Tokio Metal

Boris

Man kann es Atsuo, Takeshi und Wata nicht verdenken, dass sie vor kurzem ans Aufhören dachten. Die drei sind seit einem Vierteljahrhundert das Drone-Metal-Trio Boris. Eine Zeit, in der sie es in Sachen Produktivität locker mit ihren Vorbildern Melvins aufnehmen konnten: Mit einem neuen Werk pro Jahr konnte man rechnen. Doch nach dem letzten Triple-Album von 2015 fühlte sich Japans Underground-Instanz am Ende – alles schien gesagt und getestet: ob Punk-gefärbter Sludge-Metal oder ätherischer Shoegaze-Pop. Das Happyend vorweg: Soweit ist es nicht gekommen.

„Dear“ heißt das Album, das nun nicht das Finale, sondern den 25. Geburtstag der in Tokio lebenden Band einläutet, die sich Anfang der 90er-Jahre an der Uni kennen lernten. Nicht wenige Einflüsse entdeckte das Trio damals durch die Tätigkeit ihres Drummers Atsuo: Der arbeitete in einem Indie-Plattenladen und grub in den Kisten nach amerikanischen Langsam-Dröhnern wie Earth, Sleep oder eben Melvins.

https://www.youtube.com/watch?v=p6QSinzz8tQ

„Dear“ erinnert nun an eine Reise in die eigene Vergangenheit: Die Single „Absolutego“ ist schlüssig nach dem Debütalbum von 1996 benannt, das damals nur einen langen Track enthielt und das Drone-Genre in Japan einführte. Der Pfad führt entlang heilig-ernster Prog-Epen und verwunschener Stimmungsstücke, in denen Gitarristin Watas Elfengesang einen Hauch J-Pop-Exotik verströmt. Nein, wie ein Schlusskapitel wirkt „Dear“ kein bisschen.