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Cancel Culture Club

Bye, bye „American Pie“? Frivole Fremdscham und die Symptome der Zeit

Irgendwie sind die frühen 2000er, die sogenannten „noughties“, nicht totzukriegen. Passenderweise ähnlich klingt das Wort „naughty“ – und kaum etwas zeugt besser von den Symptomen dieser in vielerlei Hinsicht fragwürdigen Zeit wie die zahlreichen Teeniekomödien, deren bekanntester und erfolgreichster Eintrag wahrscheinlich „American Pie“ ist.

Der Artikel ist Teil der Reihe „Cancel Culture Club“, in der wir uns Filmen aus der Vergangenheit widmen – und diese aus heutiger Perspektive neu verhandeln.

Die süßeste Sache des Lebens: „American Pie“ Foto: Imago Images/Everett Collection

Die Themen von „American Pie“: Ihrer Zeit weit voraus

1999 trat der Film mitsamt seiner heillosen Nachfolger eine Welle sich stetig unterbietender Coming-of-Age-Filme los – und ist in Teilen potentiell verantwortlich für die zwischenmenschlichen Verfehlungen einer ganzen Generation, vornehmlich ihrer Männer. Dabei hat diese Ansammlung auf den Bildschirm gebrachter Fremdscham durchaus das Potential, ihrer Zeit weit voraus zu sein; eine Übersicht diverser zumindest angerissener Themenkomplexe liest sich geradezu „woke“.

„American Pie“ befasst sich mit fast allem, was heute Bestandteil hitziger Diskussionen ist: es geht um weibliche Selbstbestimmung, den weiblichen Orgasmus, Umkehrung gängiger Rollenmodelle. Um Enttabuisierung von Masturbation, um die Problematik der richtigen Aufklärung, um asexuelles Empfinden. Gesellschaftliche Reizthemen wie Incels, Cyberbullying und Cultural Appropriation werden angerissen. Und das Bild männlicher Identität wird ordentlich durchgerührt. 

American Pie: Klebrig-süße Misogynie

Nur nimmt der Film dabei konsequent die falsche Ausfahrt. Das Incel-Narrativ ist der Pakt der Hauptfiguren, unbedingt noch vor Ende des Schuljahrs die Jungfräulichkeit abzulegen. Und damit eigentlich auch die Handlung erzählt. Der Zweck heiligt dabei die Mittel – begleitet vom klebrig-süßem Bubblegumpunk Blink 182s und dem klebrig-süßen Inhalt der berüchtigten roten Plastikbecher wird reihenweise getatscht, in Zimmer geschoben, manipuliert.

Geil, prähistorisches Internetmobbing! Foto: Imago Images/United Archives

Höhepunkt des Films ist aber nicht die namensgebende Schändung des noch warmen Apfelkuchens. Vielmehr ist es die Frage, wie der unbeholfene Jim (Jason Biggs) je mit einer Frau schlafen möchte, wenn er es nicht hinkriegt, sie zu filmen. Gesagt, getan, die „nackte osteuropäische Tussi im eigenen Haus“ wird per unwissentlich per Webcam an die ganze Schule übertragen. Und natürlich hat das Softporn-Fiasko keine Konsequenzen für Jim, während die allzu stereotyp dargestellte Nadia (Shannon Elizabeth) gen Heimat geschickt wird. 

Rührselig: Der Proto-Protz mimt den Chorknaben

Doch nicht alle Frauendarstellungen sind willig, großbusig, naiv, schüchtern und auf Verführung wartend. Dazwischen gibt es auch immerhin noch selbstbestimmtere Frauen. Wenn denn die nerdige Darstellung der Michelle oder eben des Vollproll Stiflers namenlose Milf-Mutter dieser Darstellung gerecht werden. Immerhin: Mit der Prägung des Akronyms MILF (Zu Deutsch: Mutter, die ich gern gernhaben würde) haben wir endlich gelernt, dass es auch sexuell aktive, attraktive Mütter gibt und diese, sieht man ja hier, definitiv objektinfiziert werden müssen.

Trailerkunst der frühen 2000er Jahre

Fast rührend erscheint es, dass ausgerechnet der Lacrosse spielende Proto-Protz sich vom Satz „Los Baby, blas mir einen“ zum mustergültigen Chorknaben entwickelt. Auch wenn der Eintritt in den Schulchor erst einmal, man kennt es, dem Vernaschen unschuldiger Chormäuschen geschuldet ist. Alles, was von der testosterongeprägten Norm abweicht, muss exotisiert oder ins Lächerliche gezogen werden. Und die Norm ist doch eher Stifler, der präpotente Vollproll.

So auch „Die Bibel“, ein als von Alumni mit Wissen befülltes Sexhandbuch mystifiziert, das sich wie die Buch gewordene Sammlung an Toilettenkritzeleien liest: „Kenne deinen Feind“ steht dort neben der Abbildung prähistorischer Vibratoren – potentestes Mittel ist dann wohl doch die Manneskraft. Und der mit Bibelexpertise ermöglichte weibliche Orgasmus auch nur eine Etappe zum eigentlichen Ziel: Verräumen.

„American Pie“ fährt an die Wand, was „Sex Education“ nachholt

Dabei gibt es, um beim Revival der naughty „noughties“ zu bleiben, tatsächlich auch gute Teeniekomödien – es hat nur knapp zehn Jahre gebraucht, bis es etwas wie die Serie „Sex Education“ gab. Alles, was „American Pie“ mit Vollgas gegen die Wand fährt, wird dort tatsächlich respektvoll und bisweilen klischeebefreit behandelt, ohne auf genretypisch frivole Fremdschämmomente zu verzichten. So hat dieses Revival dann doch nicht nur Schlechtes.

Stets bemüht: Eugene Levy als Jims Vater Foto: Imago Images/United Archives

Die Kuchensaga übrigens auch: Der stets um behutsame Aufklärung bemühte und dabei hoffnungslos überforderte Vater Jims (Eugene Levy) tritt zur Ehrenrettung des Films an. Der im übrigen, noch immer, mit all seinen moralischen Tiefen auch ein guter Realitätsabgleich sein kann. Und – mit Adiletten, Shelltoes, Chucks und Clydes erwies sich immerhin das Schuhwerk der Filmfiguren als zeitlos.


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