Literaturnobelpreis

Bob Dylan

Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Heute wird Bob Dylan 75.

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„Oh, hear this Robert Zimmerman, I wrote a song for you, About a strange young man, called Dylan“, sang David Bowie 1971. Selbst ein Gigant wie Bowie kam nicht umhin, seine Ehrfurcht und Begeisterung für den schlaksigen Sänger aus Duluth, Minnesota öffentlich zu bekunden. Zu jener Zeit war Dylan gerade mal 30. Die Beatles saßen zuvor bei einem 25-jährigen Dylan während dessen legendärer England-Tour in der ersten Reihe der Royal Albert Hall und schauten sich Mitte der Sechziger die Ausweitung der Popzone aus der Nähe an. „Elvis hat den Körper befreit, Bob Dylan den Geist“, sagte Bruce Springsteen später über den Paradigmenwechsel, der sich infolge von „Highway 61 Revisited“, „Bringing It All Back Home“ und „Blonde on Blonde“ ereignete. Die drei Alben auf denen Dylan sich elektrisierte und jenen „that thin, that wild mercury sound“ erfand, erschienen zwischen 1965 und 1966, nach denen sollte nichts mehr sein wie es war.

Wahlweise als Picasso oder als Einstein der Popmusik wird Dylan heute bezeichnet. Seine Bedeutung, sein Einfluss, seine Visionen fanden Einschlag in Musik, Film, Literatur, Zeitgeschichte und Wissenschaft. Mit Preisen überhäuft, auf Millionen von Buch-, Zeitungs- und Magazinseiten analysiert, in Filmen und Fotos dokumentiert, türmte sich die Persona Dylan zu einem kulturellen Tsunami auf. Fakten, Anekdoten und Statistiken liebt der Dylanologe seit jeher, jeder Satz, jedes der seltenen Interviews, werden auseinandergenommen und auf tausenden von Internetseiten, in Blogs und Foren diskutiert. Gleich neben den Setlists, obskuren Neuigkeiten und halbwegs illegalen Konzertmitschnitten der vergangenen 56 Jahre, die im Netz zu hunderten kursieren.

Seine bald 40 Studioalben, Live- und Best-Of-Veröffentlichungen, die „Bootleg Series“ mit raren und unveröffentlichten Aufnahmen, sein Gesamtwerk also, zeichnet rückblickend die Entwicklung und musikalische Geschichte der USA nach. Eine Ära in der sich die Vereinigten Staaten musikalisch wie popkulturell zur globalen Leitkultur emporschraubten und zumindest in der nördlichen Hemisphäre nachhaltig den Ton angaben, einen Ton den auch Dylan mitkomponierte.

In jeder seiner Inkarnationen, ob als protestliedsingender Folkie, amphetaminbedröhnter Beatnik, gläubiger Jude, wiedergeborener Christ, abgewrackter Rockstar oder Elder Statesman des Rock’n’Roll mit Western-Suit und Oberlippenbärtchen, bis hin zur neusten Figur als Nachlassverwalter des Great American Songbook, war Dylan stets durch und durch amerikanisch. Er zapfte die Gegenwart an, selbst wenn er nicht direkt auf sie Bezug nahm, schöpfte dabei aus dem historischen Kapital – dem Folk, Blues, Country und so vielem mehr – und verformte das Erfahrene zu etwas Gegenwärtigem. Bis zuletzt, denn wie soll sein an Frank Sinatra orientiertes neues Album „Fallen Angels“ anders verstanden werden, wenn nicht als ein Bekenntnis zum Alter? Denn ist die Gegenwart eines 75-jährigen nicht auch eine mehr oder minder nostalgische Auseinandersetzung mit der Jugend, in Dylans Fall also den Liedern aus der Frühzeit der amerikanischer Popkultur. Bei all dem blieb er stets subjektiv, singulär und schwer fassbar. Eben ohne „Stimme einer Generation sein zu wollen“ oder als politisch aktiver Künstler wie Joan Baez, Bono oder Neil Young sein zu wollen.

Seine Bedeutung und Präsenz behielt er dennoch im Auge. Unentwegt auf Tour mit gut 100 Konzerten pro Jahr seit über 20 Jahren, einem formidablem künstlerischen Comeback spätestens seit „Time Out Of Mind“ (1997) und einer großartigen Autobiografie „Chronicles“ auf deren Nachfolgebände die Welt noch wartet.

Er verstand es von Beginn an ein Geheimnis um sich zu erschaffen, wenn auch viele der frühen „Mysterien“ längst von der Forschung gelüftet wurden. Aber wer weiß schon so genau wo und mit wem Dylan privat lebt, im kalifornischen Malibu wohl, aber wann ist er überhaupt dort und ist das wichtig? Man weiß doch auf der anderen Seite doch so viel von ihm, von seiner Malerei, die es vor einigen Jahren in einer großen Ausstellung in Chemnitz zu sehen gab, und dass er boxt und gerne Gartentore schweißt, eins soll er Paul Simon verkauft haben. Und in mehr als 100 Ausgaben der „Theme Time Radio Hour“ bewies er sich als begnadeter Radiomacher.

Von Außen wirken seine vielfältigen Betätigungsfelder zusammengenommen wie das „große Leben“. Mit Erfolg, Geld und Anerkennung gewürdigt, als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt und von schier unerschöpflichem künstlerischen Drang beseelt. Das alles macht ihn wohl einzigartig, dass alles macht ihn bedeutend, und doch, jenseits all dieser Fakten und Werke ist Dylan ein getriebener, vielleicht gar ein einsamer Künstler. In den „Chronicles“ deutet er es selbst an und auch Martin Scorseses Doku „No direction home“ oder Tod Haynes’ mulitiperspektivische Annäherung „I’m not there“ nehmen den Moment der Heimatlosigkeit, der Suche nach Identität auf, und Dylans Rastlosigkeit und seine auf weniger als ein Minimum begrenzte Kommunikation mit der Öffentlichkeit, auch von der Bühne aus, spricht diesbezüglich Bände. Als den „König Kauz“ beschrieb ihn gerade der Raketenkommunist Dietmar Dath in seiner Schelte in der FAZ. Dieses Eigenbrötlerische und Unzugängliche, sich Verweigernde und doch Omnipräsente wird von Dylan-Fans wenn nicht gefeiert dann zumindest geschätzt. Man sympathisiert. Der ihm weniger zugewandte Teil der Menschheit, ja auch jene gibt es, die Dylan nicht als größte Autorität anerkennen seit Moses vom Berg hinabgestiegen ist, sieht darin nur einen Grund mehr ihn abzutun.

In gewisser Weise muss man sich aber zu ihm Positionieren, zumindest wenn man sich mit Musik und Pop und Kultur auseinandersetzt. Die Floskeln, dass man nicht „an ihm vorbeikommt“ und dass sich hier „die Geister reiben“ stimmen. Auch das ist ein Aspekt von Dylan als einem alles durchdringenden Phänomen. Er wird zum Teil der Biografie von einem selbst. Ganz unabhängig von Songs wie „Blowin‘ in the Wind“ oder „Like a Rolling Stone“, trägt wohl nicht jeder Mensch, aber doch viele einen kleinen Dylan in sich selbst. Es existiert eine Dylan-DNA wenn man so will.

Gegen Ende singt Bowie in seinem Lied: „You gave your heart to every bedsit room, At least a picture on my wall, And you sat behind a million pair of eyes, And told them how they saw, Then we lost your train of thought, The paintings are all your own, While troubles are rising, We’d rather be scared, Together than alone“.

Happy Birthday, Bob!

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