Künstler-Doku

„Beuys“ im Kino

Der große Inszenator: Andres Veiel macht mit „Beuys“ einen neuen Anlauf, das 20. Jahrhundert zu vermessen

Foto: zeroonefilm/ bpk/ Stiftung Schloss Moyland/ Ute Klophaus

Schon Anfang der 80er-Jahre war Joseph Beuys für Andres Veiel („Black Box BRD“) ein enormer Einfluss. Und als er sich 2013 erneut mit dem Künstler beschäftigte, merkte er: „Beuys war genau so relevant wie schon ­immer“. Nur wurde er, so Veiels Eindruck, kaum noch wahrgenommen. Um das zu ­ändern, machte Veiel sich noch im selben Jahr an die Arbeit: Er hat 300 Stunden Videotapes zu Beuys gesichtet und ebensoviel ­Audiomaterial gehört; 50 Fotografen ­kontaktiert und sich durch rund 20.000 Fotos geguckt; 60 Zeitzeugen gesprochen und 20 ­Interviews aufgezeichnet. Um dann, als Veiel 2015 gemeinsam mit ­Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer mit der Montage all dieser Aufnahmen begonnen hatte, aus dem sie nach den ersten Plänen eine lineare Biografie machen wollten, zu ­merken: Das geht nicht. Das Material, das von Beuys inszenierte Vermächtnis, stellt sich quer. Eine derart konventionell erzählte Künstler­biografie passt hier nicht.
Es war eine gute Entscheidung, dass sie sich dann für „Beuys“ fast nur auf Originaldokumente verlassen haben. Beuys, der Meister der Selbstdarsteller, entfaltet so erneut seine Wirkung: der ausgemergelte Mann mit Hut und der Anglerweste, der in seinen Riesenfilzstiefeln direkt vom Zweiten Weltkrieg über die verkrustete Nachkriegsgegenwart in die Zukunft zu steigen scheint. Dessen Werk eben nicht nur aus Objekten wie der berühmten Fettecke besteht, sondern aus Kunsttheo­rie („Jeder Mensch ist ein Künstler“) und Sozial­utopie (Mitgründung der Grünen), Performances, Aktionen und deren Dokumentation in Fotografie und Film. Der Künstler als Self­made-Marke, als Storyteller: ein für das 20. Jahrhundert exemplarischer Typ.
Den könnte man demontieren (was etwa Hans-Peter Riegel in seiner Biografie getan hat). Doch dann müsste man daran glauben, dass man so etwas wie den „echten“ Beuys hinter dem Material finden würde. Und der Film würde etwas Entscheidendes verlieren: die Faszination, die von Beuys und seinen Legenden immer noch ausgeht – so ist nicht geklärt, ob er den ­Abschuss seines Flugzeugs frei erfunden hat.

Beuys D 2017, 107 Min., R: Andres Veiel, Start: 18.5.

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare