Fotografie

Bob Dylan by Jerry Schatzberg

Ein wundervoller Band würdigt den amerikanischen Fotografen Jerry Schatzberg, dessen Aufnahmen von Bob Dylan aus den mittleren Sechziger Jahren Ikonen der wohl produktivsten Ära des legendären Songwriters sind

Bilder

Dylan in Eishockeymaske und Zylinder, neben ihm ein Freund in napoleonischer Pose und Monstermaske, ein surreales Duo. Klar und in scharfen Farben aufgenommen irgendwann im Jahr 1965 als der Fotograf Jerry Schatzberg den Songwriter bei dessen Aufnahmen zu „Highway 61 Revisited“ begleiten durfte. Es sind professionelle Fotosessions im Studio gewesen. Anderes Motiv: Dylan posiert, ganz der dünne Joker, im Anzug und Hut, hinter ihm hängt eine Art Papierkimono.

Auf weiteren Aufnahmen sieht man den 25-jährigen Lockenkopf nachdenklich an der Kamera vorbeiblicken. Schatzbergs bekanntestes Dylanbild landete auf dem Cover von dem Album danach, „Blonde On Blonde“. Ein unscharfes Porträt, skeptischer Blick, der schwarz-weiße Schal. Der Rest ist Geschichte. Schatzberg, eine halbe Generation älter als Bob, war zu jener Zeit noch nicht der Starfotograf der er später werden sollte, als seine Fotos regelmäßig in Magazinen wie „Vogue“, „Esquire“ und „McCalls“ erschienen und er sich ab 1970 auch einen als Regisseur gemacht hat.

Die mittleren 1960er gelten als Dylans legendärste und vielleicht produktivste Ära. Bis zum  Motorradunfall und der Auszeit in Woodstock, revolutionierte er mit drei Alben („Bringing It All Back Home“ (1965), „Highway 61 Revisited“ (1965) und „Blonde on Blonde“ (1966)) die Musikgeschichte. Er elektrisierte den Folk und etablierte das Songwriting als ernstzunehmende literarische Gattung, nicht zuletzt für diese Arbeit wurde er 2016 mit dem Literaturnobelpreis gewürdigt.

Fotos von Dylan, die von Schatzberg aber auch der anderen Dylan-Fotografen wie Daniel Kramer oder Elliot Landy, dokumentierten und inszenierten den Künstler, der wie sonst wohl nur Elvis Presley und die Beatles, die moderne Pop-Geschichtsschreibung prägte. Das opulente Fotobuch „Dylan/Schatzberg“, das in Deutschland bei Prestel herauskam, ist ein ästhetisches Manifest. Großformatig, in klarem Layout und mit O-Tönen von Jerry Schatzberg versetzt, wirken die teilweise noch nie veröffentlichten Fotos taufrisch und nicht als wären sie vor über einem halben Jahrhundert entstanden. Es ist Dylans Coolness, die bildliche Entsprechung seines quecksilbrigen, scharfen Klangs jener Zeit, die in eine Zukunft weisen, die er selbst in den folgenden Jahren und Jahrzehnten mit diversen Finten und Umdeutungen selbst unterhöhlte, widerlegte und dann doch wieder, im hohen Alter, in eine Art Gesamtkunstwerk übersetzte, aus dem sich die Persona Dylan formte und heute, obwohl noch schöpferisch und präsent, längst zum zeitlosen Mythos transformierte.

„Dylan war das beste Fotomotiv überhaupt. Du musstest nur mit dem Fotoapparat draufhalten und dann passierte etwas“, sagte Schatzberg über die Sessions. Denn Dylan ist und war schon damals ein Mann der Kontrolle und des Überblicks, der sich seiner Wirkung und seiner Präsenz ständig bewusst war. Auch die intimeren, nicht inszenierten Motive, etwa Dylan im Studio beim Gitarrenspiel oder am Mikrofon, erscheinen weniger als Schnappschuss als viel mehr als Dialog zwischen dem Fotografen und dem Fotografierten. Nur die Live-Bilder, die Schatzberg zwischen den Tagen im Foto- bzw. Aufnahmestudio machte, wirken wie business as usual, wenn auch legendär, wie nahezu alles was Bob Dylan in den Sechzigern angestellt hat, fallen sie im Vergleich doch ab von dem eigentlichen fotografischen Hauptwerk.

Das Schatzberg-Buch ist der seit langem schönste Fotoband zu Bob Dylan und auch wenn sich Publikationen zu dem größten anzunehmenden Songwriter aller Zeiten mehr als häufen, für Dylan-Fans oder solche, die es noch werden wollen, gibt es 2018 kein passenderes Geschenk.

Jerry Schatzberg: Bob Dylan (Mit frühen, unveröffentlichten Aufnahmen), Prestel, 264 S., Hardcover, 59 €