Architektur

Brutalismus – Kult am Bau

Früher furchtbar, jetzt fancy: Brutalismus-Bauten zwischen Hype und Hysterie, Anerkennung und Abriss. Wieso die grauen Riesen auf einmal angesagt sind


Text: Iris Braun, Mitarbeit Thomas M. Krüger

Sie erinnern an imperiale Sternenzerstörer, mit ihren brachialen Betonfassaden und schmucklosen Fensterbändern. Früher nannte man so etwas Bausünden und rief nach dem Sprengmeister, jetzt aber erleben die Betonklötze eine erstaunliche Renaissance, auch in Berlin – unter dem Begriff Brutalismus, der ebenfalls zunehmend Eingang in den Mainstream findet.

Das Franklin-Institut
Foto: Matthew Edney

Jetzt brennen nicht nur Fachmenschen, sondern gerade jüngere Leute ohne direkten Bezug zur Architektur für diese so oft geschmähten Bauten. Magazine, Blogs und angesagte Stadtführer berichten plötzlich über diese Wiederentdeckungen wie über ausgestorbene Dinosaurier – das kann durchaus daran liegen, dass die heutige Instagram-Generation noch mit dem Dogma „Beton ist schlecht“ aufgewachsen ist und sich davon jetzt auf ähnliche Art und Weise befreit, wie auch der Baustil einst angelegt war: radikal, kompromisslos und avantgardistisch.

Was ist Brutalismus?
Brutalismus bedeutet nicht „brutale“ Bauten, vielmehr wurde der Begriff geprägt durch Le Corbusiers Definition des rohen Betons: „Béton brut“. Der Architekt, der auch in Berlin mit der Unité d’Habitation (Wohnmaschine) einige der stilbildendsten Unikate dazu geschaffen hat, gilt als Visionär des modernen Wohnens. Eine weitere Definition gibt es bei Alison Smithson und Reyner Banham aus dem 1955: „formale Lesbarkeit des Grundrisses, die klare Zurschaustellung der Konstruktion sowie die Wertschätzung der Materialien“
Allerdings fällt die Abgrenzung zu vielen funktionalistischen Bauten der Nachkriegsmoderne schwer, wie immer in der Baugeschichte gibt es Grenzfälle und Überlagerungen. Da in den Jahren von 1950 bis Ende 1970 besonders schnell und kostengünstig und in großen Dimensionen gebaut wurde, weisen viele der in der dieser Zeit entstandenen Gebäude hohen Sanierungsbedarf auf.

An der Speerspitze der Bewegung steht neben den Architekten entsprechend die Kunst- und Kreativszene, und gerade in Berlin gibt es mit der Akademie der Künste in Tiergarten oder der als Galerie wieder auferstandenen Kirche St. Agnes in Kreuzberg dazu beste Beispiele. Wer sich dann noch das Ex-Rotaprint-Gebäude im Wedding als alternativen Kreativstandort und die Deutsche Oper in Charlottenburg für die Hochkultur anschaut, hat alles, was an Nutzung oder kreativer Umnutzung gut funktionieren kann, in Berlin an diesen vier Standorten gesehen. Diese Bauten sind gleichzeitig Skulptur und Gebäude, betongewordene Pilgerstätten für Fans aus aller Welt, kurzum: Glücksfälle für die Stadt. Und sie funktionieren bis heute auf hohem Niveau, auch dank gelungener Sanierung, privat oder öffentlich finanziert.

Aber wenn man den Berliner Brutalismus in seiner ganzen Problematik und Widersprüchlichkeit erleben will, muss man dann doch nach Lichterfelde. Dort stehen sich unweit des Teltowkanals mit der Mikrobiologie der FU und der ehemaligen Tierversuchsanstalt der Charité zwei Gebäude gegenüber, die beide formal vollkommen der Brutalismus-Definition entsprechen, also ihr rohes Baumaterial und ihre architektonische Konstruktion zeigen. Nichts wird versteckt, nichts beschönigt oder verziert, sondern der Welt werden die Dinge so präsentiert, wie sie sind. Die Zeit, in der solche Bauten weltweit entstanden, sind die Jahre zwischen 1950 bis Ende der 1970er. Kostengünstig und schnell wurde gebaut, infolge des Bevölkerungswachstums und der wirtschaftlichen Prosperität folgend oft in sehr großen Volumen: Wohnbauten zum Beispiel im Hansaviertel, Schulen wie die Reineke-Fuchs-Grundschule in Reinickendorf, Krankenhäuser wie das Urban in Kreuzberg oder das Benjamin-Franklin in Steglitz, dazu Universitäten wie Teile der TU und eben auch Forschungseinrichtungen wie die beiden Bauten in Lichterfelde.

Das Mikrobiologie-Gebäude von Fehling und Gogel ist dabei trotz des massiven Baustoffs eine fast filigrane, helle Angelegenheit, geschwungene Linien und sanfte Anstiege vom Straßenniveau nehmen dem Gebäude die Schwere, es gibt Durchlässe, raumhohe Fensterbänder, Grünflächen und Farbakzente.

Direkt gegenüber steht dagegen mit dem ehemaligen Zentralen Tierversuchslabor der Charité ein dunkler Hochbunker. Unverwechselbar mit seinen herausragenden Lüftungsrohren und Sichtschlitzen, radikal wie sonst kaum ein Gebäude in Berlin zeigt hier die Architektur außen die Funktion innen mit an: Tierversuchslabore gehören zu den ethisch und gesellschaftlich problematischsten Bauvorhaben. Und der „Mäusebunker“ genannte Bau von Gerd Hänska aus den Jahren frühen 1970er Jahren schönt hier nichts.

