Essen & Trinken in Berlin

Berlins Geheimküchen

Hobby- und Profiköche arbeiten im Verborgenem. Dadurch sind zahlreiche kulinarische Adressen entstanden, die nach eigenen Spielregeln funktionieren

geheimUnd so funktioniert der Genuss 2.0. Sehr kurzfristig verrät erst eine E-Mail am Abend vorher, wo das Ereignis stattfindet. „Bitte kommt in den 2. Hinterhof und klingelt bei XY.“ Getränke können selbst mitgebracht werden oder sind im Preis enthalten, wie das abendliche Menü dann konkret aussieht, wird auch via Mail verschickt und später auf dem Blog platziert, als Anreiz für neue Gäste. Man kommt zusammen, lernt sich kennen und spricht über das, was einen verbindet, nämlich gutes Essen. Zwischen Vorspeise und Dessert entwickelt sich ein unkompliziertes Gespräch, obwohl man sich gerade erst kennengelernt hat. Lindsey zum Beispiel beschreibt an diesem Abend die große, etablierte Supperclubszene in London, Matz erzählt von seinen jüngsten Skandinavien-Eindrücken und Julia ein wenig von ihrem Privatleben und dem anstehenden Familienweihnachtsstress. Meist finden diese Gespräche in einem, die Bezeichnung babylonisch wäre übertrieben, aber in einem deutsch-englisch-internationalen Sprachwirrwarr statt.

Guerilla-Dinner ist nur eine Umschreibung für diese Art der fast konspirativen Zusammenkünfte. Im internationalen Vergleich liegt Berlin bei dieser kulinarischen Partisanentaktik eher auf den hinteren Rängen. Wer die Supperclubs erfunden hat? London tut so, als ob es die erste Stadt war, für New Yorker ist es völlig klar, dass es ihre Erfindung ist. Und dort findet der hungrige Gast den Weg zum Essen manchmal durch die Hintertür eines heruntergekommenen Friseurladens. Haute Cuisine im Hinterhof, das gibt es auch in Berlin, im zweiten Hof hinter dem The Westin Grand, da kocht Stephan Hentschel im Cookies Cream beste vegetarische Küche.

geheimCaroline und Tobias vom Thyme Supperclub sind keine Profiköche. Sie kochen einfach gerne und freuen sich über neue Bekanntschaften. In ihrer Wohnung im Winsviertel im Prenzlauer Berg laden sie bis zu 18 Gäste zu ihrem Supperclub ein. Bevor sie angefangen haben, besuchten sie selbst den Loterнa Supperclub von Rosemary. Rosemary kommt aus Santiago in den USA und ist schon in der Kindheit immer mit Gästen im Haus aufgewachsen und hat so diese Art der Geselligkeit früh kennen und lieben gelernt. Aus dieser Zeit stammt auch das einzige Kochbuch, das sie benutzt. Jetzt, zum Studieren in Berlin, sucht sie über ihren eigenen Loterнa Supperclub neue Bekanntschaften. Mit Erfolg. Manche, die als Gäste kamen, kommen als Freunde und helfende Hände das nächste Mal wieder. Alles ist mit viel Liebe angerichtet, mit Aufwand gekocht, wird mit großer Sorgfalt angerichtet. Den Chili haben ihre Eltern aus Kalifornien mitgebracht. Sonst lässt Rosemary sich nicht nehmen, alles selbst in ausgewählten Geschäften und auf Märkten einzukaufen. Auch stellt sie jeden Wein vor jedem einzelnen Gang vor. Die abschließenden Margaritas sind, wie sie der Vater stets machte, stark und selten endet so ein geheimes Treffen vor drei Uhr nachts.

Auch zum Private Dining Club des Private Roof Clubs kommt man nur mit Einladung. Hier wird neben dem Essen auch ein kleines Rahmenprogramm geboten. Elisabeth zeigt Zeichnungen, Otto und Sabine sorgen fürs Essen und Brian spielt Gitarre. Ob solche privaten Orte eine Genehmigung benötigen? Spätestens nach ein paar Gläsern Wein, den ersten Gängen und lockeren Gesprächen haben auch die letzten Bedenkenträger festgestellt, dass es sich um ein Essen handelt fast wie zuhause, mit Menschen, die schnell zu Bekannten und manchmal eben zu Freunden werden. Umsonst ist der Spaß selbstredend nicht, aber bezahlt wird diskret am Ende des Abends und meist decken die Einnahmen gerade so die Ausgaben der Gastgeber.
Einige der Berliner Pioniere eröffnen nach einiger Zeit einen professionellen Restaurantbetrieb. Stephan Landwehr und Boris Radczun haben zum Beispiel, lange bevor sie das Grill Royal eröffneten, in einem Kreuzberger Hinterhof privat für Freunde gekocht. Aber auch umgekehrt funktioniert das mit den Köchen. Manche lassen nach langer Erfahrung in Spitzenküchen den stressigen Profibetrieb hinter sich. Wolfgang Müller, Ex-Chef vom Horvбth, zum Beispiel. Der kocht inzwischen zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten für Freunde und gute Bekannte.

Text: Sonja Süß
Foto: Cathrin Bach/HIPI

ADRESSEN:

Loteria-Supperclub http://loteriasupperclub.blogspot.com

Thyme-Supperclub www.thyme-supperclub.de

Fisk & Gröönsaken http://groonsaken.wordpress.com

The Shy Chef www.theshychef.wordpress.com

Casual Dining www.cdsupperclub.blogspot.com

Metti una sera a cena http://mettiunaseraacena.wordpress.com

Travels with my fork http://twmfsupperclub.moonfruit.com

Private Roof Club www.privateroofclub.com

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