Funky Fisch

Berlins umtriebigster Gastronom: Duc Ngo eröffnet das Funky Fisch in der Kantstraße

Der Koch Duc Ngo macht jetzt auch ein Fischrestaurant, mit uns spricht er über die Suppen seiner Kindheit, das McDonalds in der Clayallee und die Renaissance des alten Westens

Foto: Clemens Niedenthal

Eigentlich hatten wir uns daran gewöhnt, dass es in Berlin kein wirklich internationales Fischrestaurant gibt. Klar, es gibt den Steinbutt von Christian Lohse, den Aal von Dylan Watson, es gibt Ceviche und viele Läden, die wirklich starke maritime Teller machen. Aber ein Fischrestaurant wie in Marseille oder Lissabon, mit offener Auslage und einem Carpaccio, das direkt hinter der Fensterfront mit sehr scharfen japanischen Messern aufgeschnitten wird: Duc Ngo hat jetzt so einen Laden eröffnet, das wunderbar selbstverständliche Funky Fisch in der Kant-, Ecke Schlüterstraße. Schon wieder Duc Ngo (42), mag man sagen. Schließlich ist es nach Madame NGO, dem 893 Ryōtei und dem Golden Phoenix bereits die vierte Neueröffnung des Kuchi-Gründers in den vergangenen zwei Jahren. Für Ngo, der als Fünfjähriger als Boatpeople aus Vietnam nach Berlin gekommen ist, sind diese Läden auch eine Heimkehr in den neuen alten Westen, den Kiez seiner Kindheit. Und warum ein Fischrestaurant? „Proteine + Salz = Umami“. Duc Ngos Gleichung bleibt nichts hinzuzufügen.

tip Duc Ngo, das Funky Fish ist Ihr elfter ­Laden, der neunte in Berlin. Und doch schmecken wir eine Premiere: Sie haben ein mediterranes Fischrestaurant gemacht …
Duc Ngo Am Anfang wollte ich Chicken and Beer machen. Das alte Kant Café, die große Terrasse, ein leckeres, schnelles Ding. Aber nach den ersten Abkratzarbeiten kam plötzlich diese typische Kassettendecke aus den 1960er-Jahren zum Vorschein. Nach mehr und mehr Abkratzen und mehr und mehr Entrümpeln haben wir gemerkt, wie schön dieser Laden ist. Das ist ja fast ein Aquarium mit der umlaufenden Fensterfront. Na gut, hab ich gedacht, da kann ich jetzt kein Chicken and Beer mehr reinsetzen.

tip Der Raum definiert die Speisekarte?
Duc Ngo Klar musst du eine Idee haben. Aber dann gehst du in den Raum und wenn du merkst, das passt nicht – dann werfe ich auch mal das ganze Konzept um. Hier fiel es uns buchstäblich wie Schuppen von den Augen: Dieser Raum will ein Fischrestaurant sein. Und ich wollte eh schon immer einen mediterranen Fischgrill machen. Ganze Fische sichtbar in der Auslage, puristische, klare Rezepte.

tip Duc Ngo, der Traditionalist?
Duc Ngo So ist es eben mit mir und dem Essen. Klar will ich zeitgenössisch sein, aber wenn ich eine norddeutsche Fischsuppe koche, dann ist das die nordeutsche Fischsuppe meiner Kindheit, wo die alten Damen im Kindergarten so eine Suppe gekocht haben. Natürlich veredeln wir das, nehmen bessere Produkte, aber es bleibt eine Verneigung vor dieser Tradition.

tip Deshalb auch Fisch und nicht Fish?
Duc Ngo Deutsch, na klar. Funky ist funky. Und Fisch ist eben meine Sprache, das habe ich zuletzt immer intensiver gemerkt. Für mich waren die letzten zwei Jahre mit letztlich fünf Neueröffnungen in Berlin ja auch eine Reise Back to the Roots, zurück nach Charlottenburg, wo ich aufgewachsen bin. Zuvor hatte ich 13 Jahre in Mitte gelebt, dann eineinhalb in Frankfurt – und die meiste Zeit davon hätte ich nicht gedacht, dass ich nochmal in den alten Westen zurückzukommen würde …

tip Sie weigern sich standhaft, ein reines Fine-Dining-Konzept zu machen, sei es als Gesellschaftslokal oder als Gourmet-Adresse. Auch im Funky Fisch gibt es den ganzen Fisch schon ab zwölf Euro …
Duc Ngo … weil ich nicht der Typ dafür bin. Ich kann mich schon gut auf Gäste einstellen, ich bin überhaupt sehr flexibel, was sicher auch mit meiner Biografie zusammenhängt. Aber es wäre nicht mein Ding. Ich möchte immer unter Gästen sein, die total durchmischt sind, total ehrlich. Es soll von allem etwas dabei sein. Das merkt man ja selbst im 893 Ryotai, obwohl der Laden andererseits sehr szenig geworden ist, total hip. Trotzdem kommen da auch die Familien und die Leute aus dem Kiez.

tip Geht es also am Ende um: Authentizität?
Duc Ngo Zumindest sag ich das den jungen Leuten immer so: Sei authentisch, sei wer du bist. Aber vielleicht musst man dafür auch erstmal 20 Jahre die eine Sache machen, als Beruf und als Leidenschaft. Dann bist du irgendwann Experte. Ich mache das jetzt 24 Jahre, wenn ich die Zeit als 16-Jähriger bei McDonalds in der Clayallee mitzähle sogar noch länger.

tip War McDonalds eine gute Schule?
Duc Ngo Es war auf seine Weise schon eine Schule. Straightes, sauberes, hartes Arbeiten – ich hab viel mitgenommen aus solchen Läden.

tip Sie stehen inzwischen auch symbolisch für den neuen alten Westen. Wie war dieses Heimkommen aus Ihrer Perspektive?
Duc Ngo Als ich aus Frankfurt zurückkam, wollte ich einen Laden in der Nähe meiner Familie machen, so ist das Madame Ngo hier in der Kantstraße entstanden. Dann merkte ich auf einmal, wie angenehm es ist, hier zu leben. Überall echte Menschen, nicht wie in Kreuzberg oder Mitte, wo nur junge Leute leben, die alle nur das Gleiche im Sinn haben. Das war für einen wie mich, der jetzt auch schon über 40 ist, eine gute Sache. Es ist wirklich ein schöner Kiez geworden hier, vielleicht ist es überhaupt erst wieder ein Kiez geworden.

Funky Fisch Kantstraße 135–136, Charlottenburg, Tel. 23 5316 86, Di–Sa 12–23 Uhr, www.funky-fisch.de
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