Bilder

Leider ist dieser Mäusebunker aber auch in anderer Hinsicht problematisch und entsprechend exemplarisch für den Status des Brutalismus. Das Gebäude ist nicht nur sehr sanierungsbedürftig, es steht, wie einige andere Bauten der Zeit, auch unter Asbest-Verdacht und ist seit 2010 deswegen weitgehend leergeräumt. Es findet sich auch auf der Abrissliste, was mittlerweile üblicherweise als Rückbau bezeichnet wird, aber nichts anderes meint.

Eine mögliche Nachnutzung in der jetzigen Form wäre sicher eine Herausforderung, nicht nur wegen des möglichen Asbests, sondern auch wegen der Komplexität des Baus. Ein Konzept wäre gefragt, nur scheint es zurzeit keines zu geben. Eine schwierige Situation, denn so einfach wie früher an der Öffentlichkeit vorbei kann eben auch nicht mehr abgerissen werden, was sicher einerseits an dem Hype um die Bauten liegt, aber auch an der neuen wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser Zeit, die sich nicht nur auf die raue hipsteraffine Ästhetik beschränkt, sondern auch die baulichen Qualitäten, die diese Häuser als architektonische Zeitzeugen ohne Zweifel haben, würdigt, sowie ihre Sanierungsmöglichkeiten auslotet.

Unter dem Hashtag #SOSBrutalism auf Instagram dokumentiert das Deutsche Architekturmuseum daher zurzeit genau solche Gebäude. Unter den über 1.000 Beispielen weltweit, die dort erstmals nach Status erfasst und gelistet wurden, sind auch Berliner Beispiele. Neben dem Mäusebunker findet sich die Kirche Regina Martyrum in Charlottenburg oder die Tschechische Botschaft in Mitte. Eine große Ausstellung, die die Rechercheergebnisse der Onlinedatenbank zusammenfasst, gibt es ab Oktober in Frankfurt am Main, das Interesse daran ist schon jetzt riesig. Ob aber die Mehrheit der Bevölkerung diesen gelisteten Betonbrechern bei Abriss wirklich Tränen nachweinen würde, ist zumindest unklar. Nicht alles, was fachlich aufgeklärte Zeitgeister als authentisch bejubeln, trifft ja den Geschmack derer, die dort nebenan wohnen – vor allem, wenn die Gebäude in schlechtem Zustand sind.

Allerdings wachsen die Fürsprecher jetzt auch auf offizieller Seite, denn der Deutsche Denkmalschutz entdeckt nach und nach nicht nur die brutalistische Bauphase, wie im Falle des Pallasseums in Schöneberg, sondern gleich die komplette Nachriegsmoderne, was allerdings wie im Falle des Schimmelpfeng-Hauses am Zoo keine Überlebensgarantie für sanierungsbedürftige Gebäudekomplexe aus dieser Zeit ist. Aber ein Abriss löst dann zumindest öffentliche Anhörungen und Diskussionen aus – bevor dort, wo einst die Zukunft der Stadt gestaltet werden sollte, dann eben doch eine glatte Investorenarchitektur namens Upper West Side hingestellt wird.


Brutalismus im Netz

www.sosbrutalism.org

Monumente online

Eine Übersichtskarte des Berliner Brutalismus


Lesetipps zum Thema Brutalismus

100 Zeitgenössische Bauten aus Beton

100 Zeitgrnössische Bauten aus Beton

Wer hat Angst vorm grauen Betonmonster? Niemand! Denn so hässlich und fremdkörperartig, als das es häufig verunglimpft wird, ist es meist gar nicht. Wie anmutig und abwechslungsreich der „flüssige Stein“ tatsächlich verbaut wird, zeigt Philip Jodio in der Taschen- Neuerscheinung „100 zeitgenössische Bauten aus Beton“. Nach einer kurzen Einführung in die Materie, lässt er den Beton in seinen vielfältigen Gestaltungsformen auf 730 Seiten wiederauferstehen. Futuristisch, filigran, majestätisch, minimal, verspielt, brutal- Großzügige Bildstrecken und Details geben einen Eindruck vom kreativen Möglichkeitsspielraum des diskreditierten Baustoffs. Betonkunstwerke, nicht nur von Architekturikonen wie Zaha Hadid, Oscar Niemeyer und Herzog & de Meuron.

Philip Jodio, 730 Seiten, ISBN 978-3-8365-4767-3

The Tale of Tomorrow – Utopian Architecture in the Modernist Realm

The Tale of Tomorrow

Wer vom Beton in seinen Bann gezogen wurde, findet weitere Inspiration im Gestalten Bildband „The Tale Of Tomorrow -Utopian Architecture in the Modernist Realm“. Dieser konzentriert sich nicht ausschließlich auf Bauten aus Beton, sondern vielmehr auf den utopischen Mehrwert (brutalistischer) moderner Architektur. Als Botschafter der Zukunft wirken die hier, von Sophia Borges, vorgestellten Bauwerke und beweisen, dass auch die Baustoffmischung aus Zement, Wasser und Gesteinskörnung keineswegs ein stiefmütterlich behandeltes Relikt der Vergangenheit bleiben muss.

Sofia Borges & Gestalten, 400 Seiten, ISBN: 978-3-89955-570-7

Kommentiere diesen Beitrag