Dark Wave

Boy Harsher treffen den Zeitgeist

Aus der US-amerikanischen Provinz direkt ins Herz der Finsternis: Boy Harsher treffen mit ihrem düster-romantischen Dark Wave, der seltsam bekannt und trotzdem ganz neu klingt, den Zeitgeist

Foto: Nedda Afsari

Northampton, Massachusetts. Eine Collegestadt, idyllisch im Nirgendwo gelegen, weitab der Küste, zwischen Hügeln und Connecticut River. Nicht gerade der Sehnsuchtsort, aus dem Popträume gestrickt sind. Und gerade deswegen vielleicht die perfekte Heimat für die dunklen Welten, die Jae Matthews und August „Gus“ Muller als Boy Harsher erschaffen. Genau hier haben sie in monatelanger Arbeit ihr mittlerweile drittes Album „­Careful“ geschrieben und aufgenommen.

Das Anfang Februar veröffentlichte „Careful“ ist eine Abfahrt in die Finsternis, aber eine sehr tanzbare Finsternis, eine Finsternis, in die ab und an auch Licht hineinfällt, um zu zeigen: Es geht auch wieder weiter. Irgendwie. Und vor allem: Gemeinsam. Denn Matthews und Muller sind nicht nur musikalische Partner, sondern auch privat ein Paar. Zusammengebracht hat die beiden ehemaligen Filmemacher ihre künstlerische Arbeit, gleichzeitig inspiriert die private Beziehung auch ihren künstlerischen Ausdruck.

Kennengelernt haben sich die beiden in Savannah, Georgia, tief in den Südstaaten der USA mit ihrer grausamen Geschichte, ganz eigenen Kultur und Gothic-Ästhetik. Stark in der lokalen Kunstszene involviert, führten Matthews und Muller dort eine Mischung aus Galerie und Veranstaltungsort. „Ich habe mich Gus aufgedrängt, weil ich unbedingt mit ihm Events veranstalten wollte”, erzählt Matthews. In Northampton leben sie zurückgezogen, auch weil die dortige Szene in den umliegenden Städten verstreut ist. „Wir hätten nicht in Berlin oder New York als Band starten können“, meint Muller, „die Erwartungen wären zu hoch gewesen.“ Und vielleicht auch die Ablenkungen und Versuchungen. In Savannah und vor allem in Northampton aber regiert das DIY, das Do-It-Yourself-Prinzip – wenn man nicht selbst kreativ ist, passiert eben nichts. Beide Orte sind auch nicht bekannt für elektronische Musik oder überhaupt für ein pulsierendes Nachtleben. So bauten Boy Harsher ihre eigene Welt auf, spielten Konzerte vor vielleicht zehn, höchstens 20 Zuschauern in Wohnungen oder Galerien, konnten sich ohne Druck entwickeln – um dann mit dem Song „Pain“ im Jahr 2014 einen richtigen Hit hinzulegen.

Die Zeiten mit zehn Zuschauern im Publikum sind aber eindeutig vorbei. Das Konzert im Berghain war nach seiner Ankündigung fast umgehend ausverkauft, der daraufhin anberaumte zweite Berlintermin im Urban Spree mittlerweile ebenfalls. „Immer wieder sagen Leute, ihr passt nach Berlin“, erzählen die beiden, was ihnen fast schon ein bisschen unangenehm zu sein scheint. Dabei ist es gar nicht verwunderlich, dass ihnen die Stadt – wie fast das gesamte Internet – zu Füßen liegt: Ihre Alben sind der perfekte Soundtrack, um im Winter durch die kalten, lebensfeindlichen Straßen zu spazieren. Gleichzeitig erfasst ihre nihilistische 80er-Attitüde die politische und soziale Unsicherheit unserer Zeit ziemlich gut – was vor 30, 40 Jahren die Angst vor atomarer Eskalation und Tschernobyl war, ist heute die Angst vor dem einsetzenden Klimawandel und eines erneuten weltweiten Wettrüstens. Dazu kommt, dass gerade in Deutschland düsterer elektronischer Pop ja sowieso schon immer gut funktioniert, wie die ungebrochene Beliebtheit von Depeche-Mode-Partys und des Leipziger Wave-Gotik-Treffens beweisen, auf dem Boy Harsher letztes Jahr natürlich aufgetreten sind.

Diese Erfolge lassen die Band natürlich nicht kalt: „Die ersten Tourneen waren geprägt von Lampenfieber und Angst, ich war von mir selbst enttäuscht, dachte, ich wäre nicht ich selbst“, erzählt Matthews. „Vor großen Shows bin ich immer noch ziemlich gestresst, aber ich versuche, positiv zu bleiben. Zu lächeln, Gus anzuschauen und ihm zuzuzwinkern, das zeigt mir wieder: Wir sind hier gemeinsam, und das hier ist etwas Besonderes.” Diese intime Nähe zwischen den beiden transportiert auch „Careful“. Matthews und Muller verarbeiten darauf nicht nur ihre eigene romantische Beziehung mit all ihren Höhe- und Tiefpunkten, sondern auch Trauerfälle und Krankheiten in Matthews’ Familie. Sich in diesen digitalen Zeiten einer potenziell unbegrenzten Zuhörerschaft zu öffnen, braucht emotionale Stärke: „Ich habe mein Herz schon immer auf der Zunge getragen“, sagt Matthews, die allein für die Texte verantwortlich ist, „und war schon immer eine öffentliche Person. Aber eher eine öffentliche schüchterne Person.“ Dazu kommt, dass ihre Metaphern meist opak und eigen bleiben. „Ich mache mir im Vorfeld nicht viele Gedanken, was ich genau in einem Song sagen will“, erzählt die Sängerin, „ich gehe vom Gefühl aus und überlege, wie ich das am besten transportiere. Ich kann das aber auch nicht wirklich erklären.“

Das muss sie auch gar nicht. Ihre Stimme erinnert manchmal an ihr großes Vorbild Nico, und wie diese setzt Matthews sie als Instrument ein, kreiert Bilder, die in Mullers Synthie-Sphären verschwinden und dann wieder auftauchen. Was auf dem Album dann mühelos, minimalistisch und treibend klingt, ist das Ergebnis einer extrem intensiven Phase: Ihren Arbeitsprozess bezeichnen die beiden als „Chaos“, mal schreiben sie einen Song zusammen, mal steht erst ein Text, mal hat Muller schon Soundgerüste gebastelt, von denen sich seine Partnerin inspirieren lässt. „Und dann reißen wir wieder alles ein und fangen von vorne an“, lacht Matthews.

Bei den letzten beiden Veröffentlichungen sahen sie Musik allerdings noch als Hobby, seit letztem Jahr ist das anders. Jetzt ist die Musik der Hauptberuf und alle anderen Projekte laufen nebenbei: Matthews veröffentlicht ein Buch, Zines und arbeitet an Filmskripten, Muller als Designer. Als ob das alles aber noch nicht genug sei, leiten sie auch noch ihr eigenes Label Nude Club. Darauf veröffentlichen sie nicht nur ihre ­eigene Musik, sondern auch bald auch die befreundeter Bands und Künstler. „Wir dachten, es wäre schön auch unsere Freunde zu unterstützen.“ DIY or die, eben.

Berghain Di 5.3., 20 Uhr, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, ausverkauft

Urban Spree So 10.3., 20 Uhr, Revaler Str. 99, Friedrichshain, ausverkauft