Bildhauerei

Bildhauerinnen der Berliner Moderne im Georg Kolbe Museum

Widerentdeckt: Das Georg Kolbe Museum zeigt rund 100 Arbeiten der ersten freischaffenden Bildhauerinnen der Berliner Moderne

Renée Sintenis: Großes grasendes Fohlen, 1929/ Foto: Sammlung Knauf

Käthe Kollwitz oder Renée Sintenis, ihre Namen sind bis heute präsent. Man assoziiert mit ihnen sofort die Pietà in der Neuen Wache und die Bärenskulptur des Berlinale-Preises. Doch wer sind Milly Steger, Louise Stomps, Sophie Wolff und Christa Winsloe? Sie zählten wie ihre berühmten Kolleginnen zur ersten Generation freischaffender Bildhauerinnen in der Weimarer Republik.

Von der Kunst leben zu können, war damals sehr schwierig. Frauen blieb der Zugang zum Studium an Akademien bis 1919 verwehrt. So mussten sie doppelt hart arbeiten, um eine Ausbildung privat zu finanzieren oder über Kunstgewerbeschulen ihren Weg zu finden. Im Georg Kolbe Museum sind viele mutige Künstlerinnen der ersten Stunde jetzt zu entdecken.
Erstaunlich, welch tolle Werke von quasi unbekannten Bildhauerinnen stammen. Julia Wallner und ihr Team fördern rund 100 Werke von zehn Künstlerinnen zu Tage. Spannende Biographien sind darunter. Über Sophie Wolff etwa „wusste man gar nichts“, sagt die Museumsdirektorin. Erst durch die Tagebücher von Käthe Kollwitz kam man auf sie. Bildhauerei war weitgehend Männersache und Georg Kolbe nicht der einzige, der meinte, Frauen würden nicht für den Beruf taugen. Er sei körperlich zu anstrengend.

Kein Problem für Milly Steger. Sie führte sogar große Bauplastiken aus und wiedersprach schon damit den Rollenklischees. Auch Krieg und Auswanderung sorgten für Vergessen. Tina Haim-Wentscher, eine der gefragtesten Porträtbildhauerinnen der 20er Jahre, emigrierte nach Australien. Jenny Mucchi-Wiegmann aus Spandau gehörte dem antifaschistischen Widerstand an und lebte in Ost-Berlin mit dem erfolgreichen Maler Gabriele Mucchi.

Viele waren wie mit Künstlerkollegen verheiratet, die Partner standen eher im Rampenlicht. Außerdem gingen Werke verloren. Auch deshalb kennt man manche Namen nicht. Es fehlt der Anker für die Erinnerung. Erst 2009 beim Berliner Skulpturenfund tauchte zum Beispiel eine 1937 als „entartet“ verfemte Skulptur von Marg Moll wieder auf.

Die Bildhauerin war abstrakter unterwegs als die meisten ihrer Kolleginnen, eine frühe Stimme der Avantgarde. Das belegt nicht nur die kubistisch angehauchte „Krugträgerin“ dieser ungewöhnlichen Künstlerin, die mit Henri Matisse und Fernand Léger Umgang pflegte und doch mit ihren Skulpturen einen eigenständigen Weg einschlug.

Thematisch besonders beliebt bei allen Bildhauerinnen sind Liebespaare, Tänzerinnen und Tiere sowie Porträt-Büsten. Julia Wallner kennt die Gründe: „Kleinplastiken ließen sich einfacher herstellen und besser verkaufen.“ Aufträge brachten Geld. Aber es gab auch so etwas wie weibliche Themen, Freundinnen oder Schwangere, die in den 20er Jahren vermehrt dargestellt wurden.

Im ehemaligen Bildhaueratelier Kolbes versammelt die Kuratorin über zwei Etagen faszinierende Arbeiten – etwa die „Junge Engländerin“, wie Marg Moll sie porträtierte, Milly Stegers berührende „Schatten“-Skulptur (1947) und den Dichter Joachim Ringelnatz in der prägnanten Sicht von Renée Sintenis.

Fotos ergänzen die Plastiken. Sie zeigen den herb-androgynen Prototyp einer „Neuen Frau“ in der Weimarer Republik oder Emy Roeder bei der Arbeit im Atelier. Mit ihren Darstellungen jüdischer Flüchtlinge in den 20er Jahren und arabischer Frauen in den 60ern sah sie hin, wo andere wegschauen. Vorurteile dürfen jetzt auch die Besucher abbauen.

Die erste Generation. Bildhauerinnen der Berliner Moderne Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, tgl. 10–18 Uhr, 18.2–17.6.

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