Stadtleben und Kids in Berlin

Berufswechsel: Strategien bei Mid Career Crisis

Mid-Career-Crises und Neuanfänge: Wie sich drei Menschen ihren Wunsch nach beruflicher Veränderung erfüllten – und wie man diesen Wunsch am besten angeht

ManuelaRichter.Als Manuela Richter, eine Mediengestalterin, die acht Jahre lang bei einer Internet-Agentur gearbeitet hatte, das erste Mal vor einer Schulklasse stand, wusste sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte: eine ganz neue berufliche Richtung einzuschlagen, Grundschullehrerin zu werden. Dafür ging sie mit 30 Jahren zum ersten Mal an die Uni, gab den sicheren Job, die große Wohnung und ihren Lebensstandard auf. Bereut hat sie es nie.  

Gerade schreibt sie an ihrer Masterarbeit, bald geht es ins Referendariat. In ihren alten Job zurückzukehren, kann sie sich heute nicht mehr vorstellen. „Obwohl es oft sehr anstrengend ist und man ohne Ende reden muss, erfüllt mich die Arbeit mit den Kindern“, erzählt Manuela Richter. „Ich gehe nach der Arbeit nach Hause und bin einfach glücklich.“
Das Phänomen, dass Menschen, die seit einiger Zeit fest im Beruf stehen, unzufrieden mit ihrer Arbeit sind und sich noch einmal neu orientieren wollen, hat einen Namen: Mid-Career-Crisis. Eine Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services von 2011 ergab, dass mehr als zwei Drittel der rund 2?200 befragten Personen planten, ihren Beruf innerhalb der nächsten fünf Jahre zu wechseln. Der häufigste Grund: der Wunsch nach einem höheren Einkommen, gefolgt von neuen Interessen und dem Wunsch nach einer ausgeglichenen Lebensführung.

Die Berliner Psychologin und Karriereberaterin Brigitte Scheidt berät Menschen, die in einer solchen Krise stecken. Ihnen geht es oft zwar scheinbar gut, doch füllt sie ihre Arbeit nicht mehr aus. „Viele Menschen realisieren nach einigen Jahren Berufstätigkeit, dass auch diese endlich ist. Und wenn die Unzufriedenheit groß ist, dann können entscheidende Veränderungen passieren“, sagt sie.
So wie bei Manuela Richter. Als Mediengestalterin war sie erfolgreich, übernahm schnell Verantwortung. Doch immer wieder kamen ihr Zweifel, ob sie in diesem Job wirklich den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Dass sie gut mit Kindern klarkam, hatte sie schon im Teenageralter gemerkt, als sie als Betreuerin in einem Zeltlager arbeitete. Der Gedanke, Grundschullehrerin zu werden, begleitet sie seit damals. Trotzdem blieb sie jahrelang in der Agentur, bildete sich weiter – bis sie sich nach einer längeren Reise dazu entschloss, völlig neu anzufangen.

Nicole_MichelsUm den persönlichen Entwicklungsprozess, den eine Neuorientierung erfordert, zu begleiten, hat Psychologin Scheidt ein Fünf-Phasen-Modell entwickelt: Trennungs-, Öffnungs-, Such-, Findungs- und Zielphase. Eine berufliche Neuorientierung sei mit der Geburt eines Kindes oder einer Heirat vergleichbar. In der Fachsprache heißt das „kritisches Lebensereignis“, sagt Brigitte Scheidt.
„Der erste Schritt ist zu fragen: Was macht mich wirklich unzufrieden und kann ich daran jetzt etwas verändern?“, sagt Gudrun Kaltwasser, ebenfalls Karriereberaterin, die von ihren Kunden im Berliner Institut Coachhouse sagt, dass viele von ihnen noch keine konkreten Ideen für neue Perspektiven hätten. „Wenn das nicht geht, sollte man schauen: Wo sind meine Stärken und Kernkompetenzen? Welche Ziele habe ich eigentlich? Was ist für mich wichtig? Und schließlich  muss man schauen, was es auf dem Markt an Angeboten gibt, die zu dem, was ich mir bisher erarbeitet habe, passen.“ Diese Entscheidungsfindung brauche im Erfolgsfalle sechs bis zwölf Monate.
Bei vielen Menschen ist der berufliche Wechsel jedoch alles andere als freiwillig: weil sie gekündigt werden, ihr Unternehmen insolvent geht, sie gemobbt werden oder erkranken. Manchmal stirbt der erlernte Beruf aber auch einfach aus. Viele traditionelle handwerkliche Berufe, wie Buchbinder, Schuhmacher oder Steinmetz, werden immer weniger ausgebildet.

