Kunst und Museen in Berlin

Biennale-Kurator Juan A. Gaitбn im Interview

Mit Juan A. Gaitán hat die 8. Berlin Biennale einen Kurator, der die Arbeiten der eingeladenen Künstler in den Mittelpunkt stellt. Dennoch hat er zentrale Themen wie die evasive Rückbesinnung auf Preußen

Juan_A_Gaitan_c_hs-12Herr Gaitбn, Sie konnten die Jury mit einem Konzept überzeugen, das auf den gegensätzlichen wissenschaftlichen Ansätzen von Alexander und Wilhelm von Humboldt beruhte.
Mein Konzept hatte den Titel „Wilhelm und Alexander“. Die Brüder waren sehr unterschiedlich. Zusammen schienen sie mir das ideale moderne Subjekt zu repräsentieren. Wilhelm verkörpert die Festigkeit: ein Familienmensch, der fast sein ganzes Leben an einem Ort verbrachte, und ein Reformer des Preußischen Bildungssystems. Alexander repräsentiert Mobilität: ein Reisender, Botaniker und Forscher. Aber die 8. Berlin Biennale geht nicht über die Humboldts, das war ein frühes Stadium.

Gehen Sie in der Zeit zurück?
Nein, ich schaue auf die Zeit, die zu uns gebracht wird, wie Berlin sich entwickelt hat, besonders Unter den Linden. Die Gebäude dort sind deutliche Markierungen des späten Preußen. Das Humboldt-Forum wird eine Imitation des Stadtschlosses. Das Bild des 18. und 19. Jahrhunderts soll wieder präsent sein. Mein Ansatz ist kein historischer, sondern ein kritischer.

Sie haben 50 Künstler aus aller Welt eingeladen. Wie haben Sie diese ausgewählt?
Intuitiv. Ich haben ihnen gesagt, was ich über Berlin denke, so wie jetzt Ihnen. Und dann habe ich sie gebeten, einen Vorschlag zu machen. Fast immer haben ihre Vorschläge meine Idee von der Ausstellung herausgefordert, aber so sollte es sein. Jede Einladung war eine Rejustierung des Konzepts, und so wurde langsam ein Ganzes daraus.

Sollten die Arbeiten ortsspezifisch sein?
Nein. Viele der Künstlerinnen und Künstler waren nie vorher in Berlin, deshalb kann man nicht von ihnen erwarten, dass die auf einmal eine tiefe Beziehung zum Ort haben.

Wann waren Sie das erste Mal in Berlin?
Vor etwa zehn Jahren.

Sie leben in Mexiko-Stadt und Berlin.
Nicht mehr. Wir haben Mexiko aus Zeitgründen aufgegeben und leben jetzt in Berlin. Ich mag die Stadt sehr.

Ist Berlin eine offene Stadt oder interessiert es sich nur für sich selber?
Jede Stadt der Welt ist provinziell. Es geht nicht anders, weil Sie dort ihr normales Leben leben müssen.

Sie haben die Museen Dahlem und das Haus am Waldsee als Ausstellungsorte gewählt.
Wie man Menschen in Beziehung zur Stadt setzen möchte, das ist eine wichtige Entscheidung bei so einer Ausstellung. Dahlem war zu Mauerzeiten ein Museen-Zentrum, heute ist das ein Bezirk, in den man nicht mehr zu fahren scheint. Die ethnografische Sammlung ist weitaus bedeutender, als die Leute denken. Und die Ausstellungsgestaltung stammt aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren. Man findet dort also eine Art Anthologie zur Frage, wie wir eine Beziehung zu ausgestellten Objekten aufnehmen. Das sollte die zeitgenössische Kunst einrahmen.

Wieso?
Zeitgenössische Kunst hat zu tun mit Aufklärung und humanistischen Formen von Kritik, die Aussagen hervorbringt, die Reflexionen über das eigene Leben, den eigenen Ort, Kontext, die Gesellschaft sind. Ethnografie hingegen beruht auf der Idee, dass man sich Objekte ansieht und durch diese Objekte etwas über fremde Kulturen lernt. Diese zwei Denkprozesse gehen in zwei völlig gegensätzliche Richtungen. Wenn man sie nebeneinander stellt, merkt man, auf wie verschiedene Weisen wir uns auf die materielle Kultur beziehen können.

