Landwirtschaft

Biobauer Ingmar Jaschok im Gespräch über seinen „Hofhuhn“-Blog, die Berliner Bio-Bohéme und die Gabe der Niveauflexibilität

Ingmar Jaschok ist das, was man heute einen Influencer nennt. Vor allem aber ist er überzeugter Biobauer.

Wer Ingmar Jaschok gern intensiver kennenlernen möchte, dem sei ganz unbedingt sein Hofhuhn-Blog empfohlen: blog.hofhuhn.de. Foto: David Seitz / Schlaraffenwelt.de

Ingmar Jaschok ist Bauer und bloggt darüber. Und das so begeisternd, dass sein „Hofhuhn“-Podcast vom Südwestrundfunk gerade als bester Podcast ausgezeichnet worden ist. In der Kategorie Heimat. Womit er  erst einmal wenig anfangen konnte, ist Jaschok doch der festen Überzeugung, „eigentlich überall auf der Welt eine Heimat finden zu können“. Dass der 28-Jährige einmal den elterlichen Demeter-Hof im Hunsrück übernehmen würde, war deshalb auch lange Zeit nicht in Stein gemeißelt. Jaschok studierte etwas Geisteswissenschaftliches, interessierte sich für das geschriebene und gesprochene Wort … und kehrte dann doch auf den Bornwiesenhof zurück. Zu 40 Milchkühen, hundert Hektar Land und zu jenen Hühnern, die auch für seinen Blog Pate gestanden haben.  Seine Instagrambilanz: rund 7.500 Follower*innen. Am Montag, 9. September, spricht Ingmar Jaschok auf dem Symposium der Gemeinschaft (siehe Text auf dieser Seite) auf Gut Kerkow bei Angermünde. Sein Thema: Wie können sich gerade kleine landwirtschaftliche Betriebe Gehör und damit Sichtbarkeit verschaffen?

tip Ingmar Jaschok, Sie sind Demeter-Bauer, Influencer und seit dem vergangenen Jahr auch preisgekrönter Podcast-Produzent, in welcher Reihenfolge? 

Ingmar Jaschok Was ich letztlich immer und unbedingt machen wollte, war die Landwirtschaft. Ich möchte Bauer sein, kein Reisender, kein Influencer, erst recht nicht das Marketinggesicht einer gewiss notwendigen Agrarwende. Ich habe aber immer wieder gemerkt, dass sich gerade die kleinen, aufrichtig engagierten Höfe unter Wert verkaufen. Die stecken so knietief in ihrer Arbeit, ihrem Alltag, dass die Zeit und vielleicht auch das Zutrauen fehlen, die eigene Geschichten angemessen zu verkaufen.

tip Sie aber haben ein Faible fürs Geschichtenerzählen?

Ingmar Jaschok Zumindest habe ich das immer schon gemacht, ich kriege das auch ganz gut hin. Während meiner Schulzeit wollte ich Journalist werden, habe Gedichte geschrieben und später lange nebenbei beim Radio gearbeitet. Vor allem  aber hatte ich das Gefühl, dass mein Standpunkt gehört werden sollte. Man hat als Mensch ja zu vielen Dingen eine Meinung.

tip Nun herrscht im Internet nicht gerade ein Mangel an starken Meinungen.

Ingmar Jaschok Ich beanspruche da für mich ganz unbedingt, eher gemäßigt unterwegs  zu sein. Und ich hatte das Gefühl, dass in den Diskussionen zwischen Bauernverband, Veganern,  graswurzelbewegten Biobetrieben und dem konventionellen Bauern aus der Uckermark eine Stimme der Vernunft und der Moderation fehlt. Ich bin sehr niveauflexibel, ich kann mit einem Kohlbauern aus Dittmarschen bei einem Pils und zwei Kurzen über seine Sicht auf die Landwirtschaft plaudern, habe aber genauso ganz viele Follower aus der Literaturszene.

tip Sie bewirtschaften einen biodynamischen Betrieb im Hunsrück, einer der strukturschwächsten Regionen der Republik. Dient das Bloggen auch der eigenen Sichtbarkeit?

Ingmar Jaschok Womit Sie sicher recht haben: Hier ist einfach nichts los. Es gibt keine Nähe zur Großstadt oder zu irgendwelchen relevanten Szenen. Unsere Möglichkeit zu überleben ist, dass wir hier regional der Magnet für die paar Leute sind, die Lust auf die besseren, nachhaltigeren Sachen haben. Für die gibt es im Rewe dann die Landmarkt-Ecke, da dürfen wir mitmachen. Aber natürlich ist da die Hoffnung, dass es auch bei uns irgendwann mal ein Netzwerk aus Landwirt*innen, Produzent*innen und gastronomischen Betrieben gibt. Das wäre schon geil, wenn sowas passiert, das ist einer der Gründe, warum ich das Hofhuhn-Ding mache.

tip Sie gucken also durchaus neidisch auf die Szene in Berlin?

Ingmar Jaschok Ich bin da ein unromantischer Typ und neige nicht dazu, die Dinge zu verklären. Aber mit welcher Konsequenz ein Bauer wie David Peacock vom Erdhof Seewalde seine Kund*innen erzieht, das hat mich schon beeindruckt. Ich schätze jemanden wie ihn oder auch Billy Wagner vom Nobelhart & Schmutzig sehr für das, was sie bewegen. Klar ist das momentan vor allem ein Social-Media-Hype. Aber langsam wird das auch innerhalb der nationalen GastroSzene und sogar unter traditionell ja eher konservativen Landwirten wahrgenommen.

tip Begreifen Sie Landwirtschaft auch als eine volksbildende Maßnahme?

Ingmar Jaschok Als ausgebildeter Koch oder Landwirt arbeitet man, wie man so schön sagt, erst einmal ergebnisorientiert. So haben wir das gelernt.  Das, was die Gemeinschaft so treffend produktorientiert nennt, findet einfach nicht statt. Ich habe mich hier mit zwei Freunden, einem Koch und einem Wirt,  zusammengetan. Aber wenn der in seiner Trattoria in St. Vedel jetzt mein Demeter-Hack von Freilandrindern nimmt und nicht irgendwas vom Großhandelsmetzger ist das noch nichts, worauf die Gäste gewartet haben.

tip Wie sind Sie auf die Gemeinschaft und das Symposium aufmerksam geworden?

Ingmar Jaschok Tasächlich über David Peacock. Er hat mich auf die Bühne geholt und gemeint, der Szene in Berlin und Brandenburg täten neue Gesichter gut.  Jetzt spreche ich also über den „Hoffunk – Öffentlichkeitsarbeit landgemacht“.

tip Also fragen wir abschließend umgekehrt: Was kann die Stadt von ihnen lernen?

Ingmar Jaschok In Berlin gibt es auch in der Öko-Szene eine gewisse Startup-Mentalität, die mir zu merkantilistisch und gewinnorientiert denkt. Da werden Projekte und Produkte schnell hochgejazzt, anstatt sie grundsätzlich und auch kontrovers zu denken. Gutes Essen und seine faire Produktion ist aber nichts, das sich einzig über griffige Schlagzeilen und einen polierten Internetauftritt klären lässt.