisches und politisches Handeln“, sagte denn auch der Verleger und Lektor Jo Frank. „Wir waren zuversichtlich, dass wir gewinnen“, so Frank, „weil wir an unsere Arbeit und an die Lyrik als Form glauben“. Er freue sich über die Botschaft, die die Wahl der drei Preisträger aussende: „Das ist super: Drei Verlage aus unterschiedlichen Nischen, die politisch aber eindeutig positioniert sind, haben gewonnen.“

Der Berliner Verlagspreis zur Förderung der hauptstädtischen Kultur wird nächstes Jahr in eine zweite Runde geben. Auch bundesweit gibt es Neuigkeiten: Wenige Tage vor der Preisverleihung wurde bekannt, dass der neu geschaffene Deutsche Verlagspreis mit 1,5 Millionen Euro dotiert sein wird. Eine Konkurrenz zum Berliner Verlagspreis? Mitnichten. Oder, um es mit den Worten der Jurorin Katharina Hesse auszudrücken: „Das eine stört das andere nicht. Der Deutsche Verlagspreis ist ein Bonbon.“