Trinkkultur

Berlins spannendste Bar – Das Velvet

Brutal-Lokales aus dem Geschmackslabor: Im Velvet sind die Übergänge buchstäblich fließend. Auf einige Drinks in Berlins aktuell spannendster Bar

Foto: Clemens Niedenthal

Prinzessinnengarden heißt dieser Drink. Benannt nach dem Ort, an dem Ruben Neideck die Kräuter einsammelt, einen Teil davon dann in heißem Wasser blanchiert und die übrigen zum Trocknen an die Leine hängt. Die blanchierten Kräuter kommen in die Zentrifuge, werden beim Vierfachen der Erdanziehungskraft ausgewrungen. Kulinarisch richtiger: geklärt. Was bleibt, das ist die pure, intensive Kräuteressenz. Zugegeben, so eine Zentrifuge an sich ist noch nichts Ungewöhnliches in Berlin – nur steht sie gemeinhin in Apotheken oder im Chemielabor. Und wer das jetzt für ziemlich viel technologischen Aufwand hält, sollte noch bleiben bis Ruben Neideck die elektrische Motorsäge anwirft und die Eiswürfel für den Abend vorkonfiguriert.

Nun ist es nicht so, dass spektakuläre Barkonzepte in Berlin nicht zuletzt auch spektakulär gescheitert wären. Das opulente Lost in Grubb Street hat die komplizierte Idee, den Punsch wieder in der gehobenen Trinkkultur zu etablieren, nach nicht einmal einem Jahr aufgegeben. Und in der Bryk Bar in der Rykestraße hat sich die neue Barchefin Cordula Langer recht entschieden von den geschäumten Sellerie- oder Meerrettich-Schoko-Toppings ihres Vorgängers getrennt.

Indes: Im Velvet geht es zuallerletzt darum, mit extrovertierten Geschmacks­erlebnissen aufzufallen. Radikal ist hier wenig, dafür ist das meiste radikal gut. Und vor allem: radikal vom Produkt und seiner Regionalität und Saisonalität her gedacht. Sauerampfer statt Ananas. An der Wand im Bar-Labor gleich hinter dem Gastraum hängt dementsprechend ein Ernteplaner. Jetzt im Juli kommen die Beerenfrüchte und die Erbsen ins Glas, im März klafft eine Lücke. Zum Glück, so Neideck, der zuletzt die Bar im Ora am Oranienplatz geleitet hat, „funktionieren bestimmte Techniken der neuen Lokalküche, die Fermentation etwa, an der Bar aber genauso gut.“ Mit dieser Perspektive sind Ruben Neideck, Filip Kaszubski und Damien Guichard, die drei Bartender, die das Velvet gleichberechtigt führen, tatsächlich näher dran an der brutal-lokalen Küche eines Nobelhart & Schmutzig oder eines Einsunternull als an der noch immer statusproduktorientierten Barkultur. Auch wenn ein zeitgeistiger Status-Gin wie der gehypte Monkey47 vermeintlich auch das Regionale feiert.

Apropos: Mit dem Einsunternull und dem Nobelhart & Schmutzig teilt sich die Velvet Bar auch einen Lieferanten: Olaf Schnelle, den Gemüseversteher aus Mecklenburg. Tatsächlich ist das Velvet die erste Bar, die mit Schnelles Gemüse arbeitet. Und eigentlich hatte der für seine alten Sorten und Wildkräuter bekannte Betrieb gar ­keine Ressourcen mehr für weitere Kunden: „Das Gute ist aber“, so Ruben Neideck, „dass es uns um die Aromen und nicht um die Nährstoffe geht. An der Bar braucht man von einem Produkt also viel kleinere Mengen als in der Küche.“
Klar war das Velvet auch schon vorher ein passabler Laden. Und eine gute Bar. Der neue Miteigentümer Robert Havemann aber – in der Arminiushalle in Moabit hat er gerade erst das wunderbare elsässische Restaurant Rosa Lisbert und das ziemlich authentische, mexikanische Lucha Libre realisiert – wollte mehr sein als eine veritable Kiezgröße. Er wollte eine Bar, die Standards setzt,

ohne dass man ihr das bei jedem Schluck anmerken muss. „Da erdet uns schon auch der Neuköllner Kiez“, sagt Filip Kaszubski, „wir wollen alle abholen, die Lust auf einen handwerklichen Drink haben. Wohin die Reise dann geht, da ist das Ende offen.“

Zehn Euro kostet etwa der fabelhaft kräutergrüne Prinzessinnengarden. Genauso der ungeheuer klare Maiwipfel Milk Punch, für den die alte Trinkkulturtechnik der Milchfiltration (der Drink wird durch ein Tuch filtriert, wobei die ausflockende Milch selbst den eigentlichen Filter bildet) wiederbelebt worden ist. Faire Preise, gemessen daran, dass auch im traditionell trinkfreundlichen Berlin jeder Whiskey Sour oder Gin Tonic von der Stange längst acht Euro kostet.

Überraschend viele Frauen hätten das Velvet in den ersten Wochen besucht. Was, zugegeben, auch an den drei Barkeepern liegen kann. Eher aber wohl daran, dass hier in der Ganghoferstraße ein ­typisches Barprinzip ausgehebelt worden ist: Im Velvet geht es zuallerletzt um eine nerdige ­Kennerschaft, sondern darum, Geschmäcker, Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln. Um den lustvollen Rausch geht es natürlich auch.

Velvet Ganghoferstr. 1, Neukölln, Mi-Sa ab 20 Uhr, www.facebook.com/velvetberlin

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