Kommentar

Brandenburg ist ein Brennglas für allerlei Schieflagen

Brandenburg, das zerrissene Bundesland vor den Toren Berlins, ist eine Wüstenei. Die Bevölkerung schrumpft und altert – zumindest abseits von Potsdam und anderen Orten im erweiterten Speckgürtel der Bundeshauptstadt.

Foto: @sebaso CCBYSA4.0/ Flickr

Die Hymne zum Trend hat Rainald Grebe schon 2005 verfasst: „Ich fühl mich so leer, ich fühl mich Brandenburg“, dichtete der Kabarettist in einem ikonischen Lied. Die Probleme sind vielfältig: Stadtflucht und Braindrain, Nachwende-Frust und verbitterte Dorfjugend. Dazu der Strukturwandel im Lausitzer Kohlerevier. Jüngst der Klimawandel, der manche Region in ein deutsches Extremadura verwandelt hat.
Brandenburg ist damit Brennglas für allerlei Schieflagen – besonders aber für Fehler nach der Wiedervereinigung. Viel ist verpasst worden. Die Gründung von Hochschulen, um junge Menschen zu locken, ein menschenfreundliches Straßen- und Bahnnetz, Leuchtturm-Projekte in Handel und Gewerbe, frei von Treuhand-Mauscheleien. Und die Entnazifierung der Dörfer. Wenn am kommenden Sonntag ein neuer Landtag gewählt wird, könnte die AfD stärkste Fraktion werden. Angeführt von Andreas Kalbitz, einem Mann, der Björn Höckes „Flügel“ angehört, dem völkisch-nationalistischen Block der Partei. Ob als Wahlsieger oder auf dem Treppchen – der Rechtsextremismus wird sich in Volkspartei-Größe etablieren.
Das einzig Gute ist, dass die AfD nicht in die Staatskanzlei einziehen wird. Weil sich die demokratischen Parteien auf eine Regierungskoalition einigen werden, in welcher Farbgebung auch immer.
Die Konflikte werden SPD, CDU & Co. allerdings nicht allein lösen können. Es braucht eine Vision, mitentwickelt von Bundesministern, politischen Vordenkern und Intellektuellen. Wie auch in anderen Ost-Bundesländern. Was derweil auch helfen könnte: eine enge Liaison zwischen Berlin und Brandenburg. Der BER ist bereits so ein Gemeinschaftsprojekt; die Kooperation in der Lausitz, die ein postfossiler Gewerbepark werden könnte, sollte man noch vertiefen. Baustellen, die wichtig sind – zumal die Bräunung Brandenburgs auch den Senat angehen muss.