Kunst und Museen in Berlin

„BIOS“ im Georg-Kolbe-Museum

Lebendig oder Kunst, das ist hier nicht die Frage. Im Georg-Kolbe-Museum lockt die Ausstellung BIOS – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur mit Arbeiten von Mark Dion, Patricia Piccinini oder David Zink Yi.

Graham_Baring_the_artist_and_Haunch_of_VenisonHaare wachsen immer. Natürlich auch dort, wo sie unerwünscht sind, zum Beispiel aus der Nase oder an Frauenbeinen. Und gleich ganz dicht bewachsen ist der Körper des sogenannten „Wolfsmädchens“ von Patricia Piccinini (Foto). Die knielange Hose gibt den Blick frei auf bepelzte Waden. Ein Gendefekt verursacht das krankhafte Wuchern. Solche Menschen wurden früher im Zirkus bestaunt. Heute kann man sich im Museum weiterreichende Gedanken machen – über Haariges wie die Genetik, Schöpferisches wie Künstlersperma und ganz allgemein über die Schönheit der Kunst.

Patricia Piccinini hat ihrer behaarten Mädchenfigur, die am Boden im Georg-Kolbe-Museum kauert, ein nacktes Etwas in die schützenden Hände gelegt. Dieser seltsame Mutant ohne Kopf wird von dem Mädchen wie ein Baby gehalten. „The Comforter“ heißt die Leihgabe aus der Sammlung Olbricht. Einen Schnuller gibt es nicht, wohl aber die tröstende Geste der Älteren für das haarlose Bündel, das manipuliert wie eine Kreatur aus Viktor Frankensteins Labor anmutet. Mary Shelleys Warnung galt bereits 1818 – vor bald 200 Jahren – dem Hochmut entgrenzter menschlicher Vernunft, die sich selbst zu Gott macht und anmaßt, lebendige Materie zu erschaffen. Klon-Schaf Dolly war noch lange nicht auf der Welt, als im Roman die ersten Missgeburten zum Leben erwachten. Ist es jetzt eine heilsame oder eine monströse Entwicklung, dass inzwischen so viel mehr machbar erscheint? Die Plastik der Australierin Patricia Piccinini erinnert nicht zuletzt daran, dass es um Verantwortung geht, damals wie heute. Mit den Konsequenzen unseres Handelns befasst sich auch Brandon Ballengйe. Er präsentiert missgebildete Frösche – eingefärbt als Präparate in aufwendig beleuchteten Behältern. Sie wurden durch Umweltgifte entstellt, nicht etwa durch die Hand des Amerikaners, der wie ein Biologe arbeitet.

Das ökologische Bewusstsein ist auch ein weiteres Thema der spannenden Ausstellung „BIOS – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur“, die Kurator Marc Wellmann ersonnen hat, aber beileibe nicht das einzige. Denn es geht um objektbezogene Skulpturen an der Grenze zum Lebendigen und nicht um das neue Genre Bio-Art, das sich in den 90er-Jahren als Reaktion auf die Gentechnologie herausbildete. Die Schau am Georg-Kolbe-Museum wirkt breiter angelegt, assoziativ und vielfältig. Was 13 internationale Künstler hier Ende August entfalten, ist nichts weniger als Stimulans für die grauen Zellen ebenso wie Futter fürs Auge. In einzelnen Fällen – wie eingangs geschildert – paart sich mit der Ästhetik noch ein ethischer Impetus. Doch scheint das nicht die Regel. Man kann originelle Künstler kennenlernen wie die Koreanerin Lee Bul, die ein organisches Flugwesen aus Plastik formte, oder Günter Weseler mit seinen atmenden Flokatikissen, die allein die Schaulust befriedigen.

Galerie_Elisabeth_&_Klaus_ThomanDer Düsseldorfer Künstler wird gerade wieder entdeckt. 1972, als er die Atemobjekte in Angriff nahm, waren Flokatiteppiche schwer in Mode. Um seine große Wandinstallation „New Species“ vor Ort einzurichten, ist der über 80-Jährige extra nach Berlin gereist. Die übrigen Teilnehmer sind nicht nur erheblich jünger, sie kommen auch von weiter her. Aus Tel Aviv zum Beispiel oder den USA. Donato Piccolo lebt in Rom. Er erzeugt Nebel in einer Glasvitrine – Windgeräusche inklusive. Sein „Hurricane (Reversible)“ von 2010 mutet wahrhaft mystisch an. Das lässt sich von Mark Dions wissenschaftlich angeordneten Gläsern in einer Schrank-Vitrine nicht behaupten. Was hier konserviert wird, sieht von Weitem aus wie Meereslebewesen. Tatsächlich handelt es sich bei „Sea Life“ aber um genau das Gegenteil, um Entzauberung. Es sind unvergängliche Plastikteile wie Sex- oder Haustierspielzeug, unsterbliches Plastik also, an dem die Welt eines Tages ersticken wird. Der New Yorker hat es eingeweckt.

So besitzt auch diese Arbeit eine moralische Dimension. Doch was ist das, was sein Landsmann Brad Downey nebenan in einer Kühltruhe ausstellt? Bekannt geworden durch „Spontane Skulpturen“ im öffentlichen Raum, zeigt der 32-jährige Street-Artist ein gelbliches Ei im Eierbecher – gut gekühlt wie in einer Samenbank. Dieses Symbol des Weiblichen besteht aus Künstlersperma. Die Frage, wer wohl zuerst da war: die Henne oder das Ei, kommentiert „Who came first“ auf freche und vorwitzige Weise. Wer hier nicht schmunzeln muss, der kann angesichts von Gerda Steiners und Jörg Lenzlingers „Living Color“ staunen. Das Schweizer Künstlerpaar übergab dem Kurator 15 Liter einer Geheimrezeptur in Flaschen. Der synthetisch hergestellte Harnstoff ist Kunstdünger. Auf Porzellangeschirr entfaltet er farbiges Eigenleben.

Jeden Tag wird Nährlösung nachgegossen. So fangen die Formen an zu wuchern. „Es ist ein starkes Lebensmotiv, ein Prozess, der sich während der gesamten Ausstellungsdauer vollzieht“, erläutert Wellmann. Der Stoff, der zum Leben erwacht, ist bei Thomas Feuersteins „Manna-Maschine“ Plankton (Foto rechts) , bei dessen Vermehrung man zusehen kann. Tue Greenfort, in Berlin kein Unbekannter, steuert Brackwasser mit Mikroorganismen in einer Plastikflasche bei. Sie fühlen sich darin seit Jahren wohl – viel Licht vorausgesetzt. Ob solch eine „Geschlossene Biosphäre“ auf dem Sockel oder ein imposanter Riesenkrake aus Keramik von David Zink Yi am Boden des Museums – der alte Topos: die Verschränkung von Bildhauerei und Leben wird hier auf höchst unterschiedliche Weise beleuchtet. Nach „Die Macht des Dinglichen“ und „Romantische Maschinen“ ist dieser dritte Teil von Wellmanns Ausstellungsreihe wieder eine anregende Erkundungstour auf den Spuren des Lebendigen in der vermeintlich ach so toten Kunst.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Graham Baring / Patricia Piccinnies and Haunch of Venison; Thomas Feuerstein / Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

BIOS – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg,
Di–So 10–17 Uhr, 26.8.–11.11.

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