Zur Person: Der Kurator, Künstler und Autor Juan A. Gaitбn ist Kanadier mit kolumbianischen Wurzeln und damit der erste Chef der Berlin Biennale nord- und südamerikanischer Herkunft. Er hat in Vancouver studiert und zuletzt im norwegischen Bergen gearbeitet. Für die Biennale hat er sich mit Tarek Atoui, Catalina Lozano, Natasha Ginwala, Mariana Mungнa, Olaf Nicolai und Danh Vo kuratorische Unterstützung von einem internationalen Team geholt.

Und das Haus am Waldsee?
Es ist eine Villa. Dort untersuchen wir die private Funktion von Kunst.

Die Sammlungen der Museen Dahlem, also das Ethnologische und des Asiatische ­Museum, sollen ins Humboldt-Forum umziehen.
Das Humboldt-Forum ist ein sehr ideologisches und sehr konservatives Projekt. Es ist Teil der Kulturindustrie und muss vor allem eine touristische Funktion erfüllen.

Wollen Sie auch die Frage kommentieren, ob die Objekte in den Ethnologischen Museen mit fairen Mitteln akquiriert wurden?
Ich habe das im Kopf, aber es absichtlich nicht hervorgehoben. Die Fragen der Rückgabe, der Bedingungen, unter denen ethnografische Objekte gesammelt wurden, und der Tatsache, dass diese Sammlungen auf kolonialen Konstruktionen basieren, tendieren dazu, alle anderen Implikationen zu überschatten. Aber ich kann so viel dazu sagen: Es ist völlig absurd, dass man in einen Preußischen Palast gehen muss, um eine ethnografische Sammlung zu sehen. Ich kann mir im 21. Jahrhundert nichts Fehlgeleiteteres vorstellen als das.

Welche gesellschaftliche Funktion hat die Rückbesinnung auf Preußische Architektur?
Ich habe dazu viele Theorien. Während jeder Moment des 20. Jahrhunderts, den man aussucht, eine emotionale Reaktion hervorrufen kann, reagieren wir auf das 19. und späte 18. Jahrhundert nicht emotional. Das ist so weit weg, ein sicherer historischer Abstand. Und wir leben in einer Zeit, in der es eine Sehnsucht nach Königreichen gibt. Immer wieder werden dieselben Personen in Staatsämter gewählt, viele Präsidenten werden von ihren Kindern beerbt, Fernsehshows über Könige sind extrem populär.

Nicht in Deutschland!
Nein, aber weltweit. Die Berlin Biennale geht natürlich über Berlin. Aber Berlin ist nicht einzigartig. Ich nähere mich Orten gern über die Frage, inwiefern sie beispielhaft für etwas Größeres sind. Und in Berlin sind die Wiedererfindung von Tradition und der Flirt mit dem Königlichen ziemlich sichtbar.

Wollen Sie ein Statement machen?
Ich habe mit den Orten einen deutlichen Rahmen gesetzt, aber möchte nicht vorschreiben, was das Thema der 8. Berlin ­Biennale ist. Die Menschen sollen ihre ­eigene Beziehung zu den Kunstwerken aufbauen.

Haben Sie den Fall Cornelius Gurlitt verfolgt? Da tauchte plötzlich die Zeit des ­Nationalsozialismus wieder auf in einem ­Moment, als keiner …
… das wollte. Das ist genau der Punkt. Man versucht, dem 20. Jahrhundert auszuweichen, indem man ins 19. und 18. Jahrhundert zurückgeht. Das ist der Versuch, ein Zeitalter hervorzuheben, von dem man denkt, dass es in Deutschland ein großes war: Aufklärung, die Romantik. Das ist eine völlig mythologische Idee dieser Zeit. Mich interessiert, was passiert, wenn man versucht, das 20. Jahrhundert zu umgehen, und Teile davon zurückkommen, um uns zu beißen.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Harry Schnitger

8. Berlin Biennale Do 29.5.– So 3.8.; Kunst-Werke, Auguststraße 69, Mitte, Di–So 12–22 Uhr; Museen Dahlem, Lansstraße 8, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr; Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr

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