„Der Tod muss ein Wiener sein“: Der Comic „Blutsauger“ von André Breinbauer

Herr Breinbauer, Sie denken in Ihrer Graphic Novel „Blutsauger“ Gentrifizierung und Vampirismus zusammen. Wie kamen Sie auf die Idee?
Es gibt so Tage, da greift ein Zahnrad ins andere. Um die Nerven nach einer Auseinandersetzung mit meiner Hausverwaltung zu beruhigen, habe ich mir wieder einmal „Nosferatu“ von Murnau angeschaut. Gleich zu Beginn des Films schmieden der Immobilienmakler Knock und sein Mitarbeiter Hutter Pläne, wie sie Graf Orlok (Nosferatu) über den Tisch ziehen können, um ihm eine heruntergekommene Immobilie anzudrehen. Und genau diese Szene setzte alles in Gang. So kam mir der Gedanke: Was wäre, wenn ein Graf aus Transsilvanien eine Immobilie kaufen möchte, seine Reichtümer aus Hunderten von Jahren aber nicht mehr ausreichen und er sich mit einer Mietwohnung zufriedengeben muss?
Wo genau sehen Sie die Parallelen von Wohn- und Mietsituation und dem Vampirsujet und wo die Unterschiede?
In den meisten Filmen und Büchern wird der Vampir als lüstern, dominant und verführerisch dargestellt – als eine Figur, die ihre Opfer nicht nur körperlich, sondern auch psychologisch in ihren Bann zieht. Fast wirkt er wie ein freudscher Prototyp: Trieb, Macht und Verlangen in einer Gestalt vereint. Für ein metaphorisches Symbol der Mietsituation scheint dieses Bild zunächst unpassend. Doch Karl Marx verwendet den Begriff „Vampir“, um die Mechanismen der Ausbeutung im Kapitalismus zu beschreiben. In seinen Schriften steht der Vampir für ein System, das sich vom Leben anderer nährt – das Arbeitskraft „absaugt“ und daraus Profit gewinnt. Diese Deutung kommt der metaphorischen Idee erstaunlich nahe und verleiht dem Bild eine gesellschaftskritische Tiefe.
Wie ist die Situation in Wien gerade? Man hört, Wien sei, was den Wohnungsmarkt angeht, ein Vorbild im internationalen Vergleich.
Was Sozialbauten und Genossenschaftswohnungen betrifft, gilt Wien weiterhin als Vorzeigestadt. Doch es zeigen sich Risse – und diese ähneln den Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt in Deutschland, Frankreich oder England: steigende Inflation, zu wenige Wohnungen, ausländische Investoren kaufen Immobilien, kündigen Mieterinnen und Mieter oder lösen Pachtverträge auf. Danach steht das Gebäude zunächst leer, fehlt dem Wohnungsmarkt oder wird in Luxusapartments umgewandelt, die im hochpreisigen Mietsegment liegen. Ein Beispiel, das in meinem Comic kurz erwähnt wird, ist die „Pizzeria Anarchia“. Zwar liegt dieser Fall bereits einige Jahre zurück, doch die Diskussion über die angewandten Methoden ist bis heute aktuell. Fun Fact: Der Plan der Spekulanten ging im Nachhinein völlig nach hinten los.
Ist Wien eine düstere Stadt, die sich gut für Schauer- und Horrorgeschichten eignet?
Wien pflegt seinen morbiden Charme – nicht umsonst heißt es: „Der Tod muss ein Wiener sein.“ Die Stadt verfügt größtenteils noch über sehr alte Gebäude, die unterirdisch so manches Geheimnis bergen: Bunkeranlagen, Gänge, die mit anderen Häusern verbunden sind, der Narrenturm und vieles mehr. Man findet in Wien immer etwas Schauriges.
Es gibt jedoch noch einen weiteren Aspekt, der Wien zur Stadt der Vampire macht. Zur Zeit der alten Kaiserherrschaft kämpfte Maria Theresia gegen den Aberglauben, der in den Randgebieten des Reiches – im heutigen Serbien – immer wieder zu sogenannten Vampirhysterien führte. Sie entsandte ihren Leibarzt Gerard van Swieten, um diese Berichte wissenschaftlich zu prüfen und mit dem Aberglauben aufzuräumen.
Im Prinzip ist aber das Problem der steigenden Mieten international. Sind die Vampire überall und muss man an den Stadtrand ziehen?
Blutsauger, ja – Vampire eher weniger. In München reicht der Stadtrand längst nicht mehr – wer etwas Erschwingliches sucht, muss die Stadt gleich ganz verlassen.