Viele Bildungsinstitute, die Industrie- und Handelskammer zu Berlin und die Agentur für Arbeit bieten für solche Fälle kostenlose Beratungen zum Thema Weiterbildung, Umschulung und Existenzgründung an.
Durch das Arbeitsamt fand auch Raid Choker zu seiner Umschulung. Mit 18 Jahren kam er aus dem Libanon nach Deutschland. Zuerst studierte er Maschinenbau in Freiburg, dann Verkehrswesen in Berlin. Er schaffte sein Vordiplom, doch als es ans Hauptpraktikum ging, konnte er sich das Studium nicht mehr leisten, er musste seine kleine Familie ernähren. Seinerzeit noch ohne deutsche Staatsangehörigkeit, bekam er kein BAföG. Er jobbte als Sicherheitskraft, spielte sogar mit dem Gedanken, sich in diesem Bereich selbstständig zu machen. In dieser Zeit ging  er zum Hochschulbüro des Arbeitsamtes.

Dort schlug man ihm eine Umschulung zum Fluggerätemechaniker vor, beim Aus- und Weiterbildungsunternehmen Trainico, mit Kostenübernahme durch das Arbeitsamt. Raid Choker schickte eine Bewerbung ab. Drei Wochen später fing er bei Trainico an.
Seit einem Jahr ist er nun dabei. „Ich habe das nie bereut. Ich bin immer noch fleißig und glücklich wie am ersten Tag“, sagt der heute 28-Jährige. In seiner Klasse sind Menschen verschiedenster Altersgruppen und Hintergründe. Da arbeiten ehemalige Juristen mit Soldaten zusammen. „Jeder hat da seine Geschichte“, sagt Raid Choker.
Sein Traum ist, sein Diplom eines Tages doch noch abzuschließen, nicht aufzugegeben. Doch jetzt bietet ihm die Umschulung Sicherheit, seine Familie auch in Zukunft ernähren zu können. „Die Arbeit bei Trainico gibt mir das Gefühl, dass ich eine Perspektive habe, dass es weitergeht.“  

Es ist nur auf den ersten Blick paradox, dass der Kelly-Services-Studie zufolge zwar ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen sich mit Jobwechselabsichten trägt, jedoch deutlich weniger von ihnen diesen Schritt tatsächlich wagen. Eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für die Jahre 1994 bis 2008 konstatiert, dass im Jahr durchschnittlich nur 3,4 Prozent der Beschäftigten in Deutschland das Berufsfeld wechseln, davon etwas mehr als die Hälfte freiwillig. In Großbritannien sind es dagegen dreimal so viele, die sich freiwillig neu orientieren.
Das hat zum einen mit dem deutschen Arbeitsmarkt zu tun. So werden ältere Berufswechsler von der Wirtschaft oft nicht ernst genommen. Diese Starre des deutschen Arbeitsmarktes spiegelt sich auch in der geringen Flexibilität der Arbeitnehmer wider.
Ein anderer Grund dafür ist, neben der Angst vorm finanziellen Absturz, aber auch die starke Identifikation vieler Deutscher mit ihrem Beruf. „Der Arbeit als solchen wird ein anderer Wert zugemessen, als das in anderen Kulturen der Fall ist“, sagt die Karriereberaterin Gudrun Kaltwasser. „Da gerät man unter Rechtfertigungsdruck, wenn man den Beruf noch mal wechseln will.“ Dabei könne die berufliche Erfahrung auch durchaus als Vorteil verkauft werden: „Die wichtigsten Faktoren für den erfolgreichen Wechsel sind Mut, eine genaue Reflexion darüber, was ein Wechsel bedeutet, und die Motivation, die aus dem Inneren heraus kommt.“
Und oft hilft es eben, auf sein Inneres zu hören. So wie bei Nicole Michels. Die ausgebildete Europa-Sekretärin war zehn Jahre lang in großen internationalen Unternehmen als Vorstandsassistentin und Büroleiterin beschäftigt gewesen. „Der Job war toll und ich war auch erfolgreich“, sagt Michels. „Aber meine eigentliche, heimliche Berufung lag woanders.“
Schon als Teenager habe sie sich sehr für Religion und Spiritualität interessiert, erzählt sie. Und zum Beispiel auch für das Heilen durch Handauflegen.

