Stadtleben und Kids in Berlin

Berlins Comic Zeichner

Futuristische Megastädte und Helden mit übernatürlichen Kräften sind nicht ihr Ding. Berlins Comiczeichner lassen sich lieber von eigenen Erlebnissen inspirieren – und von den alltäglichen Zumutungen und Kompliziertheiten der W­elt, die sie umgibt. tip-Autorin Katja Lüthge hat sich das Treiben der Berliner Zeichenkünstler ganz genau angeschaut. Dabei ist sie auf eine erstaunliche Vielfalt an Themen und Stilmitteln gestoßen. Und auf einen Willen zur Kunst, der typisch für diese Stadt zu sein scheint

Ulli Lust Selbstportrait„Ich habe schon Angst, dass meine Eltern das Buch sehen werden“, sagt Ulli Lust in charmantem Österreichisch. Die Angst der Comic-Künstlerin ist absolut
nachvollziehbar. Es gibt Erlebnisse, die sie selbst ihren engsten Freunden „nie, nie, nie“ erzählt hat. Dinge, die auch mit 20-jährigem Abstand noch zu unangenehm sind. Zum Beispiel die Geschichte, wie sie als 17-jähriger Punk von zu Hause wegläuft, mit einer Freundin ohne Papiere nach Italien trampt, dort zunächst heiter Sex & Drugs & Rock’n’Roll lebt, bis eine Vergewaltigung den Trip in einen Albtraum verwandelt.

Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens“ hat Ulli Lust ihre autobiografische Geschichte genannt, ein auf 400 Seiten angelegtes Werk, das im Sommer beim Avant-Verlag erscheinen wird und bisher kapitelweise auf electrocomics.de zu lesen ist. Obschon es sich um ihre eigene Geschichte handelt, hat die Zeichnerin ein distanziertes Verhältnis zur jungen Protagonistin. „Ich bestehe darauf, dass das eine vollkommen andere Person ist! Es wäre sonst zu peinlich gewesen. Aber es war so ein saftiger Stoff mit einer perfekten Dramaturgie. Und als Autorin sind für mich die schlimmsten Erlebnisse jetzt gerade die besten.“ So ist es. Die Wahrhaftigkeit, mit der sie ihre Teenagertaten beschreibt, wirkt sogartig. Hier zeigt sich auf gelungene
Weise die Besonderheit des Comics: Durch Sprechblasen, Gedankenblasen, Zwischenräume und Bilder ermöglicht er die gleichzeitige Darstellung unterschiedlichster Wahrnehmungen und Stimmungen auf einer Seite. Der Comic-Entwicklungsroman ist Lusts erste autobiografische Arbeit, bisher hat sie vor allem ihre mal absurd, mal ironisch scheinenden Beobachtungen des Berliner Alltagslebens zwischen Laptop und Hartz IV veröffentlicht, die in „Fashionvictims, Trendver­ächter“ hübsch gesammelt vorliegen.

Es ist manchmal schwer zu glauben, aber die Autorin versichert, dass sie bei ihren
Reportage-Comics nichts dazuerfindet. „Ich spitze die Situation lediglich zeichnerisch zu.“ Lust war bereits Kinderbuchillustratorin, als sie zum Studium an die Kunsthochschule Weißensee kam. Sie zeichnet seither nur noch für Erwachsene. Ganz eindeutig gilt dies für ihre erotischen Comics „Springpoem“, in denen eine sehr schöne Frühlingsgöttin erwacht und – „definitiv nicht autobiografisch!!!“ – über Mensch, Mann und Tier herfällt, und die ebenfalls auf electrocomics.de zu bewundern sind. Das Webcomicportal ist ein weiteres Projekt von Ulli Lust, mit dem sie ausgewählten internationalen Comic-Künstlern die Möglichkeit bietet, ihre Arbeiten einer theoretisch grenzenlosen Leserschaft vorzustellen. Aufgrund des freiwilligen Bezahlmodus ein finanziell indes zu optimierendes Unternehmen. Denn das Dasein als Comic-Künstler ist vielleicht sexy, reich macht es leider nicht.

Metro Comic by Marie Sann
Wenigstens letzterer Aussage dürften alle Zeichner und Zeichnerinnen, Verleger und assoziierte Comic-Arbeiterinnen zustimmen, die wir für diese Geschichte getroffen haben. Zeichner mithin, die nicht im Auftrag für bestehende Serien arbeiten, sondern ihre Themen selbst setzen und, bis auf die Ausnahme Manga, vollkommen frei sind bei der Wahl ihrer stilistischen Mittel. So schön dieses Arbeiten ist, das eben auch ein großes Maß an Freiheit und lebensweltlichen Bezügen zulässt, es erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Bescheidenheit. Der Arbeitsaufwand ist im Verhältnis zum finanziellen Ertrag idiotisch hoch und kann nur mit der Liebe zum Medium erklärt werden.

Ein Wille zur Kunst, der für Berlin ja typisch zu sein scheint. So ist die Stadt trotz der überschaubaren Einkünfte und der Ignoranz durch die offizielle Kulturpolitik für nationale und internationale Comic-Zeichner attraktiv. „Ich mag den räudigen Charme der Stadt“, begründet etwa Ulli Lust ihren Umzug von Wien nach Berlin. Angesichts der entbehrungsreichen Existenzen ist es erfreulich zu sehen, wie spannend die Berliner Comic-Szene ist. Eine Beson­derheit, die nicht zuletzt mit dem Mauerfall zusammenhängt, der wie eine Frischzellenkur wirkte. Auf ganz unterschiedliche Weise haben vor 20 Jahren Künstler wie Anke Feuchtenberger oder Atak – beide im Übrigen heute als Dozenten außerhalb Berlins tätig – dem Comic neue gestalterische Impulse gegeben. Feuchtenberger repräsentiert dabei einen akademischen Zugang, der für nachfolgende Zeichnerinnengenerationen stilbildend war. Atak steht bei aller Kunstfertigkeit eher für eine schnodderigere Jugendkultur und Fanzine-Comic-Sozialisation. Ein funktionierendes Überbleibsel die­ser Aufbruchtage sind das Publikationsorgan „Renate“ und die gleichnamige Comic-Bibliothek in der Tucholskystraße…


Text
: Katja Lüthge

Comics
: Ulli Lust, Marie Sann

 

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