Kino & Film in Berlin

Bong Joon-ho über seinen Film „Snowpiercer“

Snowpiercer_13_Bong_Joon_ho_c_MFAFilmDistributioneHerr Bong, „Snowpiercer“ hat eine antikapitalistische, systemkritische Tendenz. Der Film richtet sich gegen Reiche, welche die armen Menschen im Elend leben lassen. Teilen Sie diese Einstellung?
Ja, das ist meine Sicht der Welt. Der Film zeigt zwei Arten, wie man dieses System verändern kann. Da ist dieser Curtis, der nach vorne stürmt, um mit Gewalt die Herrschaft an sich zu reißen und die Welt zu verbessern, quasi per Revolution. Und dann gibt es den Koreaner, der aus dem Zug, also aus dem System vollkommen aussteigen will. Das wäre eher meine Vision: es eskalieren lassen, aus dem System aussteigen und einen Neuanfang wagen, etwas Neues schaffen.

Der Film wirft eine Reihe von ethischen Fragen auf: Ist Kannibalismus zu rechtfertigen in höchster Hungersnot? Sind Revolutionen notwendig, um sozialen Wandel herbeizuführen?
Schwierige Frage. Zu Beginn der Geschichte vor 17 Jahren hatten die Leute im letzten Zugabteil ja praktisch wie in der Hölle gelebt, und wenn man sich in solch einer extremen Situation befindet, ist es natürlich, dass diese Überlebensinstinkte hochkommen. Aber in dieser Hölle ist es auch wichtig, dass man einen moralischen Führer hat, wie (den von John Hurt dargestellten – d. Red.) Gilliam im Film, der sich aufopfert und seinen Arm abschneidet für die anderen zum Essen. Ob es allerdings in der Realität so einen geistigen Führer geben kann, der sich derart aufopfert, bezweifle ich. In der Gegenwartsebene des Films merkt man, wie der alt gewordene Gilliam nun kollaboriert mit dem Despoten Wilford, um das Volk zu unterjochen. Sie sind alte Freunde, und anhand der Figur des Gilliam wird gezeigt, wie sich Menschen im Laufe der Zeit auf erschreckende Weise zum Negativen verändern können. Auch wenn man sich diesen Curtis anschaut – nach außen hin ist er der Revolutionsführer, aber ich sehe ihn als eine Figur mit schwacher Persönlichkeit, die in Traumata aus seiner Vergangenheit verhaftet ist. Wilford will ihn mit seinen Reden umgarnen, und womöglich fehlt Curtis die charakterliche Stärke, um nicht darauf einzugehen. Gott sei Dank blockt er im letzten Augenblick diese Verführungsversuche ab, aber es wäre auch denkbar, dass er auf die Einflüsterungen von Wilford eingehen und ein noch schlimmerer Despot als Wilford werden könnte.

Die Eiszeit-Katastrophe wird mittels Chemikalien-Einsatz von Wissenschaftlern ausgelöst. Sehen Sie in der rapiden Fortentwicklung der Technik eine Gefahr für die Menschheit? Das Ende des Films bedeutet ja so etwas wie: Weg vom Hightech, zurück zur Natur.
Wissenschaft und Technik sind nicht an sich gut oder böse. Die Gefahr besteht darin, wie sie von den Reichen, den Investoren und Machthabern genutzt werden.

Sie avancierten mit den Kassenknüllern „The Host“ und „Snowpiercer“ zum erfolgreichsten Regisseur Koreas und wurden selber reich. Hat das Ihr Leben verändert?
Bei „The Host“ habe ich mich selbst gewundert, warum ich so viel Geld damit verdiene. Aber das hat nicht wirklich Einfluss auf mein Leben genommen, ich lebe so wie früher auch: Ich arbeite, schreibe, zeichne Storyboards, drehe Filme. Was es an Veränderungen gibt, sieht man, wenn man in meine Wohnung schaut: Da bin ich heute mit teurem DVD-Player, Fernseher, technischem Gerät viel besser ausgestattet als früher.

Haben sich Ihre Vorstellungen vom Filmemachen geändert seit Ihrem Kurzfilm „Incoherence“ (1995) bis zu einer Großproduktion wie „Snowpiercer“?
Nach wie vor mache ich Filme, die ich selber gerne sehen möchte. Bei kommerziellen Filmproduktionen gibt es natürlich Einschränkungen, man muss die Interessen des Investors und der Vermarktung beachten. Also muss ich mein Anliegen und meine Vorstellungen entsprechend gestalten, zum Beispiel in Form eines Genrefilms wie „Snowpiercer“; der Film muss unterhaltsam für das Publikum sein. Ich habe aber durchaus vor, wieder einen Film mit kleinerem Budget zu drehen und mich mehr um Charakterzeichnung und visuelle Details zu kümmern.

Interview: Ralph Umard

Foto: MFA+ Filmdistribution e.L.

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