Erst eine schwere Krise brachte sie dazu, dieser Berufung zu folgen. Als ihr damaliger Arbeitgeber in neue, repräsentative Räume zog, erkrankte Nicole Michels schwer, litt an einer Vielzahl von Symptomen,war monatelang krank. Später habe sich herausgestellt, wie sie erzählt, dass die neuen Räume mit Schadstoffen belastet gewesen wären. Sie wurde gekündigt. Es folgte ein Rechtsstreit mit ihrem Ex-Arbeitgeber und eine endlose Krankengeschichte, während der Nicole Michels verschiedene Methoden der Schulmedizin wie auch alternative Heilmethoden ausprobierte.
Während dieser Zeit beschloss sie, selbst Heilpraktikerin zu werden. Nach einer entsprechenden Ausbildung ließ sie sich zur Bioenergetikerin Extrasens ausbilden. 2004 machte sie ihre eigene Praxis auf.
Ihre Berufserfahrung hat Nicole Michels sehr geholfen beim Schritt in die Selbstständigkeit. Jetzt organisiert sie die Praxis und ihre Tätigkeit als Dozentin für Bioinformationstherapie selbst. Ihr neues Berufsleben sei für sie ein „großes Geschenk“, sagt Nicole Michels. „Ohne die Krankheit hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, meinen sicheren Job aufzugeben und meinem inneren Wunsch nachzugehen.“ 

Text: Inga Barthels
Foto: Mascha Lohe, Oliver Wolff

Grüne Aussichten
Im vergangenen Jahr zählte die Messe Grüne Karriere 1?900 Besucher. Die Job- und Bildungsmesse ist eine gute Informationsgelegenheit für all jene, die ihre beruflichen Vorstellungen mit ethischen, ökologischen und nachhaltigen Werten in Einklang bringen wollen.  Denn Energieeffizienz oder Kohlendioxid-Reduktion gehören zu den Themen, die in Zukunft immer wichtiger werden.

Messe Grüne Karriere
Energieforum Berlin, Stralauer Platz 34,
Friedrichshain, Sa 26.10.,
10–18 Uhr, So 27.10., 10–17 Uhr, www.gruenekarriere.info

Fremdsprachen
Vielleicht doch mal Chinesisch lernen. Man könnte ja dort mal beruflich zu tun bekommen. Die nach Veranstalterangaben führende internationale Sprachenmesse in Deutschland, die EXPOLINGUA Berlin, bündelt zahlreiche Fremdsprachenangebote: von Sprachkursen über Sprachreisen bis zum mobilen Sprachenlernen.

EXPOLINGUA BERLIN 2013,
Russisches Haus der
Wissenschaft und Kultur, Friedrichstraße 176-179, Mitte,
15.–17.11., 10–18 Uhr,
www.expolingua.com/expolingua_berlin

Kunstvermittlung
Das Berlin Career College der -Universität der Künste bietet die nach eigener Auskunft deutschlandweit einzigartige Weiter-bildung zum Kunstvermittler an, die die Absolventen für den Dialog mit unterschiedlichen Besuchergruppen qualifiziert. Der Zertifikatskurs richtet sich vor allem an Museumspädagogen und Kunst-vermittler, ist aber auch für Quereinsteiger -geeignet.

BESUCHERORIENTIERTE KUNSTVERMITTLUNG,
Berlin Career College, Universität der Künste,
Zentrum für Weiterbildung, -Bundesallee 1-12, Wilmersdorf,
18.10.2013–5.4.2014,
www.udk-berlin.de/ziw/kurse

Kreativbranche
Das Institut für Schauspiel, Film- und Fernsehberufe (iSFF) an der Volkshochschule Mitte hat nicht nur viele Weiterbildungsangebote in den sich ständig ändernden -Bereichen Film und Fernsehen zu bieten. Neu ist jetzt zum Beispiel der Workshop „Theatre Musical -Development“ (ab 25.10., Studio 2, Oudenarder Straße, Wedding) zum Erlernen des Schreibens eines -Musicals im -Programm, wobei die Kooperation mit dem Verlag Felix Bloch Erben langfristig sein wird.

INSTITUT FÜR SCHAUSPIEL, FILM- UND FERNSEHBERUFE
www.isff-berlin.eu

Umschulungsadressen
BBQ – Baumann Bildung & Qualifizierung Berlin
Umschulungen mit IHK-Abschluss im IT- und im kaufmännischen Bereich
www.bbq.de

GPB – Gesellschaft für -Personalentwicklung und Bildung
Umschulungen, Weiterbildungen und Ausbildungen mit IHK-Abschluss im Bereich IT und Medien (z. B. zum Game-Designer) sowie im kaufmännischen Bereich
www.gpb-berlin.de

HAW – Ausbildungszentrum für Handel und Wirtschaft
Umschulungen zu kaufmännischen Berufen im Gesundheitswesen und im Bereich der -Bürokommunikation, Logistikdienstleistung und des Speditions-wesens
www.haw-weiterbildung.de

 

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