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Berlins Infrastruktur für Fahrradfahrer ist marode

strasse_berlin.Wer in Kreuzberg als Mann mit dem Rad unterwegs ist, riskiert entweder, auf dem Kopfsteinpflaster seine Zeugungs-fähigkeit einzubüßen, oder läuft Gefahr, mit auf dem Gehweg campierenden Touristen zu kollidieren. Letzteres kann einem freilich auch als Frau passieren und die permanente Vibration durch das unebene Pflaster erweist sich ja auch dann als störend, wenn nicht gleich die Fertilität auf dem Spiel steht. Wahlkreuzbergerin Tine F. ist passionierte Radfahrerin. Fast jeden Tag bahnt sie sich ihren Weg durch den Großstadtdschungel, und auch, wenn Berlin insgesamt eher fahrradunfreundlich sei, komme man doch immer irgendwie von A nach B. „Berlin ist ja eine eher anarchische Stadt und so wie das Leben hier gestaltet sich auch das Fahrradfahren. Man schlängelt sich halt so durch.“ Doch obwohl gerade das Formlose den Reiz der Stadt ausmacht – eine bessere Infrastruktur, mehr Radwege, Streifen und Stellplätze wünscht Tine sich trotzdem.

Stefan Gelbhaar, verkehrspolitischer Sprecher der Berliner Grünen und gebürtiger Friedrichshainer, streitet seit Jahren für eine bessere Infrastruktur des Radverkehrs, ist aber der Auffassung, seine Stadt bekomme hier kaum ein Bein vor das andere. „Ich hab das mal ausgerechnet“, sagt Gelbhaar, „wenn wir die Hauptverkehrsstraßen weiter in dem Tempo mit Fahrradstreifen und Fahrradwegen ausstatten, wie es der Senat tut, dann brauchen wir noch 80 Jahre.“ Gelbhaar bewirbt das Projekt „Fahrradstraßennetz Berlin“, das die 17 in Berlin versprengten Fahrradstraßen – auf denen mit dem Auto ausschließlich An-lieger mit Tempo 30 fahren dürfen – zu einer durchgängigen Route verbinden soll.

Auch Christian Gaebler (SPD), Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, nennt als ein grundsätzliches Ziel der „Radverkehrsstrategie“, ganz Berlin mit Fahrradrouten auszustatten – einschließlich der Randbezirke, denn dort sei bisher deutlich weniger passiert als in der Innenstadt, wo man den steigenden Radverkehrszahlen infrastrukturell bereits Rechnung trüge. Ferner setzt er den -Fokus auf größere Stellplätze nicht nur in Bahnhofsnähe, sondern auch in den Quartieren selbst. Ein durchgängiges Fahrradstraßennetz, wie es die Grünen fordern, hält Gaebler aber für falsch. Das ginge an den Bedürfnissen der Radfahrer vorbei, denn die meisten wollten kein Extranetz, sondern als gleichberechtigte Akteure im normalen Straßenverkehr wahrgenommen werden.

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Dass mehr passieren muss, darüber gibt es einen Konsens, über das Wasgenau wird gestritten. Eva Maria Scheel, Berliner Landesvorsitzende des ADFC, lobt die Radverkehrsstrategie des Senats von 2013 zwar als „Meilenstein auf dem Weg zu einer fahrradgerechten Infrastruktur“, aber wenn die Haushaltssperre des Abgeordnetenhauses nicht aufgehoben werde, sei alles Makulatur. Die Ansätze – offizielle verkehrspolitische Gleichberechtigung des Fahrrads, Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht, mehr Routen, Stellplätze und Fahrradampeln – seien zwar lobenswert, aber ohne einen größeren Etat würden die meisten Projekte stagnieren. Auch Stefan Gelbhaar lobt die Radverkehrsstrategie, meint aber, es hapere am politischen Willen, Geld auszugeben.

Christian Gaebler protestiert, ADFC und Grüne würden immer nur auf die lediglich sieben Millionen Euro Sondermittel schauen, die explizit für die Radverkehrsinfrastruktur ausgewiesen seien. Zusätzlich gebe es aber noch einen Etat von 60 Millionen Euro für Straßeninstandsetzung, der auch den Rad-fahrern zugutekomme. Auch die immer wieder angemahnte Orientierung an Städten wie Münster und Kopenhagen findet Gaebler problematisch. Zum Beispiel ließe sich aufgrund der polyzentrischen Struktur Berlins nicht so leicht ein Betreiber für einen rentablen, großen Stellplatz finden, während der in der Kleinstadt Münster natürlich am Hauptbahnhof postiert sei. „Und das Kopenhagener Modell ist aus einer bestimmten Tradition heraus gewachsen. Wir schauen uns das an, aber grundsätzlich muss Berlin seinen eigenen Weg finden.“ Nun, da hat Berlin etwas gemeinsam mit Radfahrerin Tine F., die auch ihren eigenen Weg findet, jeden Tag, zwischen Kopfsteinpflaster und Touristen, halb sanierten Wegen und im Hauptverkehr endenden Fahrradstraßen.

Text: Christoph David Piorkowski

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