Musik & Party in Berlin

Camera und ihre „Guerilla-Konzerte“

Die Berliner Krautrock-Band tritt am liebsten da auf, wo sie niemand eingeladen hat. Mit ehrlicher Musik Geld verdienen, ist ihr großes Ziel - ihre Gigs lohnen sich für die Zuhörer bereits jetzt.

cameraInnerhalb von nicht einmal zehn Minuten haben die drei Jungs von Camera ihre Instrumente aufgebaut. Einen Soundcheck brauchen sie nicht, es geht sofort los. Die Gäste im Innenhof des Hotels Michelberger an der Warschauer Straße gucken überrascht, auch Sabine Hammer vom Hotel wusste bis vor einer Stunde noch nichts von einem Konzert in ihrem Hof. Die Berliner Krautrock-Band Camera gibt es seit etwa einem halben Jahr. Seitdem spielen sie spontan irgendwo in der Stadt, am liebsten da, wo sie niemand eingeladen hat und wo niemand mit ihnen rechnet. Im März haben sie sich bei der Echo-Verleihung reingeschmuggelt, Gitarre, Snare-Drum, Laptop und Keyboard aufgebaut und gespielt, bis man sie rausgeschmissen hat. „Guerilla-Konzerte“ nennen sie das.

Jan Soldat, der Manager der Band und Regisseur, filmt den Gig im Hotel Michelberger. Letztes Jahr hat der 25-Jährige den ersten Preis des Kurzfilmwettbewerbs des Berliner Pornfestivals gewonnen. Jetzt arbeitet er an einer Dokumentation über die Band Camera.  Er und die drei Jungs sind befreundet. „Eigentlich wollte ich mich hier heute Nachmittag nur kurz ausruhen und eine Currywurst essen“, sagt er und zeigt auf die Hollywoodschaukel im Hotelhof. Weil ihm der Ort gefiel, rief er seine Band an und sagte ihnen, dass er einen Auftritt klargemacht hätte. „Dabei hatte ich noch gar nicht gefragt“, sagt er und grinst. Erst als die Jungs mit ihren Instrumenten da waren, gab er im Hotel Bescheid. Sabine Hammer war sofort begeistert, postete den Spontan-Gig bei Facebook und buchte Camera für einen offiziellen Auftritt im Sommer.

„Wir wollen stören, die Leute irritieren“, sagt Franz Bargmann, der Gitarrist. „Und wir haben keinen Bock bei Konzert-Agenturen um Auftritte zu betteln“, fügt Michael Drummer, der Schlagzeuger, hinzu. „Also spielen wir, wo wir wollen.“ Fragt man die drei, was sie mit ihren Störaktionen bezwecken wollen, dann bekommt man das übliche Künstlergefasel zu hören: die Musik aus ihren Ketten befreien und ehrliche Musik spielen, die Regeln sprengen, universelle Energie erzeugen, alles relativieren, Widersprüche provozieren, das sei ihr Konzept, sagen sie. Aber eigentlich hätten sie gar keins. Aha.

Nicht nur bei der Echo-Verleihung haben Camera bisher gestört. Bei der Aftershow-Party des Deutschen Filmpreises im April räumten sie erst das Buffet und spielten dann ein paar Songs. Auch hier sind sie natürlich rausgeflogen. Ebenso wie beim Casting zum Levis-Werbespot. Universal dann lud die Band ein. „Die hatten uns beim Echo gesehen und wollten unsere Musik haben“, sagt Bargmann. „Wir haben natürlich nichts unterschrieben.“ Sich an ein großes Label verkaufen, das wollen sie auf gar keinen Fall. Aber Geld verdienen wollen sie als Band schon, am besten möglichst bald. Das Musikmachen sei ja schließlich ihr Beruf. Und vor allem ist es ihr Traum, auf Welttournee zu gehen und in Hotels zu wohnen. Mehr Aufmerksamkeit in der Presse hätten sie schon gerne, aber irgendwie auch nicht. Es ist halt nicht so einfach, wenn man gegen die Maschinerie des Musikbusiness und ihrer Medien ist und sie gleichzeitig braucht, um groß rauszukommen. Bei „TV Total“ auf Pro7 haben sie einen Auftritt zugesagt.

Nach etwa einer halben Stunde ist das Konzert im Hotel Michelberger vorbei. „Weiterspielen!“, rufen einige der Zuhörer. „Die Veranstalter schmeißen uns zwar meistens raus, aber die Leute finden uns gut, egal, wo wir auftreten“, sagt Timm Brockmann, der Keyboarder. Im Hotel Michelberger durften sie ihr Konzert zu Ende spielen. Wenig später, am gleichen Abend auf der Oberbaumbrücke, rückt die Polizei an, die drei Jungs müssen ihre Instrumente nach nur einem Lied abbauen. Zwei bis drei Auftritte pro Abend spielen sie. Die offiziellen Termine findet man auf der Myspace-Seite. „Unsere spontanen Konzerte kündigen wir nicht an. Die Leute finden uns schon“, sagt Jan Soldat, der Manager. Auch wenn man nicht so ganz versteht, welches Ziel die Band mit ihrer Attitüde letztendlich verfolgt, ihre Konzerte, ob Guerilla-Gig oder offiziell, lohnen sich.           

Text: Katharina Wagner

Foto: Alexander Onegin

Camera Kaffee Burger, Mi 25.5., 21 Uhr, AK: 5 Ђ, mehr Termine: www.myspace.com/wearecamera

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