Kultur & Freizeit in Berlin

Café-Pssst!-Chefin Felicitas Schirow über die aktuelle Prostitutions-Debatte

Auch dank Café-Pssst!-Chefin Felicitas Schirow wurde das Prostitutionsgesetz von 2002 ­geschaffen. Ein Gespräch über Alice Schwarzer, Groß­bordelle, Flatrate-Sex und ihren Informationsabend über Prostitution in der Urania

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Foto: David von Becker

Frau Schirow, sind Sie mit dem Prostitutionsgesetz zufrieden, an dessen Entstehung Sie großen Anteil hatten?
Für mich als Bordellbetreiberin und als Prostituierte hat das Gesetz sehr viel gebracht. Ich muss nicht mehr Angst haben, dass jederzeit jemand kommen und mein Geschäft willkürlich schließen kann. Ich kann planen, investieren und den Frauen die Möglichkeit geben, in einem schönen und gepflegten Umfeld zu arbeiten. Durch die Sittenwidrigkeit vorher war das nicht möglich.

In Alice Schwarzers gerade erschienenem Buch „Prostitution – ein deutscher Skandal“ heißt es, dass Deutschland durch das Gesetz ein Zuhälterparadies mit Zwangsprostitution geworden sei.
Das Prostitutionsgesetz, wie es seit 2002 existiert, hat nichts mit Zwangsprostitution zu tun. Das Gesetz ist für in Deutschland lebende, legal arbeitende Prostituierte gemacht worden. Laut des „Bundeslagebildes Menschenhandel NRW 2013“ hat, entgegen der Behauptung von Frau Schwarzer, der Menschenhandel seit Einführung des Gesetzes stark abgenommen. Ich führe das auf die große Transparenz durch das Gesetz zurück. Die Leute von der Steuerfahndung können jederzeit unangemeldet in die Bordelle rein. Da sind auch Leute dabei, die einen geschulten Blick dafür haben, ob eine Frau unter Zwang arbeitet. Würden die Bordelle wieder kriminalisiert werden, müssten die Frauen in einer undurchsichtigen Grauzone arbeiten und hätten keinen Schutz mehr.

Deutschland soll zum Zielort für Sex-Tourismus geworden sein.
In die großen Clubs gehen tatsächlich kaum Ortsansässige. Wer nur mal schnellen Sex will, weil er gerade geil ist, hat keine Lust, 80 Euro Eintritt für so einen Club zu zahlen. Diese großen Paläste machen mehr Sinn für Touristen, die ein schönes Wochenende haben wollen. Und wer freut sich nicht über die Touristen? Die Sex-Workerin und der Bordellbetreiber freuen sich, besonders aber das Finanzamt. Warum soll man das anprangern?

In Alice Schwarzers Buch heißt es, dass der Zuzug ausländischer Prostituierter nach Deutschland in die Höhe geschnellt sei.
Im Rahmen der EU-Erweiterung wurden die Grenzen nach Osteuropa geöffnet. Und nun findet Einwanderung statt, auch in die Sex-Branche. Doch auch vor den Grenzöffnungen kamen viele Nationalitäten nach Deutschland und haben hier in der Prostitution gearbeitet, allerdings illegal. Die Frauen waren entsprechend schutzlos.

Flatrate-Bordelle sind ein Phänomen der letzten Jahre.
Die werden auch in der Branche mit großer Skepsis betrachtet. Auf die Sex-Workerinnen wird dort großer wirtschaftlicher Druck ausgeübt.

Wie viele Prostituierte gibt es in Berlin?
Ich hatte mal eine Anfrage an die Polizei gerichtet, die haben mich ans Familienministerium verwiesen, dies dann wieder woanders hin. Die Einzigen, die Bescheid wissen, müssten die Leute von der Kripo sein, die auch die Razzien machen. Die wissen, wie viele Frauen in einem Bordell sind. Verdoppelt oder verdreifacht man diese Zahlen, kommt man auf eine realistische Summe. Denn man muss die Frauen, die Haus- und Hotelbesuche machen und nicht erfasst sind, dazurechnen. Und die Frauen, die nur des Geldes wegen mit einem reichen Mann zusammen sind. Das sind für mich Kolleginnen.

Das wären dann aber vergleichsweise monogame Kolleginnen.
Eine Frau ist nicht nur dann Prostituierte, wenn sie viele Freier hat.

Wie freiwillig ist Prostitution, die, wie bei vielen Osteuropäerinnen, aus großer wirtschaftlicher Not heraus erwächst?
Es gibt bei den in Deutschland arbeitenden osteuropäischen Prostituierten viele, die Geld nach Hause schicken. Es tut mir leid, wenn diese Frauen 20 Männer am Tag über sich rüberrutschen lassen müssen, weil sie ihre Familien zu Hause ernähren. Aber da kann das Prostitutionsgesetz nichts dafür. Die Frauen machen das, weil sie ihrer Familie helfen wollen, sich moralisch verpflichtet fühlen.

Von dem Prostitutionsgesetz haben weniger Sie als Initiatorin, sondern vielmehr Großbordelle profitiert. Wurmt Sie das?
Heute geht es überall um den Preis, auch bei Bordellen. Deswegen sind viele Läden, die es jahrzehntelang gab, kaputt gegangen. Aber auch das Internet hat in unserer Branche viel kaputt gemacht. Die Kunden sitzen zu Hause am Computer und bestellen eine Frau zu sich. Das ist ein unüberschaubarer Markt. Aber auch die vielen Gang-Bang-Partys sind eine Riesenkonkurrenz. Für 50, 60 Euro kann ein Mann da viele Stunden lang mit so vielen Frauen vögeln, wie er will.

Arbeiten Sie selber noch als Prostituierte?
Sagen wir mal so: Wenn mir einer nur 20 Euro für Sex bietet, bin ich beleidigt. Bietet einer 200 Euro, denke ich darüber nach. Bei 500 Euro aber bekomme ich Lust. Geld macht geil (lacht).

Sie planen nun eine Doppelveranstaltung zum Thema Prostitutionsgesetz als Reaktion auf den Appell gegen Prostitution. Warum?
Ich war Mitte November bei Frau Schwarzers Buchvorstellung in der Urania. Dort maßregelte sie einen schwerstbehinderten Mann, der sich als Freier geoutet hatte und ihr sagte, es könne nicht stimmen, dass 90 bis 95 Prozent aller Prostituierten keine Freier ablehnen dürften. Wegen seiner Behinderung sei er sehr wohl öfter abgelehnt worden, was er aber auch verstehen könne. Frau Schwarzer riet ihm daraufhin, sich für Sex eine gleichberechtigte Partnerin auf Augenhöhe zu suchen, statt in Bordelle zu gehen. Dabei kann dieser Mann nicht einmal alleine essen. Daraufhin entstand bei mir die Idee zu einer eigenen Veranstaltung. Mit ausgewiesenen Experten wie einer bekannten Rechtswissenschaftlerin, einer Soziologin oder dem Richter Percy MacLean. Und nur mit seriösen Daten und Fakten. Damit man endlich mal erfahren kann, wie es in der Prostitution in Wirklichkeit läuft.

Laden Sie dazu auch Frau Schwarzer ein?
Selbstverständlich.

Interview: Eva Apraku, Erik Heier

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